3 Kapitalismen und der verlorene Kampf um die richtige Definition

Kapitalismus – ein Wort, das politische Idelogien voneinander spaltet wie kaum ein anderes. Dabei ist Kapitalismus ständiger begrifflicher (Um)Definition ausgesetzt, die Diskussionen hinsichtlich dieses Themas so schwer machen. Schließlich muss man erst ergründen, was der gegenüber denn eigentlich mit Kapitalismus meint.
Für mich gibt es 3 sauber abgegrenzte Definitionen von Kapitalismus, die ich grob einem Text von Gary Chartier entnehme. Natürlich gibt es noch sehr viel mehr. Die politökonimische Forschung spricht z.B von den Varieties of Capitalism, mit denen wir uns hier aber nicht näher beschäftigen wollen. Wird hier doch Kapitalismus auf ein System angewandt, das mit seiner ursrpünglichen Bedeutung wenig gemeinsam hat.

Für mich ist Kapitalismus nur eins:

ein ökonomisches System mit persönlichen Eigentumsrechten und dem freiwilligen Handel von Waren und Dienstleistungen

Kapitalismus in dieser Form ist der freie Markt in seiner Reinform ohne jeglichen Staatseinfluss, der den Markt nur pervertiert. Kein Staatseinfluss heisst ipso facto auch keine Sonderinteressen und damit keine wie auch immer geartete Intervention oder Regelsetzung von Regierungen zugunsten von Unternehmen.

Was heutzutage jedoch als Kapitalismus definiert wird, ist eher die zweite Form. Kapitalimus ist

ein ökonomisches System, dessen Hauptinhalt die Symbiose zwischen großen Unternehmen und der Regierung ist

In solch einem System leben wir heute. In manchen Staaten mehr, in manchen weniger. Es gibt Monopole vielfältiger Art und Weise, das eine schädlicher als das andere. Sie alle eint der Eingriff in persönliche Eigentumsrechte und freiwilligen Handel. Die meisten liberalen Parteien sind leider auch von diesem Dogma ergriffen. Der FDP Klientelpolitik zuzuschreiben ist völlig gerechtfertigt: die Hoteliers und Apotheker, neuerdings auch IT-Unternehmer freuen sich riesig über die staatliche Förderung, ob monetär oder durch Marktbeschränkung. Das andere Parteien noch schlimmer sind sollte man gleichwohl nicht verschweigen. Die Klienten heißen nur anders. So sind z.B.  die zerstörerischen Praktiken des Agrarkonzerns Monsanto einzig allein seiner staatlichen Privilegierung geschuldet.

Dem Kapitalismus können wir aber auch noch eine dritte Bedeutung zuschreiben. Für viele Sozialisten im autoritären sprich staatssozialistischen Sinne ist Kapitalismus

Herrschaft über Arbeit, Gesellschaft und Staat durch Kapitalisten, also  einer kleinen Anzahl von Leuten mit großem Reichtum im Besitz der Produktionsmittel.

Kapitalismus sollte hier eigentlich als die zweite definierte Form des Kapitalismus verstanden werden. Denn Sozialisten liegen völlig richtig mit der Tatsache, dass es strukturelle Ungleichheiten gibt. Sie schreiben dies aber der ersten definierten Form des Kapitalismus zu und sehen nicht den verheerend-verzerrenden Staatseinfluss, der strukturelle Ungleichheiten überhaupt erst entstehen lässt. Sozialisten – der Begriff hätte ebenfalls eine genauere Definition verdient – aller Couleur verdammen den von Staatseinfluss befreiten Markt, wo man doch eigentlich das Geschacher zwischen den Lobbyistenheeren und dem Staat gerechtfertigt kritisieren muss. Das wird zwar zunehmend getan, jedoch mit der Konsequenz noch mehr Staat. Umso größer jedoch ein Staat, so leichter die Einflussnahme von Sonderinteressen auf dessen Politiker und seinen bürokratischen Apparat. Das würde jedoch jetzt den Rahmen sprengen.

