Die ZEIT und eine Debatte über Politikwissenschaft – Teil 2

Zum Abschluss eines tollen Wochenendes in Herford nun der zweite Teil der ZEIT-Debatte über die Politikwissenschaften

Es geht um den Artikel von Julian Kirchherr (http://www.zeit.de/studium/hochschule/2012-05/Politikwissenschaft-Kritik/seite-1) und er ist FDPler, aber scheinbar kein Gesinnungsgenosse wie wir sehen werden. Aber gerade das macht den Liberalismus ja aus.

Fangen wir an:

Sie sind enttäuscht von uns Studenten, weil wir so schweigsam sind

Würde mich brennend interessieren, was unsere Professoren dazu sagen. Nicht nur zum Schweigen, sondern zum ständigen Getuschele und Gezocke. Über ersteres freuen sie sich wohl – ist die Vorlesung eher rum.

Solch Kollektivaussagen wie „wir Studenten“ hätte ich von einem Liberalen aber nun echt nicht erwartet. Herr Kirchherr, ich teile Ihre Meinung nicht, werde aber bis zum letztem Atemzug kämpfen, dass Sie ihre Meinung frei äußern können – frei nach Voltaire.

Ich will Ihnen sagen, warum wir nicht leidenschaftlich über die Barschel-Affäre diskutieren und warum uns Endlosgespräche zu Themen wie Macht kalt lassen: Wir wollen in unseren Seminaren endlich etwas Nützliches lernen. Aber Sie bringen uns nichts Nützliches bei.

Ich fand meine erstes Semester schon sehr nützlich. Allerdings sind wir Powalter ja ohnehin etwas praxisorienierte Politikwissenschaftler, weil wir gleich etwas über die Verwaltung mitlernen, die ja um eine Metapher zu bemühen das Fahrwerk des Politik-Ferraris ist.

Das Studium der Politikwissenschaft ist für uns ein Mittel zum Zweck. Wir erwarten, dass die Dozenten uns die Werkzeuge an die Hand geben, die wir brauchen, um etwas zu bewirken: Als Entwicklungshelfer in Mali, Freelancer bei Spiegel Online oder auch als Berater bei McKinsey.

Das ist es im gewissen Maße durchaus, aber sicher nicht allein. Als Politikwissenschaftler erwartet mich eine Karriere als promovierter Taxifahrer – da sollte ich besser Wirtschaft oder Jura studieren. Wober ich persönlich ja glaube, dass es schnurzpiepegal ist, was man studiert – mitnehmen tut man letztlich vom Pflichtstoff eh sehr wenig – es kommt ganz drauf an, wie man seine Zeit nutzt.

Die drei Jobperspektiven kämen für mich übrigens nicht in Frage. Ironisch schon fast, dass man damit was „bewirken“ kann. Als Entwicklungshelfer ja noch vielleicht, aber das andere scheint mir doch eher Wunschdenken zu sein…

Das sind unsere Träume, aber die Antwort unserer Dozenten lautet immer nur: „Wie wäre es mit einer Diskussion zu Max Weber oder Karl Marx?“ Doch diese Diskussionen führen nicht zu Antworten.

Richtig. Werden sie auch niemals! Aber wer Antworten sucht, scheint mir in einer Naturwissenschaft besser aufgehoben zu sein. Oder in der Philosophie – mit der Gefahr nach 20 Semestern immernoch keine Antworten gefunden zu haben. Allerdings schärft manch Diskussion Geist und Verstand und trainiert die Sichtweise anderer Leute zu verstehen. Letztlich wollen doch alle Menschen nur das Eine Gleiche – bloß auf unterschiedlichen Wegen mit unterschiedlichen Mitteln zu unterschiedlichen Zwecken.

Als ich ein Praktikum beim Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Brüssel absolviert habe, sollte ich Förderanträge schreiben, um Mittel des Europäischen Sozialfonds anzuzapfen. Mein Studium hat mich darauf nicht vorbereitet. Dafür weiß ich Bescheid über regionale Integrationstheorien und den Konstruktivismus. Na toll.

