Gedanken zur Bildung in Konstanz

Nach einem geschäftigen Tag beenden wir diesen nun mit einem Blog-Artikel. Zurück in Konstanz muss jedoch erst einmal gesagt werden, dass mein glorreiches Netbook seinen Geist aufgegeben hat. Bevor ich 40€ für eine Diagnose zahle und dann defacto genötigt bin, mögliche Reparaturen durchzuführen, möchte ich die 40€ nicht umsonst ausgegeben haben. Daher – Weihnachten naht – ist nach 3 Jahren auch durchaus ein neues drin. Die Frage bloss ist: Netbook oder Tablet? Ich tendiere zu letzterem. Und dort die Frage: Apple oder nicht? Und LTE – ja oder nein? (LTE ist der neue ganz ganz schnelle Funkstandard, aber noch nicht sonderlich breitflächig verfügbar im Moment).

Wie dem auch sei: nun tippe ich meinen ersten Blog-Beitrag auf meinem alten PC. Das geht genauso bequem. Überhaupt bin ich hier 3-mal so effektiv und schnell wie am Netbook. Auf Dauer gewöhnt man sich dort auf teilweise lange Wartezeiten beim Laden von Programmen – hier ist das nicht der Fall. Nach 3 Jahren Quasi-Stillstand freut sich mein bis dato ständig heissgelaufener PC aber wohl auch mal wieder an etwas Aktivität.

So zocke ich denn tatsächlich auch mal wieder was. Abgesehen von gelegentlichen FIFA-Sessions woanders bot ein Netbook nur Vergnügungen wie Schach, Poker und kleinere Internet- und Browserspiele. Damit kann man zwar auch Stunden verbringen, mal wieder einen alten Klassiker wie Trackmania zu spielen – auch wenn er sich massiv verändert hat – tut aber mal der Seele gut. Man muss es ja nicht übertreiben und wieder die Weltrangliste dominieren – Studium und andere Aufgaben warten…

Das Studium gleichwohl – 7 Wochen sind schon vorbei – scheint noch gar nicht wirklich angefangen zu sein. Es ist nicht so, dass man nichts zu tun hat. Im Gegenteil – manche scheinen unter der Belastung zu ächzen. Aber das Schöne am Studium ist ja: man kann sich seine Zeit selbst einteilen – so ganz ohne Anwesenheitspflichten,  wie man will. So kann ich wie jetzt um 3 noch meinen Blog beschreiben, obwohl um 8 Uhr morgens – sprich in 5 Stunden – bereits eine Vorlesung beginnt. Die sind zwar wirklich nicht schlecht, als Autodidakt ist es für mich aber eine Herausforderung solch Monologen sonderlich lange zu folgen, zumal ich Sie in Eigenregie 10-mal so schnell nachholen kann. In dieser Hinsicht freilich wiegt der Verlust des Netbooks als Ablenkungsobjekt in den Vorlesungen schwer.

Nach 3 Semestern weiß man auch genug Bescheid, wie man sich seinen Stoff einteilt. Powalter haben den Vorteil, dass sie zwar relativ viel zu  lesen (kontrolliert wird das natürlich allenfalls durch die Klausur), aber bis auf die obligatorische Seminar-Hausarbeit am Semesterende wenig zu schreiben haben. Mitschriften habe ich mir noch nie gemacht, Protokolle gibt es nicht, für ein Tutorium, so man denn überhaupt hingeht,  muss man allenfalls mal ein Exzerpt verfassen. Da blickt manch Naturwissenschaftler ganz neidisch!

Inhaltlich ist es durchaus noch spannend. So ganz kann ich als Libertärer der Politikwissenschaft die Existenzberechtigung nicht absprechen. Und auch wenn viele Berufsrichtungen nicht mehr in Frage kommen, so schadet es doch nicht, gewissermassen das Denken des politischen Gegners zu verstehen zu lernen (auch wenn das oft Horror ist).

Auch wenn ich für mein derzeitiges Hauptinteresse – Politische Theorie – eindeutig am falschen Fachbereich bin, so kann man trotz der empirisch-quantitativen Ausrichtung dank der umfassenden Wahlmöglichkeiten sein Studium in die gewünschte Richtung lenken – auch wenn das Angebot vielleicht begrenzt ist. Dank problemloser Anerkennung des Auslandsstudiums kann man aber auch dem Abhilfe tun. Mich zieht es wohl nach Madrid – aber noch ist nichts entschieden.

Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz bleibt jedenfalls – ohne mich jetzt weiter auf die vielen positiven als auch die sehr viel weniger negativen Aspekte einzulassen – ein empfehlenswerter Studiengang, den ich so nochmals wählen würde. Denn man hat das, was von Studenten heutzutage so oft bemängelt wird: Zeit!

Wie man sie nutzt, ist einem jeden selbst überlassen. Ob auf Partys, am See, im AStA-Cafe oder engagiert bei vielen tollen Studenteninitiativen – Möglichkeiten gibt es genug. Gerade in den Politikwissenschaften – und viel wichtiger in diversen Nebendisziplinen kann man diese Zeit unter anderem  auch nutzen, um sich einen Überblick über Anderes zu verschaffen. Wenn so oft von der Wichtigkeit von Bildung gesprochen wird, kann ich das nicht verneinen – ganz im Gegenteil. Aber Bildung ist mehr als Zwangsanwesenheit in schulischen Anstalten wider der Natur vieler Kinder noch der mehr oder minder freiwillige Universitätsbetrieb, in der im Gegensatz zur Schule wenigstens noch Eigenverantwortung und Nonkonformismus ohne Disziplinierung durch Staatsdiener möglich sind. Zur Bildung als lebenslangen Prozess gehört natürlich nicht nur Wissen, sondern viel mehr andere Fähigkeiten.

Wicht ig aber ist: gut verstandene Bildung ist selbstbestimmt. Was heutzutage als Bildung deklariert wird, sollte man eher als Formung bezeichnen. Im Gusseisen des gehorsamen Staatsbürgers werden die Individuuen gepresst, um von der Politik bestimmt und von der Wirtschaft benutzt zu werden. Das ist nicht mein Verständnis einer freien Gesellschaft, in der wir angeblich leben. Bildung sollte bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel Recht/Gesetze) nicht vermitteln WAS, sondern WIE man denkt und die nötigen Ressourcen zur Vervollkommnung dieses Ziels bereitstellen. Wenn eine gewisse Anzahl von Studenten ein Seminar über Karl Max haben möchte, dann sollten Sie das auch bekommen – ob es Ihnen nützt sei dahingestellt. Doch dieses Thema möchte ich hier auch nicht abschliessend behandeln. Das würde auch in eine Diskussion über staatliche Universitäten bzw. privaten Konkurrenten allgemein ausufern, auf die ich beizeiten noch zu sprechen komme.

Ich halte fest: PoWalter in Konstanz zu studieren heisst weitgehend selbstbestimmt zu studieren – dazu in einer zu jeder Jahreszeit wunderschönen Umgebung. Hier hat man auch noch ein Studentenleben – nur 1 Woche vor den Klausuren muss man sich dann schon in der Bibliothek einschließen. Dann reicht es auch für die Klausuren: keine exzellenten, aber doch gute Noten. Erstere sind bei dem Glücksspiel namens Multiple-Choice – ein Thema, das ich bereits mehrfach ansprach – aber ohnehin nur mit einigem an Lerneifer über das gesamte Semester hinweg zu erreichen. So kann man sein Studium natürlich auch verbringen. Leistungswille sollte man respektieren, schätzen und fördern. Noten allerdings sind nicht der einzige Indikator dafür! Genauso wenig wie die Studiendauer und anderes. Wichtig ist nicht, wie man seine Zeit nutzt, sondern was am Ende dabei herauskommt. Die spontane Ordnung, würde ich jetzt sagen, wird das schon richten. Und, um letztlich den Bogen zum Anfang zu schlagen: auch Zocken ist Bildung! Eine sehr bedeutende sogar, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann…

Goodbye Konstanz – ein Schlusstrich unterm 2. Semester.

Manchmal ist man so schockiert, dass einem die Worte fehlen. Dabei klang der letzte Tag in Konstanz so schön in der Strandbar mit ein paar Cocktails aus.

Totalitäre Tendenzen scheinen sich innerhalb der Piratenpartei immer weiter auszubreiten – statt Transparenz wird geschwiegen. Das sollte man sich nicht gefallen lassen. Daher könnte es morgen einige unschöne Enthüllungen geben…
Heute jedoch werde ich noch ein Schlusstrich unter dieses Semester ziehen, welches noch nicht ganz vorbei ist – Hausarbeit und Essay müssen noch geschrieben, abgegeben und benotet werden – jedoch im Sinne der Klausuren schon. 4 Stück waren es – man hielt sie für leicht, was rauskam, war nicht der Brüller. Wenn alle Klausurendurchschnitte im 3er-Bereich (EDIT: gut, nicht ganz richtig geschätzt, aber fast…) lagen und die Durchfallquote jeweils den Modus bildete, liegt der Eindruck nahe, man wolle hier Kapazitäten für das nächste Semester schaffen, in dem die PoWalter-Schar wohl leider verkleinert sein wird. Der Hauptschuldige dafür scheint schon ausgemacht: er heißt „Multiple Choice“ – oder ist es die dritte Nachkommastelle?

