Die Piratenpartei und Ich…

Am Samstag ist es soweit – der Kreisparteitag der Piratenpartei Konstanz wird stattfinden. Ich habe ja lange nichts über meine Parteiarbeit verlauten lassen – die ruhte aber auch seit Mitte Dezember.

Zuallererst muss ich zugeben (tut mir Leid, Ihr Piraten, die das jetzt lesen müssen ;)), dass die große Euphorie verpufft ist und mittlerweile in Enttäuschung umgeschlagen ist. Erst die Querelen auf Landesebene in Berlin, dann die Enttäuschung mit dem beim  Bundesparteitag beschlossenen Programm und letztlich auch noch sich für Piraten nicht ziemende  interne Streitigkeiten auf Kreisebene, von denen ich allerdings persönlich nicht viel mitbekommen habe,

Dazu kommt, dass ich bei aller nach wie vorigen Überzeugung für mehr Demokratie, Transparenz und Bürgerrechte mich doch ideologisch gewißermaßen radikalisiert habe, nicht zuletzt durch die intensive Beschäftigung mit Friedrich August von Hayek, über den ich am Donnerstag mein erstes Uni-Referat halten und bald danach auch meine Hausarbeit schreiben werde. Über ihn bin ich auch auf andere intellektuell bereichernde Gedanken gestossen und habe einen riesigen Haufen an Literatur, den ich in den Semesterferien nach geschaffter Hausarbeit noch abackern möchte bzw. nebenbeijetzt  bereits tue (ist spannender, als in der Vorlesung zuzuhören).                                                                                                                                              Wie man sich jetzt  fast denken kann, fröne ich radikalliberalen bis libertären Gedanken im Sinne der Österreichischen Schule der Nationalökonomie (ich bin allerdings kein Anarchokapitalist ;))

Somit als „neoliberaler“ Kapitalist abgestempelt (eine schlimme Beleidigung, nichts verachte ich mehr als den Neoliberalismus) habe ich es mutmaßlich schwer in einer Partei, die, habe ich fast das Gefühl, von Attac und anderen Organisationen übernommen wurde. So sehr ich auch die gesellschaftspolitischen Vorstellungen der Piratenpartei teile, so wenig gefallen mir ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen, sofern sie denn überhaupt vorhanden sind. Aber es ist klar, in welche Richtung sich diese zukünftig entwickeln werden – das ist halt Basisdemokratie. Da reicht es eben auch nicht, wenn 49% (zugespitzt gesagt) vernünftige Vorstellungen haben…

Voller Euphorie bin ich, gleichwohl die Stammtische nicht sonderlich toll waren, in die Partei eingetreten, mittlerweile denke ich, es war wohl zu schnell. Nichtsdestotrotz werde ich Mitglied bleiben – sofern mich die das hier lesenden Piraten nicht rausekeln 😉 (was bleiben mir auch für Alternativen…)

Auf die parteiinternen Streitigkeiten möchte ich zurzeit nicht eingehen, Fakt ist aber, dass der Kreisparteitag am Samstag interessant werden dürfte und einige Ämter neu besetzt werden. Nicht zuletzt wegen meinem gerade erfolgten „Outing“ werde ich natürlich nicht für ein  Amt kandidieren, dafür fehlt mir momentan nicht nur die Überzeugung, sondern schlichtweg auch die Zeit, zudem ich es eh als höchst zweifelhaft erachte, dass mich irgendjemand wählen würde 😉 Auch wenn ich Politik- und Verwaltungswissenschaften studiere – die Piratenpartei ist für mich kein Zugpferd, um mich schnell in irgendwelche Positionen zu hieven, wie manch böse Zunge behauptet 😛

Aber von meinem Wahlrecht werde ich natürlich Gebrauch machen und auch versuchen mitzuhelfen, dass der Parteitag reibungslos über die Bühne läuft. Berichten  werde ich dann natürlich auch darüber – ganz transparent, wie es sich für Piraten gehört.