Würde ich sowas an der Uni lernen müssen, weiß ich genau was passiert. Im Gegensatz zu Statistik, wo mich ab und an noch an die Uni quäle, würde ich sowas wohl boykottieren. Wie will sowas auch beigebracht werden? Learning by doing muss die Devise sein  – wofür sind denn Praktika da außer zur Ausbeutung? Außerdem –  längst nicht jeder Politikstudent möchte in die Bürokratiebunker von Brüssel, Straßburg, Berlin oder sonstwo…

Frau Florin, Sie wohnen in einem akademischen Elfenbeinturm. Sie sind verliebt in Theorien und Definitionen. Wegen Dozenten wie Ihnen ist das Studium der Politikwissenschaften so trocken und theoretisch.

Da hat er Recht. Es ist aber wohl eher weniger eine Sache des Inhalts, sondern mehr eine der Kommunikation von Inhalten. Die Themen sind – subjektiv aus meiner Sicht (ich werde ständig gefragt, wie man sich für sowas begeistern kann…) – hochspannend und lohnen tiefergehender Beschäftigung. Gerade wegen den Theorien…

Während die Studenten in Ihrem Seminar schweigen, Frau Florin, brodelt es in den meisten von ihnen. Viele von uns haben schon über einen Studienabbruch nachgedacht. Spätestens zum Masterstudium wählen wir dann eine andere Fachrichtung als Politikwissenschaft. Oder gehen ins Ausland, denn dort wird der Praxisbezug des Studiums hochgehalten.

Oder sie gehen nach Konstanz !? Vielleicht bin ich einfach an der falschen Uni und bin als halber Politikwissenschaftler nicht qualifiziert mich dort drüber auszulassen. Ein Studium-Abbruch kommt jedenfalls nicht in Frage – die Hälfte ist ja quasi schon geschafft. Dass Deutschland im Master nicht unbedingt in Frage kommt, ist hingegen weniger eine Frage des Praxisbezuges, sondern mehr eines der Inhaltsspezialisierung.

Wir jungen Politikwissenschaftler wollen nicht diskutieren, sondern umsetzen. Als ich in den Stadtrat meiner Heimatstadt gewählt worden bin, dachte ich: Als angehender Politikwissenschaftler Kommunalpolitik machen, ein Kinderspiel. Doch das war falsch. Trotz aller Seminare zu Kommunalpolitik war ich heillos überfordert: Doppelte Buchführung? Kontraktmanagement? Budgetierung und Controlling?

Komm nach Konstanz, Junge! Naja, sowas haben wir auch (noch) nicht gelernt. Natürlich ist Kommunalpolitik kein Kinderspiel, auch für Politikwissenschaftler nicht. Juristen haben da es schätzungsweise einfacher. Leider ist die Illusion eines Politikstudiums als Wegbereiter einer Politiker-Laufbahn eine noch weit verbreitete Annahme in der Bevölkerung, der mittlerweile sogar der ein oder andere Studieninteressent anheim zu fallen scheint. Politik ist jedoch viel, viel, viel mehr. Politik ist oft trocken und langweilig, Politikwissenschaft ist es nicht.

In der Universität hatte ich philosophische Essays über die Kommunalpolitik als Schule der Demokratie gelesen. Doch mit der Quintessenz dieser Essays lässt sich nicht begründen, wann eine Schule geschlossen, die Sportförderung gestrichen oder die Preise im Schwimmbad erhöht werden müssen

Womit lässt es sich denn begründen? Wenn überhaupt, nicht durch Kraft von Argumenten, sondern durch pure Ideologie. Über die lernt man im Studium leider herzlich wenig. Könnte ja sein, dass manche Ideen einen zu großen Anklang finden…

 

Wir Studenten wollen einen Kurs in Ökonometrie oder Spieltheorie, aber unsere Dozenten bieten uns nur das nächste Seminar zu Adorno.

O Gott! Ich möchte das nicht. Ich möchte auch keinen Kurs zu Adorno. Wie wär es stattdessen zu einem Kurs zur Geschichte des Liberalismus. Würde dem Autor der kommentierten Zeilen durchaus gut tun. Sein Bildungsideal hat nämlich wenig gemein mit dem humanistisch-liberalen, ob nun von Humboldt oder sonstwem.