Ich selbst, weiß nicht, ob ich zufrieden sein soll. Alles auf Anhieb bestanden, überdurchschnittliche Noten – eine richtig gut – was will man mehr? Doch irgendwie ist man auch ernüchtert, obwohl man das ganze Semester gechillt hat.

Tatsächlich ist der Studiengang Politik- und Verwaltungswissenschaften zeitlich nicht gerade aufwändig. Es reicht aus, sich eine Woche vor und während der Klausurenphase ordentlich Stoff zu geben, um mit guter Leistung durchweg bestehen zu können, nachdem man im Vorfeld rein garnichts gemacht hat. Kommt natürlich immer auf die Ansprüche an, die man an sich selbst hat. Bei mir wäre das, einen vernünftigen Masterplatz zu bekommen – da bin ich weiterhin auf dem besten Wege. Wenn man bedenkt, dass das Grundstudium, sprich die ersten 3 Semester nur 30%, das 4. Semester garnicht und das 5./6. Semester gar 70% der Endnote ausmacht, ist es momentan eigentlich lächerlich über seine Noten einen großen Kopf zu machen. Da reicht es völlig aus, wenn das Mathezeugs wie Statistik knapp bestanden ist, da man ohnehin nicht viel verstanden hat und von dieser Zahlenverdreherei auch nicht unbedingt viel verstehen will (ohne hier jemanden zu nahe treten zu wollen…). Es hat jedenfalls seine Existenzberechtigung und ist sicher in vielen Fällen hilfreich, was man vom Fach Politikwissenschaft im allgemeinen ja nicht unbedingt sagen kann…

Notenphilosophische Überlegungen mal außen vor gelassen kann ich trotzdem sagen, dass ich mit meinem Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaften überwiegend sehr zufrieden sind – mit dem Ort ohnehin. Lediglich der Fachbereich ist arg quantitativ und politische Theorie bzw. Philosophie sehr stiefmütterlich behandelt. Ärgerlich, wenn die zwei besten Noten aus diesem Bereich kommen und der einen ohnehin am meisten interessiert. In diesem Sinne wäre es vielleicht tatsächlich besser gewesen, Politik und Geschichte oder Philosophie oder ähnliche Kombinationen zu studieren. Aber in meiner letztjährigen eher pragmatischen Studienentscheidung lockten noch die Träume über die Bürokratiebunker Brüssels, denen ich mittlerweile nicht mehr viel abgewinnen kann – auch wenn ich das Streben vieler Kommilitonnen danach bestens nachvollziehen kann: http://www.spiegel.de/politik/ausland/eu-beamte-muessen-auch-in-der-schuldenkrise-nicht-sparen-a-847459.html

Politische Theorie ist brotlose Kunst – aber das mag auch nur ein aktueller Gedankensprung sein. Noch studiere ich ja ein paar Jährchen und insbesondere die Ökonomie gewinnt zunehmend an Reiz.

Konstanz jedenfalls ist eine atemberaubende Stadt, die dieses Jahr leider nicht den Sommer hatte, wie ich ihn mir vorgestellt habe. So blieb das Baden im Bodensee auf ein paar wenige Male beschränkt.

Nichtsdestotrotz kann man hier gut sein Studium verbringen – natürlich sehr subjektiv alles – aber mir ist eine gute Auswahl an Eissorten wichtiger als eine gute Auswahl an Tanztempeln. Letztere sind hier in Konstanz nämlich nicht sonderlich pralle…

Auch wenn das Semester wie erwähnt noch nicht ganz abgeschlossen ist, freue ich mich jetzt trotzdem auf 2 Monate Auszeit von Konstanz, in der ich nicht viel Zeit zur Muße haben werde. Hausarbeiten und Essays müssen geschrieben werden, Bewerbungen für Praxissemester auf den Weg gebracht werden, Literatur muss gelesen werden und Pläne müssen geschmiedet werden. Nebenbei winkt die bald endlich beginnende Woche der Freiheit, der Spanisch-Kurs in Granada und eine Reise nach New York. Geburtstag habe ich auch noch! Das werden wahrhaft spannende Zeiten!