Während die erste Kapitalismus-Definition ein noch nie erreichtes Ideal darstellt, hat die dritte Kapitalismus-Definition in Konsequenz unvorstellbares Leid verursacht. Und die zweite Kapitalismus-Definition, die nicht ideal, aber real ist, ist auf dem besten Weg das gleiche Schicksal zu erleiden.

Was also machen mit dieser Definition des Kapitalismus? Was mache ich?

Es ist unwahrscheinlich, dass der Begriff des Kapitalismus als die erste Variante verstanden wird. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Stattdessen muss ich von mir wohl nun als Antikapitalisten sprechen. Und libertäre Pro-Kapitalisten täten gut daran, dies nicht als albernes Wortspiel abzutun um sich Linken anzubiedern, sofern sie denn Kapitalismus tatsächlich als freien Austausch von Waren und Dienstleistungen auf Basis von persönlichem Eigentum erachten. Man sollte keinen Kampf um Begriffe, sondern um ihre Inhalte führen. Aber ein „verlorener“ Begriff führt meiner Einschätzung nach auch zu verlorenem Inhalt. Und was spricht dagegen, einen Begriff zu ändern, dessen Inhalt für sich selbst gleich bleibt, der seinen Mitmenschen aber ein völlig gegensätzliches Bild liefert. Kapitalismus ist ein Wort, das man gerne kritisch gebrauchen kann, ich selbst werde jedoch jetzt darauf achtgeben, dass ich es nicht mehr benutze, um ein Ideal zu beschreiben, sei es denn die erstere Definition folgt direkt danach erklärt.

OB-Wahlen in Konstanz: die Qual der Wahl

Während heute und morgen die Wahlen an der Uni laufen, bereitet sich ganz Konstanz auf die ungleich wichtigere Oberbürgermeister- Wahl am Sonntag vor, in der noch 6 verbliebene Kandidaten, davon mit ernsthaften Chancen nur noch 3, um Stimmen ringen.

Ich selbst bin das Wochenende garnicht in Konstanz, sondern nehme an der Deutschen Meisterschaft im Schachtennis teil, die in Baden-Baden stattfindet. Schach und Tennis kombiniert – da reicht es sogar gleich das Ticket zur Deutschen Meisterschaft zu lösen, wo ich aber sicher sang- und klanglos untergehen werde. Gerade schwang ich den Tennisschläger zum ersten Mal seit 20 Monaten wieder, was doch erstaunlicherweise gut ging: falls ein Konstanzer Leser dieses Blogs das Gefühl verspürt – ich habe jetzt richtig Lust regelmässig mal zu spielen!

Und während am Sonntag Abend die Freude über den Wahlsieg bei einer Person ganz groß sein dürfte, ist ein Mitfeiern meinerseits suboptimal, da ich bereits am Montag zur verbrecherischen Zeit von 8 Uhr morgens die erste Klausur schreiben darf. Thema: Analyse und Vergleich politischer Systeme

Un -Analyse und Vergleich, geschickt zur Überleitung genutzt, soll es nun auch in der Essenz dieses Artikels gehen. Wegen meiner beschriebenen Abwesenheit habe ich nämlich heute neben den Uni-Wahlen bereits meinen OB-Wunschkandidaten per Briefwahl gewählt.

Für mich war die richtige Wahl eine Qual – eine Qual der Wahl. Fernab jeglichen empirischen Anspruches und mit normativem Touch möchte ich nun versuchen darzulegen, welche Faktoren bei so einer Wahl bei mir eine Rolle spielen und wie die noch chancenreichen Kandidaten dort in meinen Augen abschneiden. Soviel sei schon verraten: ich halte niemanden der 6 Kandidaten für bedenklos wählbar und habe mich daher entschieden, die sehr sinnvolle Möglichkeit zu wählen, einen Wunschkandidaten vorzuschlagen. Der ist Sozialdemokrat, wohnt an der Seestraße, mag gern Monster-Trucks und strotzt mit Verwaltungskompetenz. Ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der ihn wählt – auch wenn er in meinem folgenden Raster auch nicht unbedingt besser abschneiden würde.