Ich habe ja immer noch die Hoffnung – und mittlerweile sehe ich eine gewisse Dynamik entstehen – dass bald wieder konstruktives und vor allem ergebnisorientiertes Arbeiten möglich sein wird – reine Diskussionsstammtische sind zwar ganz nett, bringen aber letztlich nicht viel. Meine Initiative eine Hochschulgruppe der Piraten zu gründen stieß leider auch nicht auf viel Interesse, was daran liegen mag, dass leider kaum Studenten hier in Konstanz Mitglieder sind. Und so ganz allein, wenn man nicht so dahinter steht und eh genug anderes zu tun hat – da ist man doch eher unmotiviert etwas zu tun.

Wie dem auch sei, jetzt wisst ihr, woran ich mit der Piratenpartei bin, und die weiß, woran sie mit mir ist…

 

Das Globalisierungsparadox

Nachdem im alten Jahr das außeruniversitäre Buch lesen zu kurz gekommen ist, lautete einer meiner Vorsätze fürs neue Jahr, dies zu ändern. Bücher haben sich genug angesammelt – eines davon ist „Das Globalisierungsparadox“ von Dani Rodrik, einem türkischen Ökonomen und Harvard-Professor. Gestern abend erst angefangen, war ich heute Nachmittag bereits mit den gut 350 Seiten fertig – das ganze liest sich schnell, flüssig und ist auch für Nicht-Ökonomen gut verständlich.

Dani Rodrik zeichnet ganz ideologiefrei die Geschichte der Globalisierung nach, gibt viele anschauliche Beispiele aus der Wirtschaftsgeschichte  und stellt Lösungsansätze heraus. Er kritisiert viele Ökonomen, die den „Mythos“ des freien Marktes predigen und versucht zu belegen, dass Freihandel und vollständig deregulierter Kapitalmarkt längst nicht solche Garanten für Wirtschaftswachstum sind, als für die sie gesehen werden. Der spannenden Frage, ob man Wirtschaftswachstum nicht generell überdenken sollte, geht er leider aber  nicht mal ansatzweise nach. Da ist und bleibt er typischer Ökonom…

Ein wichtiger Punkt des Buches ist, wie er es nennt, das „politische Trilemma der Weltwirtschaft“.

Dieses ist ein Zielkonflikt zwischen Hyperglobalisierung, Nationalstaat und Demokratie. Rodrik ist der Ansicht, dass man auf Dauer nur 2 dieser Wahlmöglichkeiten unter einen Hut bringen kann. So gäbe es die „goldene Zwangsjacke“, die Nationalstaatlichkeit und Hyperglobalisierung vereint, aber ohne Demokratie auskommen muss. Die utopische Vision einer Globalregierung vereint Demokratie und Hyperglobalisierung ohne Nationalstaatlichkeit. So nett diese Idee auch klingen mag – die Realisierbarkeit ganz außen vor – so würde Dani Rodrik doch am liebsten Nationalstaatlichkeit und Demokratie vereinen und ohne Hyperglobalisierung auskommen. Das ist nach ihm mit dem „Kompromiss von Bretton Woods“ möglich. Bretton Woods (benannt nach dem gleichnamigen Ort in New Hampshire, USA, wo das Abkommen beschlossen wurde) bezeichnet ein internationales Währungssystem von festenWechselkursen mit goldhinterlegtem Dollar als Leitwährung. Es wurde nach dem 2. Weltkrieg geschaffen, erschuf die Institutionen IWF (Internationaler Währungsfond) und Weltbank und wich Mitte der 70er Jahre schließlich anderen Währungssystemen, wie wir sie heute kennen. Einfach mal selbst informieren!

Wie genau sein Reformansatz und der ganze große Rest des Buches, der hier unerwähnt bleibt, jetzt genau aussieht, sollte jeder Interessierte selbst nachlesen. Ich kann das Buch durchaus empfehlen, auch wenn ich vielen Aussagen darin nicht unbedingt zustimme. Wenn man sich wie ich gerade intensiv mit Hayek und der Österreichischen Schule beschäftigt, mag das leicht verständlich sein.

Für Globaliserungskritiker, Sozialisten, Piraten und solche, die es werden wollen, kann ich das Buch wärmstens empfehlen – dem Rest schadet es sicher auch nicht!