OB-Wahl in Konstanz 2012 – Analyse

Während die Kandidaten heute um den Einzug ins Konstanzer Rathaus kämpften, schlug ich mich mit Wind und Wellen auf Bodensee und Rhein herum. Dazu mehr und vor allem viele Bilder morgen. Soviel sei gesagt: es war keine Tour, sondern eine Tortur, aber doch ein Abenteuer ganz nach meinen Geschmack, dass aufgrund der Wetterlage nicht in Schaffhausen, sondern leider bereits 10km vorher in Gailingen am Hochrhein endete. Doch morgen mehr…

Die Kandidaten haben gekämpft – manche haben gewonnen, die meisten wohl verloren. Die Ergebnisse im Überblick (http://www.konstanz.de/ergebnisse_wahlen/ob2012.htm): Sabine Reiser 26,8%, Uli Burchardt 25,9%, Sabine Seeliger 20,1%, Sven Zylla 14,3%, Henning Tartsch 4,6%, Andreas Kaltenbach 2,2%, Martin Luithle 1,9%, Benno Buchczyk 1,1%, Mykola Neumann 1,0%, Roman Urban 0,5%, Sylvia Großmann 0,5%, Thomas Linz 0,4%, Klaus Springer 0,1%, Sonstige 0.6%. Wer unter Sonstige zählt würde mich mal interessieren…

Die Wahlbeteiligung war mit 42% sehr gering. Das mag einerseits am Regenwetter gelegen haben, andererseits aber auch vor allem im Bewusstsein, dass es ohnehin eine Stichwahl geben würde. Die Hoffnung ist also groß, dass es in 2 Wochen besser aussieht. Von der Stichwahl hatte ich selbst eine völlig falsche Vorstellung. Ich dachte, es wäre ein Stechen zwischen den zwei besten Kandidaten. Tatsächlich ist es aber eine Wahl wie heute auch, wo man allerdings nur noch die relative Mehrheit der Stimmen benötigt. Kandidaten können jetzt zurückziehen, theoretisch können sogar noch neue Kandidaten ins Rennen einsteigen, wenn sie sehr schnell neue Unterschriften sammeln. Vielleicht steht ja schon wer bereit…

Wer Statements von den OB-Kandidaten hören möchte – der Südkurier hat ein Video gedreht, auf das man sogar ohne Bezahlschranke zugreifen kann. Gehört wohl zum Informationsauftrag.

http://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/konstanz/Video-Das-sagen-OB-Kandidaten-zum-Wahlergebnis;art372448,5575216

Interessant ist es übrigens, mal die einzelnen Wahlbezirke und die dortige Stimmenverteilung anzusehen. Im Wahlbezirk Königsbau Wahlort Uni-Laborgebäude V, zu dem diverse Studentenwohnheime gehören, erreichte Sabine Seeliger  mit 32,4% ein deutlich besseres Ergebnis. Ähnlich sieht es in manch Gegenden der Altstadt aus – ebenfalls Terrain eher junger Leute. In Konstanzs „sozialem Brennpunkt“ Berchengebiet schneidet Frau Sabine Seeliger hingegen vergleichsweise schlecht ab. Wen interessiert da auch Öko? Auf hohe Werte kommt dort Sabine Reiser. Vielleicht durchschauen die Wähler dort Sabine Reiser einfach nicht !? Unter vielen Studis, wenn auch nicht nur, (Uni-Laborgebäude V) erreicht sie gerade mal 13,5%.

Ich möchte die Analyse nicht überreizen – die Dinge fielen mir nur spontan auf. Die Kandidaten werden sicherlich näher damit beschäftigen, um, sofern sie denn weiterhin antreten, in Wahlkreisen, wo sie eher schlecht abschnitten, verstärkt Werbung zu machen. Auch natürlich, um die mickrige Wahlbeteiligung anzukurbeln. Es kann also nur besser werden…

Meine Stimme war tatsächlich ein „Wasted Vote“, in der Stichwahl werde ich sie dann überlegter einsetzen. Sven Zylla überlegt noch, ob er weiter kandidiert, das Rennen dürften Sabine Reiser, Uli Burchardt und Sabine Seeliger unter sich aus machen. Gut möglich, dass Frau Seeliger als lachende Dritte aus diesem Rennen hervorgeht, während die bürgerlich-konservativen Uli Burchardt und Sabine Reiser sich gegenseitig die Stimmen klauen. Ich hoffe es nicht – ich möchte einen Farbwechsel.