Noch einmal kurz zu den Kandidaten der zweiten Runde der OB-Wahl: mit Chancen im Rennen sind noch Sabine Seeliger (grün), Sabine Reiser („unabhängig“, CDU-Mitglied) und Uli Burchardt (teilweise von CDU, FDP und FW unterstützt). Wer mit diesen nicht zufrieden ist und noch einen seriösen Kandidaten sucht, wird ihn mit den sicher chancenlosen Mykola Neumann  finden, der sein Ergebnis von 1% beim ersten Wahlgang nun deutlich verbessern dürfte. Verbleiben tun auch noch Klaus Springer und Roman Urban, deren Unwählbarkeit ich aber von vornherein annehme. Diese Beiden werde ich daher auch ausblenden.

Nun – wie wählt der Bürger? Wie wähle ich?

Theorien, die ich schon lernen durfte, sind z.B. das Medianwählermodell von Anthony Downs, das davon ausgeht, dass Wähler rein rational die Partei wählen, die ihnen am meisten Nutzen verspricht. Die Annahmen (Zweiparteiensystem, jeder geht zur Wahl, keine inhärenten Parteipräferenzen) lassen sich aber nur schwer mit dieser Oberbürgermeisterwahl in Einklang bringen. Ähnlich sieht es mit der Theorie von Wählerklienteln aus, die vielleicht bei Bundestagswahlen einen Wahrheitsgehalt haben mag, auf Persönlichkeitswahlen wie es Oberbürgermeister-Wahlen sind jedoch geringen Einfluss haben.

Doch was hat Einfluss? Für mich spielen folgende Faktoren eine entscheidende Rolle in meiner Wahlentscheidung.

1. Ideologie

Von Ideologie bin auch ich nicht verschont: sie spielt eine wichtige Rolle bei jeder Wahl. Gehört der Kandidat zur In-Group meiner Ideologie, so ist er deutlich eher wählbar als wenn er es nicht ist. Bedauernswerter Weise aber erwartbar ist dies bei keinem der Kandidaten der Fall. Sabine Seeliger ist meiner Ansicht nach recht typisch linksgrün, Frau Reiser betont bürgerlich- modern, aber konservativ, und Uli Burchardt ebenfalls bürgerlich-modern und konservativ, aber mit liberalerem und auch linksgrünen Touch (er wirbt mit einer attac-Mitgliedschaft). Mykola Neumann können wir eine gewisse Nähe zur Piratenpartei zusprechen, die ja nach Selbsteinschätzung ideologielose Politik machen möchte, was ihr jedoch zunehmend seltener gelingt.

 

 

2. Inhalte

Eng verknüpft mit der Ideologie sind auch immer die Inhalte, mit dem ein politischer Kandidat um Stimmen wirbt. Nach der Ideologie richten sich meist auch die politischen Positionen aus. Und manch auf dem ersten Auge gleiche Position zweier Kandidaten beruht auf völlig unterschiedlichen Ideologien und damit auch Gründen. Inhalte sollte man also nicht isoliert betrachten, sondern immer im größeren Kontext. Die Glaubwürdigkeit soll in dieser Dimension jedoch keine Rolle spielen.

Was konkret die Inhalte der OB-Kandidaten angeht, reicht dies von „geht garnicht“ bis „ganz passabel“. Sabine Seeliger disqualifiziert sich durch Forderung einer City-Maut und als Gegnerin des B33-Ausbaus als Autobahn, auch wenn sich in ihrer studentenfreundlichen Politi viel Unterstützenswertes findet. Nicht anders sieht es bei den 3 anderen Kandidaten aus: man wird immer etwas finden, das einem gut, und was einem schlecht gefällt. Und jeder Wähler muss dies für sich selbst entscheiden…

 

3. Persönliche Integrität

Diese Dimension finde ich am Wichtigsten. Was nützen alle Versprechungen, wenn es nur leere Worte sind?Persönliche Integrität heißt für mich, dass Werte und Worte von Kandidaten im Einklang mit ihrem tatsächlichen Handeln stehen. Es wird immer mal unvorhergesehene Ereignisse geben, durch die gemachte Versprechungen nicht gehalten werden können. Wesentlich ist dann, wie damit umgegangen wird.