Wir wollen nicht Bundeskanzler in die richtige Reihenfolge bringen, denn die Politikwissenschaft ist kein Geschichtsunterricht

Nicht nur, aber auch. Ich sehe die Geschichtswissenschaft als wichtigstes Fach zum Verstädnis von Politik – noch wichtiger als die Politikwissenschaft selbst…

Wir interessieren uns für Mechanismen und Wirkungszusammenhänge: Mit welchen Instrumenten steuere ich den demografischen Wandel? Welche Parteien profitieren und warum, wenn die Wahlbeteiligung steigt? Welchen Effekt hat Einwanderung auf rechtsextreme Gruppierungen?

Das interessiert mich auch. Ist aber nicht unbedingt ein Thema für Vorlesungen. Da könnte man einfach mal zu Kolloquien und Vorträgen gehen und nimmt von dort dann viel mit – viel los ist da leider eher wenig. Ansonsten ist sowas ideal zum Selbststudium: ein gutes Buch, eine Nacht in der Bib – und man ist um ein paar Erkenntnisse reicher.

 

Frau Florin, Sie schreiben, Sie seien eine Beobachtungsexpertin. Das stimmt und das ist das Problem der deutschen Politikwissenschaft: Während Sie beschreiben und beschreiben, wollen wir Studenten erklären und analysieren, um dann Empfehlungen zu erarbeiten und umzusetzen. Wir sehnen uns nach Relevanz, während Sie sich mit uns über Definitionen streiten wollen und in Nostalgie verfallen, dass wir keine Tageszeitung mehr lesen. Wann werden Sie endlich verstehen, dass Online-Medien die Tageszeitungen unserer Generation sind?

Da kriegt er ja noch die Kurve.  Jedenfalls am Ende mit den Online-Medien. Seine Informationen sucht man sich heute selber – dann kann man auch sicher sein – und nur dann – , dass man alles Relevante mitbekommt…

„Was machen denn eigentlich die Absolventen unseres Studiengangs?“, fragen wir unsere Dozenten oft. Doch dann heißt es nur: „Wieso müsst Ihr immer so sehr auf Eure Karriere fokussieren? Konzentriert Euch aufs Studium!“

Taxi fahren !? Oder wenn es gut läuft, Protokolle im Bundestag schreiben !? Manch einer bringt es sogar zum Abgeordneten oder  sitzt in irgendwelchen Bürokratiebunkern. Ein paar schlauere Individuuen kommen noch in der Wirtschaft – Stichwort McKinsey unter – und der Rest? Lebt von Sozialleistungen, die ihre Vorbilder ausgedacht haben…

Zugepitzt gesagt. Tatsächlich sollte man sich auch auf das Studium konzentrieren. Es schadet aber keinem, insbesondere den notorischen 20-Semestlern, auch etwas die Zukunft in Blick zu haben. 20 Semester Studium bedeuten nämlich nicht unbedingt mehr Bildung, wie es ja gerne suggeriert wird. Aber das ist ein anderes Thema…

 

 

 

 

 

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Theorie und Praxis

Bei aller Theorie im Studium, die ich in den vergangenen Wochen gelernt habe wie auch im Moment in mich einflüstere, fällt doch auf, dass Politik- und Verwaltungswissenschaften eigentlich doch  recht praxisnahes Studium ist.

Wer wollte sich nicht immer schon mal beim Bundesverfassungsgericht beschweren? Ich weiß jetzt ganz genau wie das geht und ob ich Aussicht auf Erfolg habe. Außerdem weiß ich auch noch einen Haufen mehr über öffentliches Recht – ab und an mag man das durchaus nutzen können – schließlich schränkt uns das Recht täglich in unserer Freiheit ein…