Orange wird sicher nicht die Farbe sein. Der Kandidat im Vertrauen der Piratenpartei, Benno Buchczyk ist grandios gescheitert und weiß (siehe Südkurier-Video) selbst nicht, wie er das jetzt einschätzen soll. Aber nicht schlecht, dass manche Leute wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden, die maßlos überschätzend einem Kandidaten der Piratenpartei gute Chancen einräumten. Die habe ich nie geteilt, wie vielleicht schon deutlich geworden ist. Sicherlich bitter für ihn und sein engagiertes Wahlkampfteam – aber so ist die Realität. Ich bin gespannt, ob Benno Buchczyk auch in der Stichwahl antritt…

2 Wochen heißt es also noch warten, dann hat Konstanz einen neuen Oberbürgermeister für 8 Jahre. Eine wegweisende Entscheidung, die Konstanz hoffentlich nicht zurück in die Steinzeit katapultiert. Manche KandidatInnen scheinen da ja ganz heiß drauf zu sein…

Ich werde die ganze Angelegenheiten jedenfalls weiterhin beleuchten und freue mich über das große Interesse. 450 Besucher dieses Blogs am heutigen Tag – nicht schlecht!

OB-Kandidaten-Vorstellung: Sven Zylla

Ich hätte es nicht gedacht, aber auch die OB-Kandidaten sind Nachtmenschen. So kam eben noch eine Mail von Sven Zylla hereingeflattert, der um Entschuldigung für die späte Antwort bittet. Sei ihm gewährt – die „unsichtbare Hand“ regelt den Beantwortungsprozess nämlich richtig gut. Thomas Linz hat mir in einer Mail angekündigt, nach der morgigen „letzten“ Podiumsdiskussion eine Antwort auf Frage 7 zu wissen und mir dann alles zu schicken.

Wie dem auch sei: heute beschäftigen wir uns mit Herrn Zylla.

Er stammt ursprünglich aus dem hohen Norden (Hamburg), wohin es ihn im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit (Verwaltung in Schleswig Holstein; Regierungsdirektor in Mecklenburg-Vorpommern) auch lange Zeit wieder verschlagen hat. Aufgewachsen ist er jedoch unweit in Gailingen am Hochrhein und studierte meinen Vorgängerstudiengang Diplom-Verwaltungswissenschaften, was ihn zweifellos als OB qualifiziert. Er ist SPD-Parteimitglied und setzt sich nicht nur als Referent der Friedrich-Ebert-Stiftung für Juden in Deutschland ein. Weitere Infos wie immer hier:

http://sven-zylla.de/?page_id=160

https://twitter.com/#!/SvenZylla

Über sein Wahlprogramm lasse ich wie immer nicht aus, sondern widme mich gleich seinen recht ausführlichen Antworten:

1.

Das Wahlkampfbudget setzt sich etwa je hälftig aus Zuschüssen der SPD und aus Spenden zusammen. Die SPD hat in den vergangenen Jahren aus den Mitgliedsbeiträgen Rücklagen für die Unterstützung des OB-Wahlkampfes gebildet.

Etwas vage, da keine Zahlen. Sven Zylla ist SPD-Kandidat und sollte auch als solcher verstanden werden. Einer der wenigen Partei-Kandidaten, die sich auch dazu bekennen und nicht um jeden Preis meinen „unabhängig“ zu sein.

2.

Als Gemeinderat in Gailingen habe ich viel mit den Vertretern in unserer Schweizer Nachbargemeinde Dissenhofen zu tun gehabt. Mir gefällt an unseren Nachbarn, dass die persönliche Ebene sehr wichtig ist, also aus guter Zusammenarbeit auch schnell Freundschaften entstehen und dann Kontroversen auch leichter ausgetragen werden können. Ich schätze sowohl die demokratische und die pazifistische Tradition der Schweiz, manchmal auch ihren eigenwilligen Trotz.

Sven Zylla ist Pazifist. Die SPD bekanntlich ja nicht. Macht ihn sympathisch. Die Wertschätzung demokratischer Tradition und sogar des Trotzes auch.

3.