Bei den OB-Kandidaten ist diese Frage subjektiv schwer zu beurteilen, da sie auf politischer Ebene noch nicht groß in Erscheinung getreten sind. Da hat man es auf bundespolitischer Ebene deutlich einfacher (und wird überall enttäuscht). Trotzdem ein paar Worte zu den Kandidaten:

Sabine Seeliger habe ich in dieser Beziehung nichts vorzuwerfen. Ganz im Geggenteil finde ich, dass ihre finanzielle Unterstützung der Klage gegen das Glasverbot am Seerhein genau diese persönliche Integrität zeigt. Einsatz für eigene Werte und politische Glaubensvorstellungen auch über die Politik hinaus. Ins gleiche Horn stößt auch ihr Einsatz für Bio und erneuerbare Energien. Auch wenn ich das nicht unterstützenswert finde, so imponiert doch eine gewisse Kohärenz zwischen Ideologie und Handeln.

Bei Sabine Reiser sieht es anders aus. Ihre Integrität scheint darauf hinauszulaufen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln endlich gewählt zu werden. Mit allen Mitteln bedeutet auch zu vielleicht eher unlauterer Werbung zu greifen: sie schaltete eine ganzseitige Anzeige auf der Titelseite des Konstanzer E1NS-Magazin, der von diesem jedoch als objektiver Artikel verkauft wird, indem sie extreme, teils lächerliche Selbstdarstellung betreibt. Ein Konstanzer Blogger weiß hier Näheres zu berichten – ein Klick lohnt sich: http://crashsource.de/1102-ob-wahlkrampf-in-konstanz-sabine-reiser/

Auch Uli Burchardt mag man vorwerfen, die Wähler täuschen zu wollen. Er kokettierte mit seinem Engagement bei den Globalisierungskritikern von „attac“, das sich laut Konstanzer Aktivisten  jedoch allenfalls auf eine schnell im Internet erworbene Mitgliedschaft beschränkt: http://www.koch.ro/blog/index.php?/archives/157-Uli-Burchardt-und-ATTAC.html

Auch sein „Engagement“ in anderen Vereinen scheint eher gering auszufallen. Um jedoch auf „attac“ zurückzukommen: warum meint Herr Burchardt das eine „attac“-Mitgliedschaft so toll ist? Für mich disqualifiziert ihn nicht nur diese Falschaussage, sondern schon die Idee einer „attac“-Mitgliedschaft an sich. Bei seiner Nachhaltigkeitsausrichtung ist es zumindest nachvollziehbar. Herr Burchardt scheint auch den gewissen Typus eines Selbstdarstellers einzunehmen, der als Marketing-Fachmann sich damit ja bestens auskennend, manchmal so wirkt, den Wahlkampf als Plattform benutzend eher sein Buch „Das Manufactum-Prinzip“ zu bewerben statt sich um die Belange von Konstanz zu kümmern.

Über Mykola Neumann kann ich an dieser Stelle nichts Schlechtes schreiben, da mir nichts bekannt ist. Ihn schätze ich aber – er ist schließlich Rechtsanwalt – in dieser Beziehung aber als sehr solide ein.

 

4. Bürgernähe

Ein entscheidender Faktor für mich ist die Bürgernähe. Und zwar nicht nur die Anschein erweckende während des Wahlkampfes, sondern die dann tatsächliche als Oberbürgermeister. Alle Kandidaten reden schließlich von mehr Partizipation – die Frage ist ob sie es auch umsetzen.