Deutlich praxisorientierter sind hingegen die Verwaltungswissenschaften. Ob nun der „bargaining“-Mechanismus, verschiedene Lernmodelle oder das „Garbage-Can-Model“ – vieles kann man auch auf die Realität anwenden, das „Garbage-Can-Model“ (Niskanen hats erfunden!) quasi auf alles! Ich weiß auch, wie die ganze Bürokratie tickt, was für Menschen Bürokraten sind und werden und warum überhaupt. Ich möchte klarstellen: nach all diesen Theorien und überhaupt als libertärer Mensch: eine Bürokratenkarriere, ja überhaupt eine vom Staat alimentierte Tätigkeit mag ich nicht mehr ansatzweise in Betracht ziehen. Ständig nur Budgets maximieren, mich mit engstirnigen Eiferen, Staatsmännern und Advokaten herumsschlagen, begrenzt rational zu handeln und überhaupt in einem „circulus vitiosus“ gefangen zu sein, klingt nicht sehr verlockend. Vielleicht folge ich dem Ratschlag unseren Professors und werde Förster. Der ist zwar auch beamtet, aber weitgehend autonom und muss sich nur mit Bäumen, Bären und Beeren herumschlagen. Oder ich lasse mich in den Aufsichtsrat von Schlecker kooptieren – die haben es ja nötig…

Methoden lerne ich hier auch im Studium. Das heisst, ich lerne wie man Zombies befragt, dass Frühaufsteher konservativ sind (kann ich bestätigen), was ein Schwedenschlüssel ist und dass es zwischen den USA und Gr0ßbritannien große Unterschiede bezüglich der Phasen der Beziehungsanbahnung gibt. Durchaus wissenswerte, nützliche Erkenntnisse, die mir in meinem Leben weiterhelfen werden. Im Ernst – man hört doch täglich von neuen Wahlprognosen, Umfragen etc. – jetzt kann ich das ganze viel besser einschätzen und viele Sachen als kompletten Murks abtun, der wohl nur da ist, die Bevölkerung zu täuschen 😉 Vertraue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!

Am praxisnahesten ist aber wohl die Vorlesung „Personal & Organisation“. Die beiden Vorlesungen über „Persönlichkeit“ fassen ein ganzes Psychologiestudium zusammen – ich kann jetzt jeden Menschen ganz genau einschätzen – und mich selbst sowieso. Abgesehen von den Big 5 (Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe, Leopard) bin ich manchmal Typ A, manchmal Typ B, habe manchmal ein Machtmotiv, manchmal ein Beziehungsmotiv, manchmal ein Leistungsmotiv. Alles ziemlich wischiwaschi, wie man sieht. Auch kann ich mich jetzt selbst motivieren, sofern das denn nötig ist, denn meine Motivation scheint intrinsisch und sehr hoch zu sein. Da brauche ich auch garnichts Maslows Bedürfnispyramide, Herzbergs Hygienefaktoren oder Vrooms Valenztheorie – da reicht mir Deci und Ryans Selbstbestimmungstheorie und die Zieltheorie nach Locke und Latham. Es gibt eigentlich keinen Inhalt dieser Vorlesung, den man nicht aufs echte Leben anwenden könnte (und der nicht wischiwaschi ist…). Ob es nun mal wieder ums Lernen geht (meine Lernart ist noch garnicht theoretisch fundiert), um Gruppenverhalten (Teamarbeit ist ganz schlimm!) oder darum, dass Boni nicht motivieren (warum zahlen dann alle Unternehmen Boni?). Mittlerweile sind wir schon bei solch Sachen wie „Spaghettiorganisation“ angekommen – ich frage mich, ob das so lecker ist, wie es klingt…

Die Klassiker der politischen Theorie sind hingegen nicht so praktisch. Auch wenn man natürlich gerne mal hinter Rawls „Schleier des Nichtwissens“ verschwinden würde, dem Lebensstil Schumpeters frönend kreative Zerstörung anrichten wolle oder sich in der Tradition von Aristoteles die praktische Arbeit ganz einfach mal abnehmen lassen würde.

Letztlich bleiben noch die Kenntnisse des gesamten deutschen Politiksystem übrig: alles nicht sehr praktisch umsetzbar, aber sehr praktisch zu wissen. Die gesamten Verfassungen, das ganze Wahlrecht, die ganzen Parlamente, ja noch viel mehr, quasi alles, auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene – der ganze Mist, der sich Politik nennt – ist (bald hoffentlich) in meinem Kopf drinne. Ein Wunder, dass die meisten Leute nicht noch politikverdrossener sind…

 

Wie man sieht – mein Studium ist sehr praxisorientiert. Das alles war alles natürlich nur ein klitzekleiner Ausschnitt der jeweiligen Fachgebiete – und nicht immer ernst gemeint – manchmal hingegen schon….