Theorie und Praxis

Bei aller Theorie im Studium, die ich in den vergangenen Wochen gelernt habe wie auch im Moment in mich einflüstere, fällt doch auf, dass Politik- und Verwaltungswissenschaften eigentlich doch  recht praxisnahes Studium ist.

Wer wollte sich nicht immer schon mal beim Bundesverfassungsgericht beschweren? Ich weiß jetzt ganz genau wie das geht und ob ich Aussicht auf Erfolg habe. Außerdem weiß ich auch noch einen Haufen mehr über öffentliches Recht – ab und an mag man das durchaus nutzen können – schließlich schränkt uns das Recht täglich in unserer Freiheit ein…

Deutlich praxisorientierter sind hingegen die Verwaltungswissenschaften. Ob nun der „bargaining“-Mechanismus, verschiedene Lernmodelle oder das „Garbage-Can-Model“ – vieles kann man auch auf die Realität anwenden, das „Garbage-Can-Model“ (Niskanen hats erfunden!) quasi auf alles! Ich weiß auch, wie die ganze Bürokratie tickt, was für Menschen Bürokraten sind und werden und warum überhaupt. Ich möchte klarstellen: nach all diesen Theorien und überhaupt als libertärer Mensch: eine Bürokratenkarriere, ja überhaupt eine vom Staat alimentierte Tätigkeit mag ich nicht mehr ansatzweise in Betracht ziehen. Ständig nur Budgets maximieren, mich mit engstirnigen Eiferen, Staatsmännern und Advokaten herumsschlagen, begrenzt rational zu handeln und überhaupt in einem „circulus vitiosus“ gefangen zu sein, klingt nicht sehr verlockend. Vielleicht folge ich dem Ratschlag unseren Professors und werde Förster. Der ist zwar auch beamtet, aber weitgehend autonom und muss sich nur mit Bäumen, Bären und Beeren herumschlagen. Oder ich lasse mich in den Aufsichtsrat von Schlecker kooptieren – die haben es ja nötig…

Methoden lerne ich hier auch im Studium. Das heisst, ich lerne wie man Zombies befragt, dass Frühaufsteher konservativ sind (kann ich bestätigen), was ein Schwedenschlüssel ist und dass es zwischen den USA und Gr0ßbritannien große Unterschiede bezüglich der Phasen der Beziehungsanbahnung gibt. Durchaus wissenswerte, nützliche Erkenntnisse, die mir in meinem Leben weiterhelfen werden. Im Ernst – man hört doch täglich von neuen Wahlprognosen, Umfragen etc. – jetzt kann ich das ganze viel besser einschätzen und viele Sachen als kompletten Murks abtun, der wohl nur da ist, die Bevölkerung zu täuschen 😉 Vertraue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!

Am praxisnahesten ist aber wohl die Vorlesung „Personal & Organisation“. Die beiden Vorlesungen über „Persönlichkeit“ fassen ein ganzes Psychologiestudium zusammen – ich kann jetzt jeden Menschen ganz genau einschätzen – und mich selbst sowieso. Abgesehen von den Big 5 (Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe, Leopard) bin ich manchmal Typ A, manchmal Typ B, habe manchmal ein Machtmotiv, manchmal ein Beziehungsmotiv, manchmal ein Leistungsmotiv. Alles ziemlich wischiwaschi, wie man sieht. Auch kann ich mich jetzt selbst motivieren, sofern das denn nötig ist, denn meine Motivation scheint intrinsisch und sehr hoch zu sein. Da brauche ich auch garnichts Maslows Bedürfnispyramide, Herzbergs Hygienefaktoren oder Vrooms Valenztheorie – da reicht mir Deci und Ryans Selbstbestimmungstheorie und die Zieltheorie nach Locke und Latham. Es gibt eigentlich keinen Inhalt dieser Vorlesung, den man nicht aufs echte Leben anwenden könnte (und der nicht wischiwaschi ist…). Ob es nun mal wieder ums Lernen geht (meine Lernart ist noch garnicht theoretisch fundiert), um Gruppenverhalten (Teamarbeit ist ganz schlimm!) oder darum, dass Boni nicht motivieren (warum zahlen dann alle Unternehmen Boni?). Mittlerweile sind wir schon bei solch Sachen wie „Spaghettiorganisation“ angekommen – ich frage mich, ob das so lecker ist, wie es klingt…

Die Klassiker der politischen Theorie sind hingegen nicht so praktisch. Auch wenn man natürlich gerne mal hinter Rawls „Schleier des Nichtwissens“ verschwinden würde, dem Lebensstil Schumpeters frönend kreative Zerstörung anrichten wolle oder sich in der Tradition von Aristoteles die praktische Arbeit ganz einfach mal abnehmen lassen würde.

Letztlich bleiben noch die Kenntnisse des gesamten deutschen Politiksystem übrig: alles nicht sehr praktisch umsetzbar, aber sehr praktisch zu wissen. Die gesamten Verfassungen, das ganze Wahlrecht, die ganzen Parlamente, ja noch viel mehr, quasi alles, auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene – der ganze Mist, der sich Politik nennt – ist (bald hoffentlich) in meinem Kopf drinne. Ein Wunder, dass die meisten Leute nicht noch politikverdrossener sind…

 

Wie man sieht – mein Studium ist sehr praxisorientiert. Das alles war alles natürlich nur ein klitzekleiner Ausschnitt der jeweiligen Fachgebiete – und nicht immer ernst gemeint – manchmal hingegen schon….