Vieles, was ich heute kann und bin, verdanke ich dem Ehrenamt. Ich war zwei Jahrzehnte in der DLRG-Jugend von der Orts- bis zur Bundesebene aktiv. Wir haben mit den Rettungsdiensten und der Jugendarbeit einen wichtigen Beitrag geleistet, aber ich habe persönlich auch viel gelernt und mitgenommen: Freundschaften, gemeinsames Erleben und Kämpfen für die gemeinsamen Ziele, Auftritte vor 1.500 Menschen – das prägt und hilft.

Zu der konkreten Frage nach dem Führungszeugnis: Die Förderung der Jugendarbeit sollte die Kosten für Führungszeugnisse, die in einem Verein anfallen, mit abdecken.

Meine Worte. Kann ich alles voll unterschreiben!

4.

Solaranlagenbauer – die breite Aufstellung der Konstanzer Wirtschaft ist ihre Stärke, dafür steht auch der Handwerker, der Solaranlagen auf das Dach bringt.

Oberbürgermeister – Alle – jung und alt, Menschen mit und ohne Behinderung, Alteingesessene und neu Dazugezogene, arm und reich – alle haben ein Recht darauf, sich in Konstanz wohlzufühlen. Als Oberbürgermeister werde ich mich dafür einsetzen, dass sie alle zu diesem Recht kommen. Als Kopf der Verwaltung und Mitglied des Gemeinderates kann ich meine langjährige Erfahrung an der Schnittstelle von Politik und Verwaltung hierfür einsetzen.

Studenten – Die Hochschulen prägen die Stadt kulturell und wirtschaftlich und sind ein Pfund, mit dem wir weiter wuchern sollten.

Touristen – ein weiteres wichtiges Standbein der Wirtschaft in der Bodenseeregion, nur mit einer gemeinsamen Vermarktung der Region können wir weiter gewinnen.

Schweizer – Die Zusammenarbeit mit allen unseren Nachbarn, auch denen in der Schweiz, ist auf allen Politikfeldern wichtig, wie man zum Beispiel auch an dem grenzüberschreitenden Programm des Theaters in der kommenden Spielzeit sieht. Ich habe mich bereits mit Stadtammann Netzle getroffen, genauso wie mit den auf deutscher Seite benachbarten Städten und Gemeinden Kontakt aufgenommen. Die Basis für gute Nachbarschaft ist der regelmäßige persönliche Kontakt.

Papst – Für einige Konstanzerinnen und Konstanzer mit Sicherheit am Wichtigsten. Für evangelische Christen wie mich, für Muslime wie meine Frau, für Atheisten, Juden, Hindus, Buddhisten und Menschen mit anderen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen spielt der Papst im Gegensatz zum Martinstag 1417 nur noch eine untergeordnete Rolle, wenn es um das tägliche Leben in Konstanz geht.

Bodenseefelchen – Konstanz ist nicht nur Hochschulstandort mit Blick in die weite Welt, sondern wegen seiner Bodenständigkeit sehr liebenswürdig. Stadt und Region haben viele kulinarische Köstlichkeiten zu bieten, Bodenseefelchen gehören mit dazu.

Die Frage scheint echt gut zu sein, da die Antworten allesamt differieren. Sven Zylla gibt sich mit der Wertschätzung der Solaranlagenbauer einen grüneren Anstrich als Frau Seeliger, gleichwohl ich die Sicht einer breiten Aufstellung der Konstanzer Wirtschaft nicht teilen würde. Auch dem Oberbürgermeister kommt eine herausragende Stellung zu bei ihm: er ist halt Verwaltungsprofi und weiß um seine potenzielle zukünftige Bedeutung! Studenten, Touristen und Schweizer folgen, der Papst ist für ihn nicht, gleichwohl aber sicher für andere wichtig, wie er betont. Bodenseefelchen als Sinnbild für die Konstanzer Bodenständigkeit trotz universitäter Internationalität  ist auch eine nette Metapher.

5.

Als langjähriger Bürger der Hafenstadt Kiel denke ich bei Kreuzfahrtschiffen zunächst an Dimensionen, die ich mir auf dem Bodensee nicht vorstellen kann…

Endlich mal jemand, der die Frage so beantwortet, wie ich es wollte. Die Kieler Kreuzfahrtschiffe wären tatsächlich etwas überdimensioniert.

6.

