Die Piratenpartei und die Freiheit des Internets

Wer „Piratenpartei“ hört, denkt wohl zuerst ans Internet. Als eine der Hauptforderungen dieser Freibeuter – sofern sie denn überhaupt welche haben – wird dann oft die „totale Freiheit im Internet“ genannt.

Ein Irrtum, dem nicht nur die Medien anhängen, sondern auch die meisten Piraten selber. Daran schuld ist gerade die Abschaffung Reform des Urheberrechts, die gewaltig in die Freiheit des Internets eingreift.

Mit Freiheit verbunden ist nämlich auch immer die Eigentumsfreiheit, die Freiheit, über seine im Internet publizierten Gedanken frei zu entscheiden. In dieser Freiheit sehen sich Künstler und Denker aller Art durch den Aufstieg der Piratenpartei zunehmend bedroht.

Eigentum mag nach Art. 14 GG verpflichten, „sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“ heißt aber nicht, dass jeder freien Zugang zu jedem Kulturgut haben muss. In „Allgemeinwohl“ kann man dies wie vieles natürlich hereininterpretieren, was Sozialisten aller Couleur auch gerne machen.

Genauso kann man diesen Satz aber so interpretieren, dass Eigentum allen heilig sein muss, dass alle Menschen auf die Wahrung von Eigentumsrechten verpflichtet werden. Denn Eigentum – auch wenn rousseausche Utopisten das Gegenteil behaupten mögen, ermöglicht erst Wohlstand und bringt die Wirtschaft in Gang.

Eine „Kostenlus-Kultur“, wie sie der Piratenpartei vorschwebt, wird diesen Wohlstand jedenfalls nicht vermehren. Der Glaube an Regulation, der die Piraten den Grünen leider immer ähnlicher werden lässt, ebenso wenig. Sogar das Internet möchten die Piraten mit ihren Urheberrechtsreformen regulieren. Totale Freiheit des Internets sieht anders aus! Es sei denn, die Piraten rütteln in Besinnung an ihren Namen an den Grundfesten negativer Freiheit und heißen Diebstahl, Hehlerei und andere Verbrechen gut!

Die Piraten sollten sich also von der Illusion verabschieden, gleichzeitig die totale Freiheit des Internets wie auch den unbeschränkten Zugang zu dessen Inhalten zu fordern – was vielleicht auch nur auf einem Mißverständnis beruht.

Letztlich haben die Piraten aber völlig Recht, dass das bestehende Urheberrecht einer dringenden Reform bedarf. Hin zu einem Urheberrecht, dass die Interessen der wahren Eigentümer berücksichtigt, nicht die der Verwertungsgesellschaften, und eines das einen fairen Zugang zu Information und Kultur für alle Menschen bietet, ohne grob in die Eigentumsfreiheit einzugreifen.

Mit Internetsozialismus ist niemanden geholfen –  es wäre aber ein spannendes Experiment: wenn nach ein paar Jahren das Kulturangebot völlig zusammengebrochen ist, darf man sich gerne vorstellen, was passiert wäre, hätte man den Staat statt dem Internet als Versuchsobjekt genommen…

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ACTA ad acta legen

Vielleicht haben manche schon von ACTA gehört, dem „Anti-Counterfeiting-Trade-Agreement“. Seit Jahren wird daran gefeilt, die Piratenpartei hat schon länger auf die Problematik aufmerksam gemacht, mittlerweile bricht aber ein Sturm der Entrüstung über das geplante Abkommen aus, das kurz vor der Ratifizierung steht. Denn ACTA ist der erste Schritt zur Zensur des Internets und wird dann längst nicht der letzte sein. Also wehret den Anfängen! Ganz zu schweigen davon, dass das ACTA-Abkommen einem Geheimvertrag gleicht, der aktiv verschwiegen wurde und wo nähere Informationen extrem schwer bis garnicht zu beschaffen sind.

Ich schreibe morgen Klausur, deshalb schreibe ich jetzt nichts groß dazu (zu ACTA selbst) (benutzt halt die Suchmaschine eures Vertrauens), sondern rufe Euch nur dazu auf, dagegen in irgendeiner Weise Stellung zu beziehen.

Schnell und wirkungsvoll per Online-Petition: http://www.avaaz.org/de/eu_save_the_internet_spread/?slideshow

Schon mehr als 1,5 Millionen Leute haben unterzeichnet, und es werden minütlich Dutzende mehr.