In diesem Sinne Goodbye Konstanz – morgen (heute in 7 Stunden) fahre ich mit dem bisher schnellsten Zug, den ich gefunden habe (nur 7 1/2 Stunden),  nach Herford ich bin erst im Oktober wieder hier im Ländle!

Jean-Jacques Rousseau – ein totalitärer Denker?

Heute habt Ihr die Freude, meinen Essay über Rousseau lesen zu dürfen, meine erste akademische Leistung an der Uni.

Wichtig ist: es ist ein Essay und keine Hausarbeit, wissenschaftliches Zitierregeln sind hier also längst nicht so streng. Macht auch keinen Sinn, weil sich die gesamte Argumentation rein auf einen gewissen Textausschnitt bezieht. Es geht auch nicht darum abzuwägen und auf ein Wischi-Waschi-Fazit zu kommen, sondern seine These, nämlich die, dass Rousseau ein totalitärer Denker war, argumentativ überzeugend zu verteidigen. Dies scheint mir auch durchaus gelungen zu sein, auch wenn eine gewisse Überlänge kritisiert wurde oder, wie ich es verstehe und ihr lesen werdet, sind die Argumente zum Ende hin recht schwach und hätten besser wegbleiben sollen. Genauso der „gewagte“ letzte Satz – eine dumme Angewohnheit, die ich schon in der Schule pflegte. Vielleicht lag es einfach an der Müdigkeit, als ich nach 7 Stunden Durchschreiben in der Bibliothek um 4 Uhr nachts die letzten Sätze verfasste. Nichtsdestotrotz durfte ich mich über eine Benotung im 1er-Bereich freuen, in welchem Spektrum genau lasse ich mal offen…

Viel Spaß beim Lesen, und Vorsicht, es könnte einige Zeit in Anspruch nehmen! Ist auch nicht formatiert und wieder in Absätze gebracht, sorry dafür…

