Gedanken zur Bildung in Konstanz

Nach einem geschäftigen Tag beenden wir diesen nun mit einem Blog-Artikel. Zurück in Konstanz muss jedoch erst einmal gesagt werden, dass mein glorreiches Netbook seinen Geist aufgegeben hat. Bevor ich 40€ für eine Diagnose zahle und dann defacto genötigt bin, mögliche Reparaturen durchzuführen, möchte ich die 40€ nicht umsonst ausgegeben haben. Daher – Weihnachten naht – ist nach 3 Jahren auch durchaus ein neues drin. Die Frage bloss ist: Netbook oder Tablet? Ich tendiere zu letzterem. Und dort die Frage: Apple oder nicht? Und LTE – ja oder nein? (LTE ist der neue ganz ganz schnelle Funkstandard, aber noch nicht sonderlich breitflächig verfügbar im Moment).

Wie dem auch sei: nun tippe ich meinen ersten Blog-Beitrag auf meinem alten PC. Das geht genauso bequem. Überhaupt bin ich hier 3-mal so effektiv und schnell wie am Netbook. Auf Dauer gewöhnt man sich dort auf teilweise lange Wartezeiten beim Laden von Programmen – hier ist das nicht der Fall. Nach 3 Jahren Quasi-Stillstand freut sich mein bis dato ständig heissgelaufener PC aber wohl auch mal wieder an etwas Aktivität.

So zocke ich denn tatsächlich auch mal wieder was. Abgesehen von gelegentlichen FIFA-Sessions woanders bot ein Netbook nur Vergnügungen wie Schach, Poker und kleinere Internet- und Browserspiele. Damit kann man zwar auch Stunden verbringen, mal wieder einen alten Klassiker wie Trackmania zu spielen – auch wenn er sich massiv verändert hat – tut aber mal der Seele gut. Man muss es ja nicht übertreiben und wieder die Weltrangliste dominieren – Studium und andere Aufgaben warten…

Das Studium gleichwohl – 7 Wochen sind schon vorbei – scheint noch gar nicht wirklich angefangen zu sein. Es ist nicht so, dass man nichts zu tun hat. Im Gegenteil – manche scheinen unter der Belastung zu ächzen. Aber das Schöne am Studium ist ja: man kann sich seine Zeit selbst einteilen – so ganz ohne Anwesenheitspflichten,  wie man will. So kann ich wie jetzt um 3 noch meinen Blog beschreiben, obwohl um 8 Uhr morgens – sprich in 5 Stunden – bereits eine Vorlesung beginnt. Die sind zwar wirklich nicht schlecht, als Autodidakt ist es für mich aber eine Herausforderung solch Monologen sonderlich lange zu folgen, zumal ich Sie in Eigenregie 10-mal so schnell nachholen kann. In dieser Hinsicht freilich wiegt der Verlust des Netbooks als Ablenkungsobjekt in den Vorlesungen schwer.

Nach 3 Semestern weiß man auch genug Bescheid, wie man sich seinen Stoff einteilt. Powalter haben den Vorteil, dass sie zwar relativ viel zu  lesen (kontrolliert wird das natürlich allenfalls durch die Klausur), aber bis auf die obligatorische Seminar-Hausarbeit am Semesterende wenig zu schreiben haben. Mitschriften habe ich mir noch nie gemacht, Protokolle gibt es nicht, für ein Tutorium, so man denn überhaupt hingeht,  muss man allenfalls mal ein Exzerpt verfassen. Da blickt manch Naturwissenschaftler ganz neidisch!

Inhaltlich ist es durchaus noch spannend. So ganz kann ich als Libertärer der Politikwissenschaft die Existenzberechtigung nicht absprechen. Und auch wenn viele Berufsrichtungen nicht mehr in Frage kommen, so schadet es doch nicht, gewissermassen das Denken des politischen Gegners zu verstehen zu lernen (auch wenn das oft Horror ist).

Auch wenn ich für mein derzeitiges Hauptinteresse – Politische Theorie – eindeutig am falschen Fachbereich bin, so kann man trotz der empirisch-quantitativen Ausrichtung dank der umfassenden Wahlmöglichkeiten sein Studium in die gewünschte Richtung lenken – auch wenn das Angebot vielleicht begrenzt ist. Dank problemloser Anerkennung des Auslandsstudiums kann man aber auch dem Abhilfe tun. Mich zieht es wohl nach Madrid – aber noch ist nichts entschieden.

Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz bleibt jedenfalls – ohne mich jetzt weiter auf die vielen positiven als auch die sehr viel weniger negativen Aspekte einzulassen – ein empfehlenswerter Studiengang, den ich so nochmals wählen würde. Denn man hat das, was von Studenten heutzutage so oft bemängelt wird: Zeit!

Wie man sie nutzt, ist einem jeden selbst überlassen. Ob auf Partys, am See, im AStA-Cafe oder engagiert bei vielen tollen Studenteninitiativen – Möglichkeiten gibt es genug. Gerade in den Politikwissenschaften – und viel wichtiger in diversen Nebendisziplinen kann man diese Zeit unter anderem  auch nutzen, um sich einen Überblick über Anderes zu verschaffen. Wenn so oft von der Wichtigkeit von Bildung gesprochen wird, kann ich das nicht verneinen – ganz im Gegenteil. Aber Bildung ist mehr als Zwangsanwesenheit in schulischen Anstalten wider der Natur vieler Kinder noch der mehr oder minder freiwillige Universitätsbetrieb, in der im Gegensatz zur Schule wenigstens noch Eigenverantwortung und Nonkonformismus ohne Disziplinierung durch Staatsdiener möglich sind. Zur Bildung als lebenslangen Prozess gehört natürlich nicht nur Wissen, sondern viel mehr andere Fähigkeiten.

Wicht ig aber ist: gut verstandene Bildung ist selbstbestimmt. Was heutzutage als Bildung deklariert wird, sollte man eher als Formung bezeichnen. Im Gusseisen des gehorsamen Staatsbürgers werden die Individuuen gepresst, um von der Politik bestimmt und von der Wirtschaft benutzt zu werden. Das ist nicht mein Verständnis einer freien Gesellschaft, in der wir angeblich leben. Bildung sollte bis auf wenige Ausnahmen (zum Beispiel Recht/Gesetze) nicht vermitteln WAS, sondern WIE man denkt und die nötigen Ressourcen zur Vervollkommnung dieses Ziels bereitstellen. Wenn eine gewisse Anzahl von Studenten ein Seminar über Karl Max haben möchte, dann sollten Sie das auch bekommen – ob es Ihnen nützt sei dahingestellt. Doch dieses Thema möchte ich hier auch nicht abschliessend behandeln. Das würde auch in eine Diskussion über staatliche Universitäten bzw. privaten Konkurrenten allgemein ausufern, auf die ich beizeiten noch zu sprechen komme.

Ich halte fest: PoWalter in Konstanz zu studieren heisst weitgehend selbstbestimmt zu studieren – dazu in einer zu jeder Jahreszeit wunderschönen Umgebung. Hier hat man auch noch ein Studentenleben – nur 1 Woche vor den Klausuren muss man sich dann schon in der Bibliothek einschließen. Dann reicht es auch für die Klausuren: keine exzellenten, aber doch gute Noten. Erstere sind bei dem Glücksspiel namens Multiple-Choice – ein Thema, das ich bereits mehrfach ansprach – aber ohnehin nur mit einigem an Lerneifer über das gesamte Semester hinweg zu erreichen. So kann man sein Studium natürlich auch verbringen. Leistungswille sollte man respektieren, schätzen und fördern. Noten allerdings sind nicht der einzige Indikator dafür! Genauso wenig wie die Studiendauer und anderes. Wichtig ist nicht, wie man seine Zeit nutzt, sondern was am Ende dabei herauskommt. Die spontane Ordnung, würde ich jetzt sagen, wird das schon richten. Und, um letztlich den Bogen zum Anfang zu schlagen: auch Zocken ist Bildung! Eine sehr bedeutende sogar, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann…

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Multiple Choice reconsidered

Über die Tücken des universitären Prüfungssystems hatte ich bereits im letzten Semester einen Artikel verfasst: https://konstranzparency.wordpress.com/2011/11/01/die-qual-der-wahl/

Aus aktuellem Anlass möchte ich dies nun fortführen, nachdem ich gerade erstmalig in diesem Semester beim Lernen in der Bibliothek mein Gewissen beruhigt und die latente Demotivierung besiegt habe.

Heute schrieb ich bekanntlich eine Klausur – und bekam sie bereits nach 5 Stunden zurück. Scheint bei 235 Prüflingen eine Meisterleistung zu sein, die man fast nur mit Würfeln hinbekommen könnte. Zum Glück der Professoren und Leidwesen der Studierenden gibt es jedoch noch eine andere Möglichkeit: Multiple Choice – die Qual der Wahl.