Freiheit ist ein zentraler Grundwert, denn ohne Freiheit kann der Mensch sich nicht entfalten, das heißt als Bürgerin und Bürger aktiv in der Gesellschaft teilhaben und demokratisch mitbestimmen. Das wissen insbesondere diejenigen, die in undemokratischen Staaten gelebt haben. Und für mich gilt auch der Grundsatz, die eigene Freiheit so zu nutzen, dass sie nicht die Freiheit der anderen unangemessen einschränkt. Die Freiheit der Berufswahl beispielsweise ist erst dann erreicht, wenn die Herkunft eines Kindes nicht mehr darüber entscheiden, ob es in der Schule und darüberhinaus Erfolg hat.

Zum Glasverbot ist zu sagen, dass die Verantwortungslosigkeit von ganz wenigen nicht die Einschränkung der Freiheit aller rechtfertigt, wenn andere Wege offen stehen. Die sehe ich in dem Engagement der Nachtwanderer, im Dialog zwischen Jugendlichen und Anwohnern, und letztlich auch in der konsequenten Durchsetzung der bereits ohne Glasverbot geltenden Regeln.

Für einen SPD-Mann gefällt mir diese ausführlichere Definition von Freiheit mit leichter Einschränkung durch den letzten Satz des ersten Absatzes doch sehr gut.

7.

Andreas Kaltenbach. Er ist derjenige meiner Mitbewerberinnen und Mitbewerber, der das Soziale Miteinander in der Stadt ebenfalls besonders hervorhebt.

Klare Worte von Sven Zylla. Andreas Kaltenbach ist, übrigens ja schon mehrfach von anderen Kandidaten genannt, sicher keine verkehrte Wahl!

Sven Zylla, den ich als SPDler eigentlich erst kategorisch ausschloss, jedoch auch nicht. Seine Antworten klingen intelligent und sympathisch, seine Vita und Taten sprechen für ihn und er kam auch bei der Podiumsdiskussion gut für mich rüber. Ein weiterer Anwärter für meine Stimme also – bald muss ich mich schon entscheiden, so schwierig hatte ich es aber noch nie.

Morgen geht es dann wohl weiter mit dem studentischen Kandidaten Thomas Linz.

OB-Kandidaten-Vorstellung: Sabine Seeliger

Stellen wir heute eine weitere OB-Kandidatin vor: diesmal Sabine Seeliger. Sie durfte ich heute auch bei der Podiumsdiskussion erleben (wie alle Kandidaten), über die ich nochmal separat berichten werde. War teils sehr amüsant. Nicht nur der Anteil der Fragen, die an sie gestellt wurden, lässt den Schluss zu, dass sie ernsthafte Aussichten für das Amt des Oberbürgermeisters hat. Ihre Positionen haben mir teilweise zwar ganz gut gefallen, sind überwiegend jedoch nicht meinen Überzeugungen konform, weshalb sie nicht mit meiner Stimme rechnen kann. Trotzdem – das hat auch die Podiumsdiskussion gezeigt – ist sie eine sympathische Kandidatin, mit der Konstanz und auch ich gut leben könnte.

Das Leben dieser promovierten Biologin, die von der Freien Grünen Liste gesponsert wird, spare ich mal aus, weitere Informationen findet man u.a. hier:

http://sabine-seeliger.de/

https://www.facebook.com/seeliger.konstanz

ein Video ihrer 10-minütigen Vorstellung im Konzil Konstanz: http://www.youtube.com/watch?v=MrF8L-DlU00

Leiten wir auch gleich weiter über zu meinen 7 Fragen und ihren teils sehr pfiffigen und offenen Antworten darauf. An dieser Stelle noch eine positive Ankündigung: nach der heutigen Podiumsdiskussion habe ich mit manchem Kandidaten das Gespräch gesucht und kann nun verkünden, dass wohl alle 13 Kandidaten bei dieser Fragerunde mitmachen, sofern Sie sich an ihre Worte halten. Von Frau Reiser und Herrn Luithle erhielt ich sogar viel Lob für meinen Blog. Wer da wohl heimlich mitliest…

Nun aber zu den Antworten Frau Seeligers, die mich gerade etwas verägert hat, indem sie die Antworten in einer schreibgeschützten Word-Datei zukommen hat lassen. Aber ich habs hinbekommen….