Am 11. Februar sind in allen größeren deutschen Städten Demos angekündigt, möglicherweise wird auch in Konstanz eine stattfinden. Ich stehe sonst nicht so auf Demos, dem werde ich aber nicht entziehen können!

 

 

Die Piratenpartei und das Internet – Ideologie oder Werkzeug?

Wer in der Piratenpartei ein Amt anstrebt, sollte sich schon etwas mit Computern und dem Internet auskennen. Nicht nur, weil man sonst von vielen Piraten eher belächelt wird- je nach Intoleranz und Nerd-Faktor auch pure Ablehung zu nennen – sondern weil man das Internet und alles Schöne, was man damit machen kann, auch zur täglichen Arbeit braucht. Nun bin ich ja quasi ein „digital native“ und meiner Meinung nach durchaus netzaffin – bei einigen Dingen verstehe aber selbst ich nur Bahnhof – und der ein oder  andere Pirat wundert sich darüber.

Ich habe zwar einen Twitter-Account, nutze den aber nicht aktiv. Da ich meine Blogposts drüber verlinkt habe, generiert er immerhin etwas Output. Für den Piraten ist Twitter natürlich das Nonplusultra – da muss ich mich ja fast schämen, dass ich „nur“ Facebook benutze. Denn Facebook ist ja ganz schlimm, ein ganz fieser Datenkrake – da sollte man doch besser „mypirates“ benutzen – da sind die Daten sicher (und man ist sicher der einzige aktive dort…).

Auch Windows-User wie ich haben es schwer: es muss ja schließlich alles Open Source sein, was die Piraten verwenden – naja fast! Ich benutze zwar kein Linux, aber immerhin Mozilla Firefox, Thunderbird und OpenOffice! Das ist doch schonmal ein Anfang!

Kommen wir nun zu den Werkzeugen, die fast essentiell für die Piraten sind. Ich sehe Sie nur als Werkzeug, für manche scheinen sie jedoch eine Ideologie darzustellen. Da gibt es einmal das Wiki: da steht alles drinne, bloß kann man es nicht finden. „Schau doch ins Wiki“ ist der Standardspruch der „Onliner“, der manch „Offliner“ schnell vergrätzt, der so garnichts damit zu tun haben möchte. Beim letzen Stammtisch haben wir uns darauf geeinigt (oder auch nicht !?), dass ab sofort ein Euro ins Sparschwein kommt, falls so ein Satz fällt (die Wahlkampfkasse dürfte schnell prall gefüllt sein).

Neben dem Wiki gibt es noch die „Piratenpads“. Da muss ich sagen: geniale Erfindung. Mehrere Personen können nämlich gleichzeitig live (ideal fürs Protokollieren=, aber natürlich auch zeitversetzt bestimmt Dinge schreiben und erarbeiten. So kann man schnell und effektiv Pressemitteilungen, Wahlprogramme und Co. erarbeiten. Selbst Nicht-Piraten scheinen dieses „Werkzeug“ schon entdeckt zu haben – für Gruppenarbeiten an der Uni eignet es sich nämlich auch vorzüglich.

Sonst läuft die Kommunikation natürlich vor allem über Mailinglisten – was das ist brauche ich wohl nicht mehr zu erklären.

Zugegeben, das ist alles noch nicht sonderlich kompliziert und kannte ich auch bereits zuvor. Jetzt in Amt und Würden werden ganz andere Kaliber aufgefahren: beispielsweise wird der Email-Verkehr zwischen Piraten grundsätzlich (zumindest bei sensiblen Daten) verschlüsselt – mit dem PGP-Verfahren z.B. Denn eine Email ist – was die wenigsten wissen – nichts anderes als ein Brief ohne Briefumschlag. Es ist nicht sonderlich schwer, unbemerkt jede Email einer bestimmten Person mitzulesen. Der von Natur aus paranoide Pirat – der hinter jeder Ecke eine Kamera vermutet – verschlüsselt seine Mails also. Hört sich schwerer an, als es ist, nach 2-3h hat man sich da eingearbeitet und weiß, wie es funktioniert. So ganz grundsätzlich jedenfalls…

Auch andere Sachen gibt es noch – OTRS z.B, ein Ticketsystem (fragt mich nicht nach einen gängigeren Begriff), mit dem ich jetzt weiß, was zu tun ist und wo ich schön meine „Tickets“ abarbeiten darf.