Während des Wahlkampfes kann man fehlende Bürgernähe gleichwohl niemanden absprechen: gerade Sabine Reiser zeigt sich da sehr bemüht – heute lag wieder Wahlwerbung im Briefkasten – wirkt dabei jedoch im Gegensatz zu Sabine Seeliger nicht wirklich authentisch, sondern sehr gekünstelt. Mit perfekt einstudiertem Lächeln vermag sie mich nicht zu vereinnahmen. Wie wichtig Bürgernähe ist, sieht man auch an der Tatsache, dass sie nach der Podiumsdiskussion an der Uni Gespräche plötzlich abbrach, weil „wichtige“ Personen gerade in der Nähe waren, denen sie sich widmen wollte. Kann man verstehen, muss man aber nicht.

In der Beantwortung von Anfragen zeigte sie sich jedoch immer sehr rasant- gleichwohl sicher ein großes Team dahinter steht. Ähnlich bei Sabine Seeliger. Uli Burchardt hat sicher auch ein großes Team, die Anfragen werden hier aber längst nicht so zügig bis garnicht beantwortet. Mykola Neumann muss man hier in Schutz nehmen -als Einzelkämpfer, der dazu noch weiter seinem Beruf nachgeht, hat er es nicht gerade leicht. Vielmehr ist sein Engagement zu bewundern.

Ich jedenfalls bin gespannt, ob man den zukünftigen Oberbürgermeister auch einmal unter „normalen“ Konstanzern sieht oder nur in der High-Society.

 

5. Charakter und Sympathie

Ist schon fast sowas wie ein Gesamteindruck und je nach Mensch unterschiedlich. Aber wohl immer sehr bedeutend. Für wen ich Sympathie hege und für wen eher nicht ist sicher schon deutlich geworden.

 

6. Rationales

Als gnadenloser Kosten-Nutzen-Maximierer wägt man bei seiner Wahlentscheidung sicherlich auch die Vor- und Nachteile des Kandidaten für sich ab. Frau Seeligers glaubwürdiger Einsatz gegen das Glasverbot und eine zeitliche Ausweitung der Sperrstunde sind für einen Studenten sicherlich positiv zu beurteilen. Allerdings sollte man nicht nur an sich denken – gerade wenn man ohnehin in Konstanz nur für kurze Zeit seinen Lebensmittelpunkt hat. Ein Oberbürgermeister, der mich nur ein Jahr „regiert“ und der auf mein unmittelbares Leben ohnehin kaum Einfluss hat, führt dazu, dass einem eigentlich egal sein kann, wer Oberbürgermeister wird. Man kann dies dann so oder so sehen: Verantwortung übernehmen und das Wählen, von dem man sich das Beste für alle erhofft. Oder man entzieht sich der Verantwortung – meiner Meinung in diesem Fall durchaus legitim – und lässt die dauerhaft hier lebenden Konstanzer entscheiden, während man selbst nicht zur Wahl schreitet oder aber den Stimmzettel ungültig macht/ einen Wunschkkandidaten vorschlägt, um zumindest die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Daran nämlich könnte es auch liegen, dass die Wahlbeteiligung, gerade unter Studierenden, aber auch in der Forschung, eher gering ist. Es macht da einen Unterschied, ob man noch 4 Jahre in Konstanz vor sich hat, weil man gerade mit dem Jura-Studium angefangen hat oder aber in meinen Fall weiß, im nächsten Jahr um diese Zeit Konstanz bereits verlassen zu haben und auch nur noch für eine kurze Periode zurückzukommen.

 

 

Das war es dann auch eigentlich schon, was mich merklich in meiner Wahlentscheidung beeinflusst. Die ganzen Dimensionen werden vermixt, ihr Anteil ist jedoch immer dynamisch, die Gesamtentscheidung spiegelt das Ganze nur so ungefähr wieder. In Bundestagswahlen sind die Dimensionen noch etwas umfangreicher, in Oberbürgermeister-Wahlen müssen sie ausreichen. Es ist ja auch auch nicht so, dass ich das jetzt haargenau so durchgehe, sondern ein Versuch selbst einmal niederzuschreiben, wie man eigentlich zu einer Wahlentscheidung kommt.