1. Zuerst eine technische Frage: wer finanziert eigentlich mit wessem Geld Ihren Wahlkampf?

Die Freie Grüne Liste hat zugesagt, den Wahlkampf mit bis zu 20.000 € zu unterstützen bei einer Eigenbeteiligung der Kandidatin von mindestens 10.000 €. Die Partei Bündnis 90/Die Grünen Kreisverband Konstanz hat in einem Mitgliederbeschluss einen Wahlkampfkostenzuschuss von 2.000 € beschlossen und ihre Kandidatur einstimmig unterstützt. Außerdem haben bis 13.6.2012 insgesamt 16 Personen einen Betrag von insgesamt 8.896 € für die Wahlkampagne gespendet. Die höchste Einzelspende betrug 2.000 €, die kleinste 10 €.

Im Gegensatz zu Sabine Reiser sind die Informationen über ihre Wahlkampffinanzierung hier deutlich transparenter. Die Formulierung lässt allerdings den Schluss zu, dass sie es nicht selbst geschrieben oder aber nur kopiert hat von einer ähnlichen Frage.

2. Als Konstanzer OB haben sie auch mit Schweizern zu tun. Welche 3 Dinge schätzen Sie an unseren Nachbarn?

1. Ihre Basisdemokratie, Volksentscheide.

2. Dass sie die Teilhabe eines viel höheren Anteils von Migrantinnen und Migranten leisten.

3. Dass sie Urtümliches und Avantgarde nebeneinander gelten lassen.

Antwort 1 finde ich sehr gut. Antwort 2 grundsätzlich auch. Antwort 3 ebenfalls. Mit  1 hatte ich auch gerechnet, die beiden anderen Antworten verwundern auch nicht wirklich.

3. Viele Initiativen unterschiedlichster Art engagieren sich in Konstanz – gerade auch von Studenten. Diese brauchen – gerade wenn sie mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – völlig zu Recht ein erweitertes Führungszeugnis. Diese mit etwa 50€ nicht unerheblichen Kosten werden momentan noch von der Stadt übernommen, was aber geändert werden soll. Würden Sie sich dafür einsetzen, dass erweiterte Führungszeugnisse für engagierte Menschen weiterhin kostenlos bleiben? Wie ist generell ihre Haltung zum Thema Ehrenamt?

Ich werde mich für eine Stelle zur Koordinierung von Ehrenamtlichen, einer „Freiwilligen-Agentur“ einsetzen. Diese Stelle soll Vereine in mehrer Hinsicht unterstützen, z.B. durch Vermittlung von Freiwilligen, durch die Organisation von Dienstleistungen für die Vereine (Buchhaltung, Personalabrechnungen, Versicherungen), durch Beratung, Vernetzung und Erfahrungsaustausch. Wissen und Erfahrung aus gelungenen Projekte wie das der „Sozialen Stadt“ soll diese Stelle auf weitere Quartiere übertragen.

Meine erste Frage beantwortet Frau Seeliger nicht. Den zweiten Teil führt sie aber gut aus und schafft meiner Meinung nach sehr sinnvolle Stellen. Ausnahmsweise also mal eine Befürwortung von Bürokratie meinerseits.

4. Ordnen Sie die 7 folgenden Begriffe nach Ihrer subjektiv empfundenen Bedeutsamkeit für Konstanz (Gleichheit nicht erlaubt!): Touristen, Papst, Studenten, Schweizer, Bodenseefelchen, Solaranlagenbauer, Oberbürgermeister. Gerne auch mit Begründung!

Bodenseefelchen > Studierende > Solaranlagenbauer > Touristen > Schweizer > Oberbürgermeister >>>>> Papst

Wenn es keine Bodenseefelchen mehr gäbe, hieße das, dass eine Katastrophe mit dem Trinkwasserspeicher Bodensee passiert sein muss. Gleiches gilt bei Studierenden und Uni, sowie bei Solaranlagenbauer und Solarbranche. Touristen sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, Schweizer Kundschaft in der Stadt auch, wobei letzteres mehr vom Frankenkurs abhängt als von der Stadtpolitik. Oberbürgermeister halte ich ebenfalls für sehr wichtig, mit sehr großem Abstand folgt dann Papst.