 

 

Werbeanzeigen

Empirische Sozialforschung muss nicht langweilig sein…

Andreas Diekmann ist sicher mit seinem Leben zufrieden. Er hat nämlich ein Buch über ein Thema geschrieben, das sich jedes Jahr aufs Neue zu Tausenden verkaufen lässt, obwohl niemand in einer normalen Buchhandlung schon allein des Titels wegen zu diesem Buch greifen würde. „Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen“ heisst es und muss jedes Jahr aufs Neue von Studierenden zwangsgelesen werden – auch an der Uni Konstanz.

20€ kostete das gute Stück – 780 Seiten voll mit Begriffen, die man einmal lernt und danach nie wieder braucht. Nach knapp 80 Seiten, mittendrin angefangen, weiß ich nun immerhin schon, was eine Variable, eine Ausprägung und ein Merkmalsträger ist und kann mit Begriffen wie „diskret“, „polytom“, „global“ oder „relational“ (unter anderem) etwas anfangen. Ich weiß, dass es „Wenn-Dann“ und „Je-desto“-Hypothesen gibt und logisch wahre wie empirische Aussagen (unter anderem) gibt.

Ich weiß aber auch, dass ich vor Aufblättern dieses Buches garnicht gedacht hätte, dass Empirische Sozialforschung sich so leicht lesen lässt, dass man fast schon Freude am Lernen hat. Wer nicht weiß, was das überhaupt ist, dem empfehle ich die Suchmaschine seines Vertrauens.

Das ist dem Herrn Diekmann zu verdanken, der jede sich ergebende Gelegenheit dazu benutzt, sein Buch mit witzigen Begebenheiten aufzulockern, um damit anschließend irgendwelche Methoden zu illustriereren. Das  erfreut nicht nur das Studentenherz, sondern sicher auch seinen Geldbeutel.

Im Folgenden schon ein kleines Best-Of aus 80 Seiten, wie man sieht ist die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Best-Ofs sehr hoch.  Die Seitenzahlen (Autor und Buch habe ich ja genannt) gebe ich auch an, damit man mich auch ja nicht wegen Urheberrechten belangen kann…

1. „Mit einem Schuss Ironie könnte man sagen, dass in den Sozialwissenschaften nur drei Gesetze bekannt sind: „Parkinsons Gesetz über das Wachstum der Bürokratie“, „Peters Gesetz“, dem zufolge jede Person in einer Hierarchie irgendwann die Stufe ihrer Unfähigkeit erreicht, sowie – das nicht nur in den Sozialwissenschaften gültige Gesetz von Murphy („wenn etwas schiefgehen kann, geht es schief“). Ob Murphys Gesetz als empirisch bestätigt gelten kann, ist jedoch umstritten. Bei Untersuchungen ging irgendetwas mit der experimentellen Anordnung immer schief, was wiederum im Einklang mit dem zu prüfenden Gesetz ist.“ (S. 151)

 

2. „Der Satz des Pythagoras ist übrigens auf 370 (!) verschiedene Arten bewiesen worden.“ (S. 157)

 

3. „In der atheistisch orientierten DDR wurde der Rauschgoldengel im amtlichen Sprachgebrauch in „geflügelte Jahresendfigur“ und der Schokoladenweihnachtsmann in „Schokoladenhohlkörper“ umdefiniert. Der Zweck dieses Begriffsmonsters war politischer Natur: im Urteil eines fiktiven Rechtsstreits heißt es gemäß einem Juristenscherz: „Weihnachtsmann im Sinne des Gesetzes ist auch der Osterhase““ (s. 161)

 

4. Auf der Hochschulseite der Welt (7.2.1989) wurde folgender Mathematikerscherz zum Besten gegeben: „Ich kenne drei hochrangige Wissenschaftler, die im fremden Land zwei schwarze Schafe grasen sehen. Der erste von ihnen, ein Soziologe, behauptet draufhin kühn, alle Schafe in diesem Land seien schwarz. Der zweite ist Physiker und will das nicht glauben. Er doziert: „Alles, was man im Augenblick sagen kann, ist, dass zumindest zwei der Schafe dieses Landes schwarz sind“. Der dritte, seines Zeichens Mathematiker schüttelt den Kopf und bemerkt trocken: “ Es ist lediglich richtig, dass zwei Schafe in diesem Land auf einer Seite schwarz sind!““ (s. 173)

 

5. „Es macht wenig Sinn einem Pudel vorschreiben zu wollen, eine Wurstsammlung anzulegen“ (S. 165)

 

6. „Im Jahr 1897 hat die erste Kammer des US-Bundesstaats Indiana im Gesetz Nr. 246 die Zahl π auf 4 festgesetzt. […] Die Berechnung der Fläche von Kreisen nach der „Indiana-Definition“ von π würde jeweils zu einem um 27% nach oben verzerrten Resultat führen.“(S. 162)

 

7. „Es macht wohl wenig Sinn in einem Interview die Frage zu stellen: „Wie viel Milligram von der organischen Verbindung C2H5OH haben Sie heute zu sich genommen?““ (S. 163)

 

8. „Wer aus einer Höhe von tausend Metern mit dem Fallschirm springt, könnte sich nach 999 Metern „induktiv beruhigen“, dass bisher kein Problem aufgetreten sei.“ (S. 174)

 

9. „Je geringer das Intelligenzniveau eines Agronomen, desto größer die Quantität seiner Produkte“ (S. 130)

 

Wie man sieht – empirische Sozialforschung kann auch spannend sein – zumindest jedenfalls lustig!