Meine ist nun so, keiner dieser Spitzenkandidaten zu wählen. Am ehesten würde mir momentan tatsächlich noch Sabine Seeliger zusagen. Mit meinem Gewissen kann ich es aber absolut nicht vereinbaren, eine linksgrüne Kandidatin zu wählen. Da ist die Ideologie doch stärker, die Emotion siegt über die Rationalität!

Wie auch immer: am Sonntag Abend wissen wir alle mehr. Für Konstanz wird das Ergebnis einschneidend sein. Mittlerweile sehe ich einen Farbwechsel nicht mehr sehr euphorisch entgegen – vielleicht sollte Konstanz tatsächlich grün bleiben. Bei den Inhalten der Kandidaten wird es das aber ohnehin. Wer sich übrigens noch einmal einen Eindruck von den Kandidaten verschaffen möchte: am Freitag von 11-15 Uhr ist ein offenes Forum an der Universität, wo man noch einmal mit allen ins Gespräch kommen kann – so ist jedenfalls der Anspruch dieser Veranstaltung…

Auch hier wieder der Aufruf: geht am Sonntag wählen, auch wenn es Euch nicht anzugehen scheint! Notfalls macht tatsächlich vom Vorschlagsrecht Gebrauch und wünscht Euch Harry Potter herbei…

Vor den Wahlergebnissen am Sonntag freue ich mich jedoch erst einmal auf die morgen. Ein Sitz, besser zwei, sollten für die Liberale Hochschulgruppe wohl drin sein. Wer noch nicht gewählt hat, sei auch dies ans Herze gelegt, dies morgen noch zu tun!

 

 

 

 

Die Ideologie des Egomarxismus und die Piratenpartei

Was passiert, wenn sich ein PoWalter und ein WiWi an einem Dienstag Abend im AStA-Biergarten (sowas gibts !)  der Universität Konstanz unterhalten?

Richtig – man erfindet ganz neue wissenschaftliche Theorien oder Ideologien. Ergebnis des heutigen Abends war der Egomarxismus: denn viele Wirtschaftswissenschaftler sind ja bekanntlich  „Homo oeconomicüsse“ für die kollektive Aktion dann als gut gilt, wenn sie Ihnen persönlich nützt.

Ich persönlich kann mich jetzt rühmen, den Egomarxismus entdeckt zu haben. Laut Google kam nämlich noch niemand auf diese glorreiche Idee. Ich hoffe bloß, ich werde dadurch nicht als Neomarxist in die Geschichte eingehen…

Egomarxismus ist jedenfalls die Lehre vom Klassenkampf aus individualistischer Perspektive. Mit dem Ziel „allen das Selbe, aber mir am meisten“. So soll es jedenfalls sein. Das Theoriegebäude muss noch gemauert werden. Viel wichtiger scheint jedoch, dass man den Egomarxismus bestens auf ein Phänomen der jüngeren Weltgeschichte anwenden kann, was es gleichwohl auch schon Jahrhunderte vorher gab: die Piraten!

Heute entern die Piraten aber keine Schiffe mehr (außer vor der somalischen Küste und vereinzelt woanders), sondern sie organisieren sich in Parteien, um ihresgleichen großzügige Entwicklungshilfe zu gewähren.

Relativ schnell kam mir in den Sinn, dass der Egomarxismus zur Piratenpartei wie die Faust aufs Auge passt. Denn viele Piraten scheinen danach zu streben, ihre Bedürfnisse auf Kosten anderer zu befriedigen, die selbst dieser Befriedigung nicht bedürfen, aber dafür zahlen sollen. Z.B. Video- und Musikkonsum für lau – Stichwort Kulturflatrate. Genauso wie die Abschaffung, pardon, -Reform des Urheberrechts zielt auch die Idee eines kostenlosen fahrscheinlosen öffentlichen Nahverkehrs in die Richtung – von mir zukünftig nur noch liebevoll ÖPNV-GEZ genannt. Dass die Piraten (und die Grünen) lieber Bus und Bahn fahren ist hinreichend bekannt, die einen, weil man Autos schließlich lenken muss und dabei nicht zocken, twittern und lqfben kann, die anderen aus einer wie bei Fukushima in Hysterie ausgearteten Furcht vor der Erderwärmungerkältung…

Aber es gibt auch noch böse Anthrophosophen, die gerne über die Autobahn rasen und ihre Moneten lieber beim Tankwart lassen als den vorbildlichen ÖPNVlern ihr Ticket zu finanzieren. BGE allein reicht dazu  ja nicht.