Ein Essay zur Fragestellung:
Ist Jean-Jacques Rousseau ein totalitärer oder ein genuin demokratischer Denker? Bitte
erörtern Sie diese Fragestellung anhand einschlägiger Textpassagen aus dem Werk von Jean-
Jacques Rousseau.
Jean-Jacques Rousseau ist zweifellos einer unter den bedeutendsten politischen Theoretikern der
Weltgeschichte, der das politische Denken nicht nur seiner Zeit nachhaltig beeinflusst hat.
Die Jakobiner bei der Französischen Revolution, glühende Verehrer seiner Thesen, ließen seine
sterblichen Überreste 16 Jahre nach seinem Tod sogar triumphal in das Pariser Panthéon
überführen. Ähnliche Bewunderung wurde ihm auch später zuteil: nicht nur Karl Marx, sondern
auch der berüchtigte Vordenker des Nationalsozialismus, der Staatsrechtler Carl Schmitt, waren
Verfechter zentraler Thesen von ihm. Kein Wunder also, dass Führer totalitärer Staaten, ob sie nun
Hitler oder Stalin hießen, ihre Taten in Bezug auf Rousseau rechtfertigen hätten können.
Heißt dies also, dass Jean-Jacques Rousseau der geistige Wegbereiter des Totalitarismus ist?
Diese Frage möchte ich ausdrücklich bejahen und werde im Folgenden darlegen, warum Rousseau
zweifellos ein totalitärer Vordenker war. Zuerst erscheint es mir jedoch nötig, einen Exkurs zu
geben, was „Totalitarismus“ oder „totalitär“ eigentlich bedeuten: laut der Bundeszentrale für
Politische Bildung bezeichnet Totalitarismus „eine politische Herrschaft, die die uneingeschränkte
Verfügung über die Beherrschten und ihre völlige Unterwerfung unter ein (diktatorisch
vorgegebenes) politisches Ziel verlangt.“
Mit dieser Erklärung im Rücken, die sich im Laufe meiner Analyse noch konkretisieren wird,
möchte ich diese nun starten.
Das Werk, dem bei dieser Analyse eine besondere Bedeutung zukommt, ist Rousseaus Theorie über
den Gesellschaftsvertrag. Der Gesellschaftsvertrag versucht, einen Staat zu rechtfertigen, indem
sämtliche Individuen einer Gesellschaft diesen Vertrag zustimmen. Rousseau spricht in jenem Fall
vom „volontè gènèrale“, vom „allgemeinen Willen“ der Individuen, was nicht mit dem „Willen
aller“ verwechselt werden sollte. Letzteres ist laut Rousseau lediglich die Summe privater
Einzelinteressen, der „allgemeine Wille“ als kollektive Willensanstrengung verkörpert hingegen das
höchste Allgemeinwohl.
An dieser Stelle möchte ich mit meiner Kritik ansetzen: Rousseau geht davon aus, dass jedes
Individuum sich dem „allgemeinen Willen“ unterordnet. So schreibt er, die Klauseln des
Gesellschaftsvertrags seien „überall gleich, überall stillschweigend angenommen und anerkannt.“
Die reine Aussage, die Klauseln des Gesellschaftsvertrages seien „überall gleich“ birgt keine
totalitären Tendenzen. Vielmehr mag manch Rousseau wohlgesonnener Essayist dies als Argument
anführen, was für ein genuin demokratischer Denker er doch sei. Gleichheit als zentrales Element
einer Demokratie ist bei Rousseau erfüllt – der Gesellschaftsvertrag ist „überall“, also für alle, in
jedweder Situation, gleich.
Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in ihm ein totalitärer Geist schlummert.
So heißt es nicht nur, die Klauseln des Gesellschaftsvertrages seien für alle gleich, sondern sie seien
auch „überall stillschweigend angenommen und anerkannt.“
Das bedeutet also, jedes Individuum ordnet sich stillschweigend dem Gesellschaftsvertrag, der ja
auf dem „allgemeinen Willen“ basiert, unter. Es akzeptiert ihn nicht nur, es respektiert ihn auch.
Was geschieht jedoch, wenn Rousseaus Annahme des „volontè gènèrale“ nicht gilt, wenn der
„allgemeine Wille“ also nicht von allen stillschweigend akzeptiert und respektiert wird?
Hier kommt Rousseaus totalitäres Gedankengut ins Spiel: er schreibt, „dass jeder, der dem
allgemeinen Willen den Gehorsam verweigert, von dem ganzen Körper dazu gezwungen werden
soll“, nämlich dazu „frei zu sein.“ Rousseau möchte jedes Individuum unter dem
Gesellschaftsvertrag also zur Freiheit zwingen.
Was sei denn daran so schlimm, frei zu sein, mögen die Rousseau wohlgesonnenen wieder fragen:
nun – Zwang ist Zwang, und Zwang ist nicht demokratisch, sondern totalitär.
Das eine gewisse Freiheit neben der Gleichheit ein weiteres zentrales Element einer Demokratie ist