Als Instant Messenger benutzt der richtige Pirat natürlich „Jabber“ (weil man da ja auch verschlüsseln kann), statt Skype nimmt man lieber „Mumble“. Im Mumble hatte ich gestern meine erste Audio-Konferenz – ging ganz gut. Dort kann man frei in jedweden „Raum“ gehen und den Leuten ganz transparent zuhören – ob die Vorstandssitzung des Landesverbands Baden-Würtemmberg, Diskussionen in den Arbeitsgemeinschaften der Piratenpartei oder lockerer Plauderei, z.B im „Dicken Engel“ (ist jedem Pirat, der was auf sich hält,  ein Begriff :D) – im Mumble ist immer was los.

Es gibt auch noch einen Haufen anderer Sachen, auf die ich jetzt aber nicht mehr eingehen möchte. Fakt ist, gerade Leute, die die Realität der Virtualität vorziehen, werden wohl erst einmal von all diesen Sachen erschlagen sein. Der Piratenpartei würde es gut tun, diese Dinge als das zu nehmen, was sie sind – nämlich als sicher nützliche Werkzeuge – mehr aber auch nicht. Auf Dauer vergrätzen die Piraten damit nämlich diejenigen, die sich mit dem Internet nicht auskennen und die sich damit auch garnicht beschäftigen wollen. Das muss man tolerien, akzeptieren und respektieren! Und auch diese Leute braucht die Piratenpartei – denn ein Mehr an Transparenz, Partizipation und Bürgerrechten ist keine Ideologie des Internets, sondern ein Wunsch vieler Menschen, die, wenn überhaupt, das Internet nur für Emails, Online-Shopping, Nachrichten oder soziale Netzwerke nutzen! Diese Leute braucht die Piratenpartei nicht nur als Wähler, sondern auch als aktive Streiter, die den Piraten sehr wichtige Impulse geben (können).

Immerhin noch eine positive Sache, die ich so nie erwartet hätte: ich habe heute für die Piratenpartei einige Sachen in Briefumschläge gesteckt und auf diese ganz analog eine Adresse geschrieben. Ich weiß jetzt auch, wo man Briefumschläge und Briefmarken kaufen kann. Denn diese Kommunikationsform gab es eigentlich nicht in meinem Leben in den letzten Jahren (bzw. noch nie)- ist aber gut zu wissen, dass ich jetzt (wieder) weiß, wie es geht. Briefe muss man ja schließlich auch nicht verschlüsseln – solange das Breifgeheimnis noch gilt…

Und nun, lasset den „shitstorm“ beginnen 😉 !!!

Über Siegfried Kauder und einen interessanten Vortrag (mit ihm) in Konstanz

Am 12. Januar steht das kleine Provinznest Konstanz mal im politischen Mittelpunkt. Grund dafür ist, dass der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, nach Konstanz kommt, um das Gutachten seines Hauses zur Gefahrenlage in der Bundesrepublik Deutschland vorzustellen, vor allem in Bezug auf Terrorismus, Cyberkriminalität und ähnlichem.

Natürlich war das noch nicht alles – nach seinem Vortrag wird er noch gemeinsam mit Noch-Bundesvorsitzenden der Piratenpartei, Sebastian Nerz, und dem Vorsitzendes des Rechtsausschuss des Bundestages, dem CDU-Mann Siegfried Kauder, über so schöne Themen wie Vorratsdatenspeicherung (deren Sinnlosigkeit mittlerweile selbst die EU-Komission erkannt hat) diskutieren, was spannend werden dürfte.

Über die Personalie Kauder: bis vor kurzem war mir garnicht klar, dass es 2 politische Personen namens Kauder gibt. Einmal nämlich Volker Kauder, der Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist, zum anderen sein jüngerer Bruder Siegfried Kauder, der das Amt des Vorsitzenden des Rechtsausschusses bekleidet. Beide erscheinen auch öfters mal in den Medien – nicht immer unbedingt positiv für sie.