Im Gegensatz zur in Diskussion befindlichen Autobahn-Maut ist die ÖPNV-GEZ eine Zwangsabgabe bei Nichtinanspruchnahme von Leistungen. Wer hingegen die Autobahn-Maut nicht zahlen möchte, kann ja auf ÖPNV umsteigen. Dort könnte man dann eine ÖPNV-Maut verlangen, um die Strecken auszubauen und mir damit meine Reisezeit zu verkürzen. Positiver Nebeneffekt Nr. 2: weniger los! Dient als perfekte  Illustration für den Egomarxismus : „allen das selbe, aber mir am meisten“.

Mehr fällt mir jetzt auch nicht mehr ein. Muss erstmal über diese großartige Ideologie näher nachdenken. Eine Parteigründung erübrigt sich ja immerhin.

Die Piratenpartei und das Internet – Ideologie oder Werkzeug?

Wer in der Piratenpartei ein Amt anstrebt, sollte sich schon etwas mit Computern und dem Internet auskennen. Nicht nur, weil man sonst von vielen Piraten eher belächelt wird- je nach Intoleranz und Nerd-Faktor auch pure Ablehung zu nennen – sondern weil man das Internet und alles Schöne, was man damit machen kann, auch zur täglichen Arbeit braucht. Nun bin ich ja quasi ein „digital native“ und meiner Meinung nach durchaus netzaffin – bei einigen Dingen verstehe aber selbst ich nur Bahnhof – und der ein oder  andere Pirat wundert sich darüber.

Ich habe zwar einen Twitter-Account, nutze den aber nicht aktiv. Da ich meine Blogposts drüber verlinkt habe, generiert er immerhin etwas Output. Für den Piraten ist Twitter natürlich das Nonplusultra – da muss ich mich ja fast schämen, dass ich „nur“ Facebook benutze. Denn Facebook ist ja ganz schlimm, ein ganz fieser Datenkrake – da sollte man doch besser „mypirates“ benutzen – da sind die Daten sicher (und man ist sicher der einzige aktive dort…).

Auch Windows-User wie ich haben es schwer: es muss ja schließlich alles Open Source sein, was die Piraten verwenden – naja fast! Ich benutze zwar kein Linux, aber immerhin Mozilla Firefox, Thunderbird und OpenOffice! Das ist doch schonmal ein Anfang!

Kommen wir nun zu den Werkzeugen, die fast essentiell für die Piraten sind. Ich sehe Sie nur als Werkzeug, für manche scheinen sie jedoch eine Ideologie darzustellen. Da gibt es einmal das Wiki: da steht alles drinne, bloß kann man es nicht finden. „Schau doch ins Wiki“ ist der Standardspruch der „Onliner“, der manch „Offliner“ schnell vergrätzt, der so garnichts damit zu tun haben möchte. Beim letzen Stammtisch haben wir uns darauf geeinigt (oder auch nicht !?), dass ab sofort ein Euro ins Sparschwein kommt, falls so ein Satz fällt (die Wahlkampfkasse dürfte schnell prall gefüllt sein).

Neben dem Wiki gibt es noch die „Piratenpads“. Da muss ich sagen: geniale Erfindung. Mehrere Personen können nämlich gleichzeitig live (ideal fürs Protokollieren=, aber natürlich auch zeitversetzt bestimmt Dinge schreiben und erarbeiten. So kann man schnell und effektiv Pressemitteilungen, Wahlprogramme und Co. erarbeiten. Selbst Nicht-Piraten scheinen dieses „Werkzeug“ schon entdeckt zu haben – für Gruppenarbeiten an der Uni eignet es sich nämlich auch vorzüglich.