relativiert also nicht die Tatsache, dass dem Zwang zur Freiheit totalitäre Tendenzen innewohnen.
Freiheit unter dem Gesellschaftsvertrag ist für Rousseau eine „bürgerliche Freiheit“ im Gegensatz
zur „natürlichen Freiheit“ im Naturzustand. Das Individuum gibt das unbeschränkte Recht des
Naturzustandes „auf alles, was ihn reizt und was er erreichen kann“ auf, um „bürgerliche Freiheit“
und ein Eigentumsrecht zu gewinnen. Rousseau geht dabei fälschlich davon aus, dass jedes
Individuum nach dieser bürgerlichen Freiheit strebt, die dem Einzelnen sicher Vorteile gewährt, die
aber mit Nachteilen erkauft werden müssen. So ist das Individuum im Naturzustand zwar im
täglichen Überlebenskampf auf sich allein gestellt und muss allgemein mehr Ressourcen aller Art
aufbringen um zu überleben als ein Individuum unter dem Gesellschaftsvertrag, welches weniger
Ressourcen im Überlebenskampf benötigt, weil sein Schutz ihm eben vom Staat gewährt wird, doch
hat es den Vorteil, dass niemand es zwingen kann, freiwillig zu sterben.
Zu jener Grausamkeit lässt sich der Staat jedoch beim Individuum in „bürgerlicher Freiheit“ herab.
So schreibt Rousseau: „Alle Dienste, die der Staatsbürger dem Staat zu leisten vermag, ist er ihm
schuldig, sobald sie das Staatsoberhaupt verlangt.“ Auch der Dienst, „freiwillig zu sterben“, denn
im „Notfall müssen […] alle für das Vaterland kämpfen.“
Er begründet dies damit, dass der Gesellschaftsvertrag die Erhaltung der Gesellschafter bezweckt.
„Wer sein Leben auf Kosten anderer erhalten will, muss es, sobald es nötig ist, auch für sie
hingeben“, damit der Staat als Allgemeinwohl-Organ der Gesellschafter erhalten bleiben kann.
Wenige Gesellschafter müssen sich also opfern, um dem großen Ganzen zu dienen. Ihr Leben ist
„nicht mehr ausschließlich eine Wohltat der Natur, sondern ein […] bedingungsweise bewilligtes
Geschenk des Staates.“
Das Individuum unter dem Gesellschaftsvertrag hat also zu gehorchen. Was passiert jedoch, wenn
es nicht gehorchen will, weil es beispielsweise die natürliche Freiheit als vorteilhafter für sich
ansieht als die bürgerliche Freiheit? Geht man vom Mensch als „Homo oeconomicus“ aus, ist er
nämlich ein gnadenloser Nutzenmaximierer. Ist das menschliche Individuum also stark, schlau und
listig, hat es mehr Chancen bei geringerem Ressourcenverbrauch zu überleben, als das Individuum,
das schwach, dumm und naiv ist. Menschliche Individuen sind eben nicht gleich, sie sollten es nur
vor dem Staat sein, gleich in ihren Grundrechten – auch wenn dies bedeutet, dass im Naturzustand
das „Recht des Stärkeren“ Gesetz ist.
In dieser Hinsicht ist es nicht verwunderlich, dass das schwache Individuum die „bürgerliche
Freiheit“ vorzieht, das starke Individuum hingegen die „natürliche Freiheit.“
Wenn dies tatsächlich geschieht, also einige starke Individuen dem „allgemeinen Willen“ und damit
den Gesellschaftsvertrag weder akzeptieren noch respektieren und gar widersprechen, „so macht
ihre Meinung ihn nicht ungültig, sondern schließt die Gegner nur von ihm aus.“
Rousseau bedient sich also eines Tricks, einer hinterlistigen Täuschung um die Theorie seines
Gesellschaftsvertrages zu retten, frei nach dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht.“
Der allgemeine Wille ist nämlich beim Wiederspruch Weniger nicht etwa ungültig, sondern gültig
nur für diejenigen, die ihm folgen. Nun ist es aus rein logischen Gründen plausibel, dass die Gegner
des Gesellschaftsvertrages fortan nicht im Staatsgebiet bleiben dürfen, da nicht mehr das „Gesetz
des Stärkeren“, sondern das Gesetz des Staates bindend ist. Nach Rousseau bedeutet dies also, dass
die Gegner des Gesellschaftsvertrages nach Gründung des Staates entweder bleiben und als
Konsequenz den Gesellschaftsvertrag akzeptieren und respektieren, oder aber den Staat verlassen
müssen – wie auch immer dies ausgestaltet wird, dazu äußert sich Rousseau nicht.
Wer also in seiner Meinung nicht auf der Schiene des Allgemeinwohls fährt, der muss entweder
entfernt oder umerzogen werden. Dies ist eine weitere, höchst bedenkliche Tendenz im totalitären
Denken Rousseaus, das Erinnerungen an totalitäre Regimes in Vergangenheit wie Gegenwart weckt.