Siegfried Kauder, den ich in ein paar Tagen live erleben darf,  fordert z.B ein Two-Strikes-Warnmodell bei Urheberrrechtsverletzungen im Internet, dass Wiederholungstätern die Internetnutzung verbieten würde. Nicht verwunderlich ist seine Forderung, wenn man sich mal anschaut, welche Positionen der Herr Kauder noch so bekleidet: er ist Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände ist (BDMV), was weitere Worte erübrigen dürfte.

Von Herrn Kauder geht aber keine Gefahr mehr aus: sobald sein Gesetz nämlich durchkommt, darf er selbst kein Internet mehr nutzen. Wäre jedenfalls fair – und zwar aufgrund folgender Begebenheit: auf seiner Website verwendet er Bildmaterial fremder Urheber, ohne diese um Erlaubnis gefragt zu haben oder überhaupt angegeben zu haben.

Da war der Spott der Netzgemeinde natürlich groß und ein Neologismus, das „kaudern“ war erfunden, was „ein Urheberrecht anderer per einfacher Stellungnahme auf sich übertragen“ bezeichnet, genau das tat er nämlich (Behauptung, er hätte mittlerweile die Urheberrechte erhalten ist rechtlich nur durch Vererbung möglich – es hätten höchstens Nutzungsrechte sein können) und steht damit in Tradition anderer Spitzenpolitiker unserer Zeit, die nicht zu ihren Fehlern stehen wollen…

Mit jenem, über den ich meinen letzten Artikel publiziert habe, teilt er auch ein merkwürdiges Verständnis von Pressefreiheit – so wollte er den Medien vorschreiben, sich mit Berichten über potentiell von Terrorismus gefährdeten Orten zurückzuhalten, da diese ja ein Anreiz zum Terrorismus an diesen Orten sein könnten. Seine Meinung zum Thema WikiLeaks zeigt eine ähnliche Aufassung.

Noch ein Fakt, welch Antipathie Siegfried Kauder, insbesondere bei Mitgliedern der Piratenpartei auslöst, ist seine Position, dass Parlamentarismus und Lobbyismus untrennbar miteinander verbunden seien und Geldflüsse daher nicht bestraft werden dürften. So sprach er sich in einer Rede vor dem Bundestag auch entschieden gegen ein Gesetz gegen Korruption und Abgeordnetenbestechlichkeit aus.

Aber nun habe ich ihn genug mit Verachtung gestraft und freue mich auf die Debatte am Donnerstag. Wer Lust hat, dafür nach Konstanz zu kommen – weitere Infomationen findet ihr unter: http://wiki.piratenpartei.de/BW:Kreisverband_Konstanz/Termine/BKA-Vortrag

Selbstverständlich werde ich auch über den Vortrag und die Debatte hier berichten!

Piratenpartei & Gesellschaft: ein Konflikt zwischen On- und Offlinern und seine Folgen

Der heutige Student hat viel zu tun – schon ganz am Anfang, weshalb ein täglicher Output hier nicht möfglich ist.  Über das Studium möchte ich heute aber nicht berichten – über das was man in Politk und Verwaltung eigentlich macht werde ich Ende nächster Woche berichten, wenn dann tatsächlich alle Vorlesungen und Tutorate und Seminare tatsächlich gestartet sind. Nur soviel: es macht mir bereits richtig viel Spaß, auch oder gerade weil das Lesepensum hoch ist!

Im heutigen Artikel soll es aber um die Piratenpartei gehen. Nicht erst seit der Berlin-Wahl bin ich bekennender Anhänger der Piraten, schon bei der Bundestagswahl bekamen sie mein Kreuzchen, damals noch geteilt mit einer anderen SpaßPartei, die ich hier besser nicht erwähne.

Nun war ich ein Jahr in Neuseeland, beobachtete das Geschehen aus der Ferne und war doch über das Internet so nah dran. Aber nicht nur online sind die Pirten aktiv, sondern auch offline – und das wollte ich mir anschauen.

So kam es, dass ich am vergangenen Donnerstag Abend in eine etwas verrufene Kneipe spazierte, wo der Stammtisch der Piratenpartei Konstanz abgehalten wurde. Der Kreisverband hier in Konstanz hat momentan etwa 70 Mitglieder, von denen aber nur etwa 15 aktiv sind. Dazu kam, dass am Donnerstag erstmals seit langem wieder ein Stammtisch in Singen (Stadt 30km nördlich von Konstanz) abgehalten wurde, wo natürlich die ganzen Leute aus der entsprechenden Region hingingen.