Sonst läuft die Kommunikation natürlich vor allem über Mailinglisten – was das ist brauche ich wohl nicht mehr zu erklären.

Zugegeben, das ist alles noch nicht sonderlich kompliziert und kannte ich auch bereits zuvor. Jetzt in Amt und Würden werden ganz andere Kaliber aufgefahren: beispielsweise wird der Email-Verkehr zwischen Piraten grundsätzlich (zumindest bei sensiblen Daten) verschlüsselt – mit dem PGP-Verfahren z.B. Denn eine Email ist – was die wenigsten wissen – nichts anderes als ein Brief ohne Briefumschlag. Es ist nicht sonderlich schwer, unbemerkt jede Email einer bestimmten Person mitzulesen. Der von Natur aus paranoide Pirat – der hinter jeder Ecke eine Kamera vermutet – verschlüsselt seine Mails also. Hört sich schwerer an, als es ist, nach 2-3h hat man sich da eingearbeitet und weiß, wie es funktioniert. So ganz grundsätzlich jedenfalls…

Auch andere Sachen gibt es noch – OTRS z.B, ein Ticketsystem (fragt mich nicht nach einen gängigeren Begriff), mit dem ich jetzt weiß, was zu tun ist und wo ich schön meine „Tickets“ abarbeiten darf.

Als Instant Messenger benutzt der richtige Pirat natürlich „Jabber“ (weil man da ja auch verschlüsseln kann), statt Skype nimmt man lieber „Mumble“. Im Mumble hatte ich gestern meine erste Audio-Konferenz – ging ganz gut. Dort kann man frei in jedweden „Raum“ gehen und den Leuten ganz transparent zuhören – ob die Vorstandssitzung des Landesverbands Baden-Würtemmberg, Diskussionen in den Arbeitsgemeinschaften der Piratenpartei oder lockerer Plauderei, z.B im „Dicken Engel“ (ist jedem Pirat, der was auf sich hält,  ein Begriff :D) – im Mumble ist immer was los.

Es gibt auch noch einen Haufen anderer Sachen, auf die ich jetzt aber nicht mehr eingehen möchte. Fakt ist, gerade Leute, die die Realität der Virtualität vorziehen, werden wohl erst einmal von all diesen Sachen erschlagen sein. Der Piratenpartei würde es gut tun, diese Dinge als das zu nehmen, was sie sind – nämlich als sicher nützliche Werkzeuge – mehr aber auch nicht. Auf Dauer vergrätzen die Piraten damit nämlich diejenigen, die sich mit dem Internet nicht auskennen und die sich damit auch garnicht beschäftigen wollen. Das muss man tolerien, akzeptieren und respektieren! Und auch diese Leute braucht die Piratenpartei – denn ein Mehr an Transparenz, Partizipation und Bürgerrechten ist keine Ideologie des Internets, sondern ein Wunsch vieler Menschen, die, wenn überhaupt, das Internet nur für Emails, Online-Shopping, Nachrichten oder soziale Netzwerke nutzen! Diese Leute braucht die Piratenpartei nicht nur als Wähler, sondern auch als aktive Streiter, die den Piraten sehr wichtige Impulse geben (können).

Immerhin noch eine positive Sache, die ich so nie erwartet hätte: ich habe heute für die Piratenpartei einige Sachen in Briefumschläge gesteckt und auf diese ganz analog eine Adresse geschrieben. Ich weiß jetzt auch, wo man Briefumschläge und Briefmarken kaufen kann. Denn diese Kommunikationsform gab es eigentlich nicht in meinem Leben in den letzten Jahren (bzw. noch nie)- ist aber gut zu wissen, dass ich jetzt (wieder) weiß, wie es geht. Briefe muss man ja schließlich auch nicht verschlüsseln – solange das Breifgeheimnis noch gilt…

Und nun, lasset den „shitstorm“ beginnen 😉 !!!