Im Rückblick auf oben genannten Artikel kann ich die dort gemachten Aussagen nach meinen jetzigen Erfahrungen nur bestätigen. Ich schrieb:

Folien werden auswendig gelernt, Lektüre exzerpiert, die Klausur geschrieben und (hoffentlich) bestanden – und schwupps vergisst man alles, weil es im nächsten Semester ja  wieder von vorne losgeht.

Das ist tatsächlich so. Zusammenhänge merkt man sich noch ganz gut, aber an den konkreten Wortlaut irgendeiner Folie erinner ich mich in keinem Fach mehr, obwohl ich das doch alles so schön auswendig gelernt hatte.

Bisher hat meine hocheffektive Lernmethode – das ständige Wiederholen und blind ein paar Mal vor sich hermurmeln von rein digitalen Folien- bestens geklappt und viel Papier, Druckertinte und Zeit gespart.

Eigentlich war ich mir sicher, dass es auch bei der heutigen Klausur geklappt hätte. Der Lernstoff quoll mir schon förmlich aus den Ohren – eigentlich ein Zeichen des Könnens – und alles ergab ein plausibel zusammenhängendes Gesamtbild.

Bloß  wurde- kommen wir nun zum Thema des Multiple Choice – in unserer doch recht harten Klausur (Rechtfertigungslegende ;)) nun sehr viel Wert auf den exakten Wortlaut gelegt, weniger auf Zusammenhänge. Natürlich lernt man den auch, bei ca. 300 Folien hat man aber natürlich auch „Mut zur Lücke“, wie unser Professor uns sogar noch riet. War wohl Mut zur falschen Lücke.

Transferleistungen mussten zwar durchaus erbracht werden, doch viele Fragen erschöpften sich in doch sehr unorigellen Antworten wie „Ja“ , „Nein“, „Vielleicht“, „Beides“, „Keines“ und so weiter.

Ein Problem bei MC-Fragen ist auch die mangelhafte Einschätzbarkeit. Ich war mir ziemlich sicher, dass bei aller Schwierigkeit die Klausur gut gelaufen ist, wurde aber enttäuscht und warte nun gespannt auf die Klausureinsicht.

Aber das ist eben so: vielleicht übersieht man eine Verneinung, vielleicht – besonders fies – ist eine Antwort eigentlich richtig, aber eine andere ist noch richtiger (ja, sowas gibts), vielleicht hat man das richtige Konzept getroffen , aber den falschen Autor bzw. die falsche Jahreszahl (= alles falsch), vielleicht verwechselt man tendenziös vertauschte Wörter in Schachtelsätzen.

Man kann nicht sagen, die Aufgabensteller hätten sich keine Gedanken gemacht. Aber man kann sagen, dass sie schnell und effektiv diese Klausurenlast von sich haben wollten und deshalb wohl auf diese Form einer MC-Klausur zurückgegriffen haben (falls unklar: 45 Fragen, je 4 Antworten, je eine richtig). Löblicher ist da doch der Aufwand einer  Textklausur in der kommenden Woche.

Um mich nochmals zu zitieren:

Nicht die Wissensanwendung wird hier abgefragt, sondern die Wissensspeicherung. In Hinblick auf wissenschaftliches Arbeiten, das die Universität eigentlich vermitteln soll, ist das kontraproduktiv, passt aber in eine Zeit, wo die Universitäten bessere Fachhochschulen mit dem reinen Ziel der Berufsvorbereitung werden, das sie aber nicht erfüllen können.

Die Verwertungslehre nimmt nun auch an den Universitäten schon überhand – das ist ein ganz anderes Thema! Es läuft aber darauf hinaus, stumpf seinen Abschluss zu bekommen, um dann als Zahnrad  im Getriebe der so nach „Fachkräften“ lechzenden Wirtschaft unterzukommen. Fachkräfte brauchen zu ihrer Legitimation natürlich einen formalen Fachabschluss. Und in einer Gesellschaft, wo das Abitur so inflationär vergeben wird wie der Dozent meiner bisher einzigen Nicht-MC-Klausur Einsen (Öffentliches Recht!)vergibt, muss eben nun bereits ein Universitätsabschluss herhalten. Hochschulen werden auf Effizienz getrimmt, der viel beschworene Blick über den Tellerrand wird Mittel zum Zweck. Freiräume werden systematisch entzogen (Beispiel: die vollkommene Schließung der Uni ab 22 Uhr), obwohl die Uni als von Steuergeldern finanzierte Einrichtung der Öffentlichkeit frei zugänglich sein sollte und nicht wie eine Privatuni von ihrem legitimen Recht auf beliebigen Umgang mit ihrem Privateigentum Gebrauch  machen darf. Klar, dass in solch einer Umgebung Bildung uminterpretiert wird. Nicht mehr die ewige Suche nach Erkenntnis und das tiefe Eintauchen in alle Aspekte eines Faches steht im Vordergrund, sondern der schnelle Abschluss (was keinesfalls verwerflich ist) ohne Lerneffekt, bei dem man die Massen über den Arbeitsaufwand klagender Bachelor-Studenten durch Klausuren im Format eines Multiple-Choice zum Bulimie-Lernen zwingt, sodass es quasi so aussieht, als ob sie etwas lernen würden – sie verbringen ja schließlich massig Zeit mit ihrem Studium. Nachhaltig ist das sicherlich nicht – und die Effekte für unsere Gesellschaft werden existenzgefährdend. Bedauerlich, dass ich das noch erleben muss…