Wie angekündigt zeigt Dr. Seeliger hier ihren biologischen Sachverstand. Die Antwort finde ich sehr originell und hatte sie auch nicht auf dem Radar. Bodenseefelchen gehen also vor die Studierenden (sie gendert natürlich). Als Grüne ist sie natürlich auch für Solaranlagenbauer, die sie wichtiger als Touristen und Schweizer empfindet. Wenn das nicht mal ein Trugschluss ist. Die Erwähnung der „Stadtpolitik“ werte ich mal als bewussten Seitenhieb auf den Gemeinderat bzw. den auch  grünen Noch-Amtsinhaber Horst Frank. Sich selbst nimmt sie natürlich nicht so wichtig (wollen wir es hoffen), aber noch wichtiger als den Papst. Was hätte man anderes erwartet?

5. Wie Sie sicher im Stadtentwicklungsprogramm „Zukunft Konstanz 2020“ gelesen haben (Gesamtdokument, S. 68) besteht die Idee eines Kreuzfahrtschiffes auf dem Bodensee. Zitat: „Einig sind sich die Experten auch darin, dass ein Kreuzfahrtschiff auf dem Bodensee der Region nachhaltig Impulse verleihen würde.“ Würden Sie diese Idee unterstützen – gerade auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit?

Ein Kreuzfahrtschiff zu initiieren steht nicht auf meiner Agenda.

Kurz und bündig, aber unter grünen Gesichtspunkten absolut verständlich. Ich bin in der Frage auch sehr zwiegespalten – verschandet ein etwas größeres Schiff die schöne Landschaft doch genauso wie die vielen Windkrafträder. Andererseits könnte das den Tourismus durchaus noch weiter ankurbeln und auch für zusätzliche Bettenkapazität sorgen – im Winter sogar für Studierende in Konstanz 😉

6. Der Wert der Freiheit spielt auch in Konstanz eine große Rolle. Diskussionen über das Glasverbot oder die Sperrstunde machen deutlich, dass zu Freiheit auch Verantwortung gehört. Was ist ihre persönliche Definition von „Freiheit“?

Freiheit heißt Wahlmöglichkeit und Möglichkeit zur Teilhabe im Sinne von Freiheit von politischen, ökonomischen und kulturellen Abhängigkeiten. Beides, Wahlmöglichkeiten und Teilhabe ist in jedem Einzelfall von vielen Voraussetzungen abhängig.

Sie definiert Freiheit positiv – wie zu erwarten war. Ihre Position gegen Sperrstunde und Glasverbot lässt sich daraus ableiten. Diese Position macht sie für viele der Studenten auch sicher sehr attraktiv.

7. und zum Abschluss: Welchen ihrer OB-Kandidats-Konkurrenten würden Sie am ehesten wählen und warum?.

Zylla oder Kaltenbach – beide wirken sympathisch und ungekünstelt.

Da wird sogar eine Kandidatin noch konkret: vorstellen kann sie sich Zylla (SPD) und Kaltenbach, den ich ebenfalls als eher sozialdemokratisch, aber liberaler, wahrnehme. Diese offenen Worte finde ich jedenfalls sehr sympathisch. In die Verlegenheit dies auch zu tun wird sie aber wohl nicht kommen: ich gehe stark davon aus, dass sie die Stichwahl erreichen wird.

Wie dem auch sei: ich rate wieder zu einer Beschäftigung mit dem Wahlprogramm, insbesondere da Frau Seeliger auch teils kontroverse Vorschläge wie eine City-Maut für die Innenstadt hat. In diesen verkehrspolitischen Fragen – sie ist z.B auch gegen den Ausbau der B33 als Autobahn bis Konstanz (wobei man fairerweise sagen muss, dass sie den Ausbau einer Landstraße mit Anbindung an die Gemeindem am Wegesrand möchte) – besteht ein gewisser Dissens zu meinen Ansichten, die es mir schwer machen, sie als Kandidatin in Erwägung zu ziehen. Letztlich ist sie auch einfach grün: und nach 16 Jahren grün hat das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Konstanz auch mal dringend einen Farbwechsel nötig. Am besten zu garkeiner Farbe!

Morgen folgt wohl die Vorstellung von Benno Buchczyk, sofern nicht noch weitere Kandidaten geantwortet haben. Dann aus Herford, wohin ich morgen wieder 9 Stunden mit dem Zug fahren darf, währenddessen ich einen Essay mit Abgabeschluss am kommenden Montag schreiben muss. Erst gibt es jedoch noch mein letztes Referat dieses Semester – über die Postmarxistin Chantal Mouffe – zu überstehen. Man wünsche mir Glück…