Trotzdem war es recht voll – ca. 15 Freibeuter (so heißen die Noch-Nicht-Piraten) und Piraten drängten sich in der kuscheligen Sitzecke und diskutierten munter über Politik. Jeder stellte sich vor und es zeigte sich ein bunt gemischtes Bild an Personen – sogar einige Piratinnen waren anwesend. Sehr angenehm auch, dass das Klischee-Bild der Computernerdpartei hier nicht wirklich zutraf. Studenten und Rentner, Psychologen und Vertriebler, Schweizer und Deutsche, diskutierten einträchtig mit Fachinformatikern, Systemadministratoren und sonstigen ITlern.

Dabei ging es unstrukturiert und – wie erwartet – auch durchaus piratig zu. Anderen wird auch mal ins Wort gefallen und der Ton ist oft ein wenig ruppig – trotzdem ist der Umgang miteiander fair und argumentbasiert. Ist mir sympathisch…

Über konkrete Punkte der Tagesordnung möchte ich nichts sagen (gibt eh nichts wichtiges), sehr auffallend ist aber der Konflikt zwischen Onlinern und Offlinern, den ich im Folgenden gerne näher erläutern würde.

Die Piratenpartei wurde zwar bisher hauptsächlich von jungen, technikaffinen Menschen getragen, muss sich in Zukunft aber auch andere Bevölkerungsgruppen erschließen. Menschen, die noch Microsoft und Word benutzen, ihre Emails ausdrucken und das Internet nur als nützliches Informationstool sehen.

Konkret ging es um die Planung einer Veranstaltung, wo ein junger, technikaffiner Pirat vorschlug, dass ganze über Piratenpads zu organisieren (das sind Texteditoren im Internet, an denen mehrere Benutzer gleichzeitig schreiben können, z.b für Protokolle und sich nebenbei im Chat austauschen darüber). Einem älterer Mann sagte dies aber garnichts, er wolle all das lieber offline machen, sprich sich ein Konzept überlegen und beim nächsten Stammtisch darüber diskutieren. Solch eine Verschwendung von Zeit konnte der technikaffine junge Pirat, der Onliner, natürlich nicht begreifen – ebenso wenig, wie der Offliner solch ein Vorgehen über das Internet begreifen konnte. Er könne solche Instrumente nicht nur nicht bedienen, er wolle es auch gar nicht. Das, sollte man akzeptieren!

Um die Probleme des Offliners mit dem Internet nochmals zu illustrieren: er fragte über eine Mailingliste, was ein Staatstrojaner sei und zeigte sich verärgert, dass keine Antwort kam. Nun ist es bloß so, dass der Onliner das ganze so lösen würde, den Begriff in die Suchmaschine zu stecken und sich das Ergebnis so selbst holt – meist ist man damit schneller als solch eine Frage per Email überhaupt zu formulieren. Der Onliner denkt sich, was sei das denn für eine Frage – warum stellt der Offliner so eine Frage und schaut nicht gerade selbst nach.

Nun sollte es um guten Ton gehören, dass jeder jeden gegenseitig hilft. Die Konstanzer Mailingliste haben in dem Zeitraum aber vielleicht auch nur 20 Leute gelesen, die Hälfte hat die Frage überlesen, ein Viertel gedacht, dass andere antworten, ein Achtel war zu beschäftigt zum Antworten und ein anderes Achtel hatte schlichtweg keine Lust, dass zum tausendsten Mal den Offlinern zu erklären. So kam es, dass der Offliner keine Antwort erhielt.

Ein anderes Beispiel aus der Stammtischdiskussion zeigt, wie sich Lebensrealitäten zwischen Onlinern und Offlinern verschieben. Der Offliner ist der Meinung, wer am Stammtisch partizipiert muss auch aktiv anpacken und z.B Plakate kleben, während er dem Internet als Arbeitswerkzeug wenig bis keine Bedeutung beimisst. Der Onliner hingegen möchte keine Plakate kleben, jedenfalls nicht nur (das hätte er ja bei den übrigen Parteien auch machen können) , er möchte sich aktiv an der Parteiarbeit beteiligen, und zwar im Netz. Über das Wiki der Piratenpartei kann er am Parteiprogramm mitschreiben und darüber diskutieren, über Mumble mit anderen Piraten in ganz Deutschland kommunizieren und mit Liquid Feedback basisdemokratisch bestimmen, in welche Richtung das Piratenschiff segelt.