Konstanz ist von der Ökonomisierung der Bildung (hiermit ist die Verwertungsmaschinerie gemeint; privat(isierte)  Universitäten sind etwas ganz anderes und unterstützenswert)  nicht verschont, gleichwohl es mir dünkt, dass es uns hier noch vergleichsweise sehr gut geht. Nur hinsichtlich der Klausuren vielleicht nicht so, welche aber auch nur das Problem der ersten 3 Semester (Grundstudium) sind. Insbesondere, weil man hier keine bestandenen Prüfungen zwecks Notenverbesserung wiederholen darf.              MC hat aber dann doch noch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: man kann sich recht sicher sein, dass man nicht der Willkür seines Dozenten ausgeliefert ist.

Letztlich kann ich aber eigentlich auch  ganz zufrieden sein: ohne jeglichen Besuch eines Tutorats, mit Fehlen bei der Hälfte der Vorlesungen und anderweitiger Beschäftigung in der anderen Hälfte der Vorlesungen, mit Nicht-Lesen der Literatur , Nicht-Mitschreiben der Vorlesungen  und eher verhaltenen Lernen kann ich – um es auch noch zu verraten – mit einer überdurchschnittlichen 2,3 eigentlich noch ganz zufrieden sein und bin es nach dem ersten auf den Boden der Tatsachen zurückholenden Schock mittlerweile auch. Statt zu positiv zu attribuieren, sollte man das ganze realistisch betrachten, und statt sich zu versteifen, wie ein Kommilitone auf den Grundtenor der abgrundtiefen Frustration  meinte, lieber das „schöne Wetter“ geniessen. Man studiert schließlich nicht für andere, die nur auf den Abschluss achten mögen, sondern für sich selbst! Für viele vielleicht eine Utopie, für mich die Essenz. Da mag es morgen mit einer MC-Klausur weitergehen – doch zum Glück darf man auch noch forschen und schreiben im Rahmen einer Hausarbeit…

Um mit dem Worten des Soziologen Georg Simmel abzuschliessen:

Bildung „ist weder das bloße Haben von Wissensinhalten, noch das bloße Sein als eine inhaltslose Verfassung der Seele. Gebildet ist vielmehr derjenige, dessen objektives Wissen eingegangen ist in die Lebendigkeit seiner subjektiven Entwicklung und Existenz, und dessen geistige Energie andererseits mit einem möglichst weiten und immer wachsenden Umfang von an sich wertvollen Inhalten erfüllt ist“

Die Qual der Wahl

Als Student kann man vieles wählen: verschiedenste Gerichte in der Mensa, die Art des Fortbewegungsmittels zur Uni, den Sitzpartner in den Vorlesungen (sofern man nicht zu spät kommt) und noch viel mehr. Früher konnte man sich sogar noch die Kurse weitgehend selbst auussuchen, die man besuchte, – eine Errungenschaft, die dem Fortschritt – der  Bologna-Reform – weitgehend zum Opfer fiel.

Heute hat man nicht mehr die Qual der Wahl zwischen den Kursen, die Kurse sind meist eine Qual und weniger eine Wahl. Das zeigen insbesondere auch die Abschlussklausuren am Ende eines jeden Kurses. Bei der Qual des Lösens derjenigen hat man auch wieder eine Wahl: nämlich verschiedene Antwortmöglichkeiten.