Mit der Theorie des Gesellschaftsvertrages können sie ihre Verbrechen als „allgemeinen Willen“
des Volkes verkaufen – denn wer wiederspricht, ist nicht mehr Teil des Volkes.
So wurden Gegner der Nationalsozialisten im Dritten Reich, denen die Flucht ins Exil geglückt war,
kurzerhand ausgebürgert. Gleiches konnte man auch in der DDR beobachten, als Oppositionelle
reihenweise nach Verbüßung ihrer Haft in die BRD abgeschoben wurden.
Der „allgemeine Wille“ in Verbindung mit dem Gesellschaftsvertrag ist also ein Instrument zur
Legitimierung totalitärer Staatsformen.
Wer meint, Rousseau hätte dieser Argumentation etwas entgegenzusetzen, muss enttäuscht werden.
Er sieht zwar bereits voraus, dass man ihm die Frage stellen wird, „wie der Mensch frei sein kann
und doch gezwungen ist, sich Willensmeinungen zu fügen, die nicht die seinigen sind“, kann diese
aber nicht überzeugend beantworten. Er behauptet allen Ernstes, die Frage sei schlecht gestellt und
gibt eine Antwort, die mit der Essenz der Frage nichts zu tun hat, auch wenn sie es suggeriert.
Den so wichtigen Zusammenhang wie Widerspruch zwischen Freiheit und Zwang als Essenz der
Frage überspielt er, indem er lediglich antwortet, dass „ der Staatsbürger zu allen Gesetzen seine
Einwilligung gibt, sogar zu denen die, wider seinen Willen gefasst werden, ja er nimmt auch die an,
die ihn strafen, falls er es wagen sollte, eines der derselben zu übertreten“.
Er folgert: „der beständig in Kraft bleibende Wille aller Staatsmitglieder ist der allgemeine Wille;
durch ihn sind sie erst Staatsbürger und frei.“
Was passiert, wenn plötzlich der Wille von Staatsmitgliedern nicht mehr mit dem allgemeinen
Willen übereinstimmt, darüber schweigt sich Rousseau aus. Genauso wenig kann er damit auch den
Widerspruch zwischen Zwang und Freiheit plausibel ausräumen. Er kann dies nur, wenn er sich wie
bereits dargelegt, eine eigene Freiheitsdefinition, die „bürgerliche Freiheit“ schafft, in der Zwang
ein legitimes Mittel ist.
Was von so einem Trick zu halten ist, ist bereits dargelegt worden, weshalb ich zu einem weiteren
Aspekt überleiten möchte, der ebenso zeigt, wie totalitär Rousseaus Gedankengut ist.
Bisher stand das Individuum und seine Interaktion mit dem Gesellschaftsvertrag im Vordergrund
der Analyse – dem sich aus dem Gesellschaftsvertrag ergebenden Staat wurde weniger Beachtung
geschenkt. Dabei zeigen sich in Rousseaus Konzeption des Staates weitere totalitäre Gedanken.
Es sei in einem kleinen Exkurs auf Thomas Hobbes verwiesen, der in seinem „Leviathan“, seinem
Hauptwerk, dafür plädiert, einen Souverän mit absoluter Macht an die Spitze des Staates zu stellen.
Das Titelbild dieses Werkes zeigt eben jenen Souverän, mit Hirtenstab als Symbol der geistlichen
wie dem Schwert als Symbol der weltlichen Macht. Sein Körper besteht, wenn man genau
hinschaut, aus Menschen – jenen Menschen, die in den Gesellschaftsvertrag eingewilligt haben.
Eine ähnliche Metapher nutzt auch Rousseau um zu definieren, was eine Staatshoheit ist.
Er schreibt: „Wenn der Staat oder das Gemeinwesen nur eine moralische Person ist, deren Leben in
der Verbindung ihrer Glieder besteht, und wenn seine wichtigste Sorge auf seine eigene Erhaltung
gerichtet ist, so hat er eine allgemeine und zwingende Kraft nötig, um jeden Teil auf die dem
Ganzen zweckmäßigste Weise zu bewegen und nutzbar zu machen. Wie die Natur jeden Menschen
mit einer unumschränkten Macht über alle seine Glieder ausstattet, so stattet auch der
Gesellschaftsvertrag den Staatskörper mit einer unumschränkten Macht über all die seinigen aus,
und eben die vom allgemeinen Willen geleitete Macht wird, wie bereits erwähnt, Staatshoheit
genannt.“
Die Staatshoheit, also das Staatsoberhaupt, hat demnach eine unumschränkte Macht über seine
Glieder – nämlich das Volk, sofern er vom „allgemeinen Willen“ geleitet wird. Wird er nicht vom
„allgemeinen Willen“ geleitet, ist er nicht auf das Allgemeinwohl bedacht, so ist er ein Tyrann, ein
Gewaltherrscher, für den kein Gesellschaftsvertrag gelten kann, wie Rousseau mit den Worten „es
ist ein nichtiger und mit sich selbst in Widerspruch stehender Vertrag, auf der einen Seite eine
unumschränkte Macht und auf der anderen einen schrankenlosen Gehorsam festzusetzen“