Basisdemokratie wird im übrigen großgeschrieben – auch Nichtmitglieder wie ich durften sofort abstimmen, ob der Stammtisch beim nächsten Mal an einem anderen Ort abgehalten werden soll oder nicht.

Die Lebensrealität des Onliners ist auch die meinige, ich mag mich also auch als Onliner bezeichnen. Ich hätte auch keine Lust 2 Jahre Plakate zu kleben, mich anzudienen und über Seilschaften in höhere Parteiämter aufzurücken, von der eigentlichen Parteiarbeit mit ihren Zielen aber abgeschnitten zu sein. Ich bin Postmaterialist – mir sind Partizipation, Transparenz und Schutz und Ausbau von Grundrechten wichtiger als die wirtschaftliche Situation. So wie mir geht es auch vielen anderen der jungen Generation, was über kurz oder lang dazu führen wird, dass solche Themen eine immer wichtigere Rolle spielen werden. Die Piratenpartei geht da mit gutem Beispiel voran – und bleibt dabei glaubwüridg und sympathisch. Man verstellt sich nicht, man gibt zu, dass man keine Ahung hat – auch bei Stammtischen. Das ist sympathisch! Manch Grüner, Roter, Schwarzer oder Gelber mag das traurig finden, ich finde das positiv.

Ein wichtiger Aspekt der in diese Lebensrealität hineinspielt, ist die Tatsache, dass Kommunalpolitik eher abgelehnt wird und man sich bundesweit beteiligen möchte. Kommunalpolitik muss nicht langweilig sein, Kommunalpolitik bedeutet aber, sich in eine Kommune einzufinden, sich zu integrieren, dort einige Zeit zu studieren, zu arbeiten, zu leben. Diese Zeit ist mir aber nicht gegeben. Studienbedingt bin ich 18 Monate in Konstanz, ehe ich die Stadt wegen einem Praxissemester sicher verlassen werde. Ein anschließendes Auslandssemester danach und ich bin auch nur wieder nur 6 Monate in Konstanz, ehe ich hoffentlich in Regelstudienzeit meinen Bachelor abschließe. Der Master danach führt vermutlich ins Ausland – rein hypothetisch.

Das Ganze soll veranschaulichen, dass die Lebensumstände von mir wie vieler anderen Menschen nicht mehr sind wie früher. Man stirbt nicht mehr da, wo man geboren wurde und kommt nicht Zeit seines Lebens nicht aus einem eng begrenzten Umkreis seiner Heimatstadt mehr hinaus. Warum also 2 Jahre lang Plakate kleben, wenn man danach eh wieder weg ist und in einer anderen Stadt neu anfangen darf, Plakate zu kleben?

Die Piratenpartei ermöglicht es mir jedoch, zu jeder Zeit an jedem Ort über das Internet bundesweit die Parteiarbeit gestalten. Ich kann direkt an Anträgen mitarbeiten oder gar selbst erarbeiten, die später basisdemokratisch abgestimmt und eventuell somit gar Parteilinie werden. Ich kann mit verschiedensten Personen aus verschiedensten Regionen diskutieren und meine Meinungen überdenken, ich kann mich auf Parteitagen einfach auch so mal direkt in Ämter wählen lassen, falls ich Zeit dafür habe und wenn der Wunsch nach Offline-Kommunikation besteht mich auch einfach mal unverbindlich mit den Mitgliedern des Stammtischs an dem Ort treffen, an dem ich mich grade befinde. Zeit, kann ich ohnehin aufteilen wie ich möchte. Wenn ich Zeit habe, kann ich sie investieren, wenn nicht, dann brauche ich es auch nicht. Das ist das was das Piratsein für mich ausmacht und deswegen werde ich bald von einem Freibeuter auch zu einem Pirat, um Deutschland zu ändern. Da spielen natürlich auch noch andere wichtige Aspekte wie die Grundwerte der Partei, ihr Menschen- und Weltbild und natürlich auch ihre bisherigen Inhalte eine gewichtige Rolle, deren Erläuterung aber zumindest jetzt den Rahmen sprengen würde.