Richtig gehört: es gibt eine Frage und es gibt Antwortmöglichkeiten. Multiple Choice nennt man das – oder die „Qual der Wahl“. Wer  jetzt  „Wer wird Millionär“ statt Universität assoziiert, dem sei verziehen. Tatsächlich würde man an einer so hohen Bildungseinrichtung wie einer Universität nicht erwarten, dass die gesamte geistige Essenz eines Studiums in stumpfen Klausuren in Multiple-Choice-Form abgefragt wird. Die Universität diene der Wissenschaft möchte man meinen. Da könne es ja nicht angehen, sich mit solch banalen Methoden zur Überprüfung des studentischen Wissens abzugeben.

Doch genau das tut man! Seminare – die Selbsterarbeitung des Stoffes in der Gruppe und mit der Prüfungsform der Hausarbeit, einer selbstständigen intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Thema – verschwinden zusehends aus den Curricula. In Konstanz gibt es noch Hoffnung: so kann man bereits im ersten Semester ein Seminar belegen, was die wenigsten jedoch tun. Sie haben lieber in Klausuren die Qual der Wahl – für diese reichen ja auch stumpf ins Gehirn geprügelte Wissen, dass man danach eh wieder vergisst, weitgehend aus. Folien werden auswendig gelernt, Lektüre exzerpiert, die Klausur geschrieben und (hoffentlich) bestanden – und schwupps vergisst man alles, weil es im nächsten Semester ja  wieder von vorne losgeht.

Man kann es den Dozenten jedoch nicht verdenken, wenn ihnen ausnahmsweise nicht die Qual der Wahl gegeben ist, wie sie ihre Studierenden prüfen wollen. Bei 200 Studierenden wäre es utopisch anzunehmen, sie hätten neben ihrer Lehrverpflichtung und Forschung noch die Zeit, viele Seiten beschriebenes Papier, mal leserlich, mal weniger, durchzulesen und zu bewerten. Da stellt man doch lieber ein paar fiese Fragen, gibt noch fiesere Antwortmöglichkeiten und korrigiert das ganze später im Minutentakt mit einer vorgefertigten Schablone.

Das Multiple-Choice-Fragen ganz schön fies sein können, erfuhr ich gestern im Tutorat:  mal schauen Antwortmöglichkeiten richtig aus, sind es aber nicht wegen kleiner Veränderungen (einen „nordrhein-westfälischen Frieden“ gab es nämlich nie – nur „westfälischer Frieden“ wäre hingegen richtig gewesen). Oder auf die Fragestellung treffen theoretisch mehrere Antworten zu – nur eine ist aber richtig – nämlich die, die mehr richtig ist als die anderen, die sozusagen Max Webers Idealtypus am nächsten kommt. Das kann manchmal ganz schön verwirren!

Dabei ist das Multiple-Choice-Format mit einer Frage und vier Antwortmöglichkeiten, von denen eine richtig ist,  noch die harmloseste Variante. Ich werde mich auch mit 5 Antwortmöglichkeiten, von denen mehrere richtig sind, herumschlagen müssen. Damit nicht genug – hier gibt es für jede falsche Antwort auch noch Minuspunkte. Andere Prüfer kommen hingegen auf die Idee statt Multiple-Choice mit Lückentexten zu prüfen – das genaue gelernte Wort muss in der Lücke stehen – sonst gibt es keine Punkte.

So oder so ähnlich werden die Klausuren sein, die auf mich zukommen. Hört sich einfach an, ist aber schwieriger. Nicht die Wissensanwendung wird hier abgefragt, sondern die Wissensspeicherung. In Hinblick auf wissenschaftliches Arbeiten, das die Universität eigentlich vermitteln soll, ist das kontraproduktiv, passt aber in eine Zeit, wo die Universitäten bessere Fachhochschulen mit dem reinen Ziel der Berufsvorbereitung werden, das sie aber nicht erfüllen können. Ich bin jedenfalls gespannt, wie ich mit Multiple-Choice klarkommen werde – nach intensiver gedanklicher Auseinandersetzung in den Klausuren der Oberstufe darf ich nun auswendig lernen und zumindest in der Klausur andere Antworten auch nicht hinterfragen und das argumentativ durchaus überzeugend begründen, wenn ich mir nicht die Note verderben will. Schade eigentlich – von der Schule zurück in den Kindergarten…

Abschließend sei noch gesagt, dass Multiple-Choice auch durchaus Vorteile haben kann: man erfährt nicht nur schneller sein Ergebnis, sondern ist auch vor Willkür des Korrektors geschützt. Gerade letzteres ist nach den Erlebnissen der Schulzeit als  ein nicht zu unterschätzender  Vorteil zu sehen.