begründet.
Nun gehe ich nicht von einem Gewaltherrscher aus – der wäre ohne Zweifel totalitär – sondern von
einem Herrscher, der durch den Gesellschaftsvertrag eine, wenn auch fragwürdige, Legitimation
erhält. Der Herrscher hat laut Rousseau dabei die Möglichkeit, die Macht, Freiheit und das
Vermögen jedes Individuums zu veräußern, sofern er nur das veräußert, „was das Gemeinwesen
nötig hat.“ Dies wird aber ad absurdum geführt, da Rousseau im nächsten Satz schreibt, dass „das
Staatsoberhaupt allein die Notwendigkeit des abzutretenden Teils bestimmen darf.“
Es wird wieder das höchst instabile Konstrukt des „allgemeinen Willens“ bemüht, nach dem das
Staatsoberhaupt ja weiß, was die Notwendigkeit ist. Aber weiß er das wirklich?
Kann ein durch ein Gesellschaftsvertrag legitimiertes Staatsoberhaupt nicht auch willkürliche
Entscheidungen treffen und sich dabei auf den höchst abstrakten „allgemeinen Willen“ berufen?
Laut Rousseau ist dies nicht möglich – er führt aus, dass das Staatsoberhaupt willkürliche
Entscheidungen z.B. in Form von „dem Gemeinwesen unnützen Fesseln“ „nicht einmal wollen“
kann, „denn nach dem Gesetz der Vernunft geschieht ebensowenig wie nach dem Gesetz der Natur
etwas ohne Ursache.“
Wieder einmal flüchtet Rousseau in seine abstrakte Begriffswelt ohne mit konkreten Beispielen zu
argumentieren. Folglich mag man ihm vorwerfen, dass das durch den Gesellschaftsvertrag
legitimierte Staatsoberhaupt eben doch willkürlich handeln kann, was das ganze Konstrukt des
„allgemeinen Willens“ und damit auch den Gesellschaftsvertrag wie ein Kartenhaus in sich
zusammenstürzen ließe.
Trotzdem gehen wir einmal davon aus, dass das Staatsoberhaupt den „allgemeinen Wille“ achten
würde. Laut Rousseau ist der „allgemeine Wille stets richtig, allein das Urteil, welches ihn leitet, ist
nicht immer erleuchtet“. Das „leitende Urteil“ gibt aber das Staatsoberhaupt vor – Rousseau gibt
also zu, dass jener nicht immer „erleuchtet“ sei, also einfach nicht die Fähigkeit besitzt, den
allgemeinen Willen auch auszuführen.
Wofür gibt es dann aber einen „allgemeinen Willen“ und jemanden, der ihn ausführen soll?
Um Rousseaus Ruf als genuin demokratischen Denkers zu retten, werden die ihm wohlgesonnenen
sicher auch seine Idee der Gewaltenteilung – einem zentralen Element einer Demokratie –
herausstellen. Für ihn existieren Legislative und Exekutive – die Judikative kennt er noch nicht.
Er spricht vom Gesetzgeber als „außerordentlicher Mann im Staat“, der eine „besondere und
erhabenere Tätigkeit, die mit der menschlichen Herrschaft nichts gemein hat“, ausübt.
Es ist also nicht das Staatsoberhaupt, dass über das Volk herrscht. Doch wer sonst sollte
Gesetzgeber sein?
Wieder einmal bleibt Rousseau eine Antwort schuldig und gibt dies sogar zu, indem er vom „Werk
der Gesetzgebung“ als „ein die menschliche Kraft übersteigendes Unternehmen“ bezeichnet.
Nicht jeder glaubt an auf Tafeln eingravierte Gebote eines höheren Wesens – Rousseau anscheinend
schon, sonst hätte er nach erneutem Ablenkungsmanöver vielleicht doch noch die eine Antwort auf
die Frage gefunden, wer denn Gesetzgeber sein könnte.
Wenn es jedoch keinen Gesetzgeber gibt, gibt es auch keine Gewaltenteilung, und ohne
Gewaltenteilung keine Demokratie. Ein genuiner Demokrat ist Rousseau also ganz sicher nicht.
Wie ich gezeigt habe, ist der „allgemeine Wille“ ein sehr instabiles Konstrukt. Rousseau hat weder
eine überzeugende Antwort darauf, wie mit denen umzugehen sei, die nicht mit diesem
übereinstimmen, noch hat er eine darauf, wie der Herrscher den allgemeinen Willen ohne
Eigeninteressen anwendet. Rousseau hat auf viele aufgeworfene Fragen keine überzeugende
Antwort oder versucht sich durch Täuschungsmanöver diesen zu entziehen.
Ich habe gezeigt, dass deshalb totalitäre Staatsformen den Gesellschaftsvertrag instrumentalisieren
können, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen. Daraus ergibt sich eindeutig, dass Jean-Jacques
Rousseau ein totalitärer Denker war, dessen Gesellschaftsvertrag im Zusammenhang mit einem
seiner berühmtesten Zitate eine ganz neue Bedeutung erhält : „Der Mensch wird frei geboren“
(Naturzustand) „und überall ist er in Ketten“ (durch den Gesellschaftsvertrag).