Gleichung, Gleichgewicht, Gleichgültigkeit

Im Moment schreibe ich eher wenig. Das hat damit zu tun, dass gerade Klausurzeit ist. Besonders freue ich mich dabei auf die VWL-Klausur am Samstag (oder auch nicht). Lauter Gleichungen und Gleichgewichte, die zu Gleichgültigkeit meinerseits führen. Immerhin ist die Neoklassische Volkswirtschaftslehre noch nicht zum totalen Verfechter von Gleichheit geworden. Denn das würde ja auch so garnicht zum Homo oeconomicus passen, der immer mehr will.

Es ist nicht so, dass das, was man lernt, nutzlos ist. Ganz im Gegenteil handelt es sich bei dieser Vorlesung „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“, die wir Politikstudenten im 3. Semester mit den WiWi-Erstis besuchen, um die wohl nützlichste Vorlesung im ganzen Studium. Wirtschaftliches Verständnis ist eben zentral.

Doch frage ich mich manchmal, wie realitätsfern die Wissenschaft seit Jahrzehnten in Anwendung ihrer aggregierten Mathe-Tricksereien agiert. Alles soll irgendwie im Gleichgewicht sein – ist es das? Ich denke viel eher, dass solche Gleichgewichte niemals vollständig erreicht werden können, allenfalls angenähert. Wirtschaft ist schließlich auch kein statischer Prozess – sie ist immer in Bewegung, dynamisch, ein Prozess. Wenn ökonomische Modelle essentielle Variablen wie die Zeit ausklammern oder von einer eigentlich absurden „Neutralität des Geldes“ ausgehen, wie können sie uns dabei helfen, die Realität zu erklären? Dass sie das nicht können sieht man seit mehreren Jahren an der zunehmenden Rechnerei ohne Wirtschaftskrisen angemessen erklären oder gar zukünftige voraussagen zu können.

Jetzt ist Mathematik an sich nichts Verkehrtes, sondern die Grundlagenwissenschaft schlechthin. Und auch für Ökonomen ist es eine äußerst nützliche Hilfswissenschaft, wenn man es nicht übertreibt. Wenn es sich jedoch nur noch um Mathematik dreht und die individuellen Marktteilnehmer völlig ausgeblendet werden, so scheint mir dies kein guter Ansatz zu sein. Eher ein szientizistischer Irrglaube, der meint, naturiwssenschaftliche Methoden auf Sozialwissenschaften zu übertragen – wie sie die Ökonomie eigentlich ist.

Das Makroökonomik – das Denken in statischen Aggregatzuständen – zu wenig führt, sagt einem ja schon fast der gesunde Menschenverstand. Denn all das, was mir Gleichungen und Kurven zu erklären versuchen, ist im Grunde genommen logisch ableitbar. Die Rechnerei und Zeichnerei hingegen macht Vieles eher unklarer – für mich jedenfalls. Vielen Menschen geht es aber vermutlich anders. Die wollen nicht logisch denken, sondern Zahlen und Kurven sehen, die vielleicht irgendeinen Sinn ergeben. Besonders Politiker scheinen ganz scharf darauf zu sein, Zahlen in irgendwelche Modelle zu pressen und sie nach ihren Gusto ausspucken zu lassen.

Die Mikroökonomik bewegt sich da schon näher am Menschen. Das Meiste, was ich dort drüber gelernt habe, ist sehr hilfreich und spannend. Letztlich denke ich aber, es ist Unsinn, Mikro- und Makrolevel voneinander abzugrenzen. Der Markt oder besser die „Märkte“ sind kein abgrenzbares Phänomen, sondern so komplex, dass wir ihren Kern mit mathematischen Modellen niemals durchdringen können. Eine Ökonomie mit Erklärungsgehalt sollte das Individuum berücksichtigen und keinen Homo oeconomicus. Dennn wir sind nicht alle rationale Eigennutzmaximierer, sondern eher darin bestrebt, uns anzupassen an die Gegebenheiten unseres Lebens. Der eine fungiert dabei findiger, der andere weniger. Alle Menschen sind unterschiedlich und lassen sich nicht über einen Kamm scheren – gerade wenn es zentrale Bereiche des menschlichen Zusammenslebens betrifft. Den „Feind zum Freund“ machen ist denn auch Hayeks Vorstellung von Ökonomie – die „Kattalaktik“. Denn tatsächlich wirken Märkte friedensstiftend, weil sie zu Kooperation anregen. Wirtschaft ist kein reines „Geben und Nehmen“, sondern in erster Linie Kooperation. Kooperation, die ein Marktdiagram mit Angebot und Nachfrage weitgehend ausklammert. „Jenseits von Angebot und Nachfrage“ hieß denn auch ein Werk des Ordoliberalen Wilhelm Röpke, einer der Väter der Sozialen Marktwirtschaft, für den die Moral eine entscheidende Rolle spielte. Durch Politik geschaffene Institutionen sollen dabei Spielregeln setzen, Interessen ausgleichen und Macht begrenzen. Wenn man sich die heutige Realität jedoch anschaut, scheint davon wenig übrig geblieben zu sein. Statt Spielregeln gibt es Überregulierung und trotzdem Bruch von Regeln, statt Interessenausgleich massive Privilegierung und statt Machtbegrenzung eine immer weitere Ausweitung zugunsten des Korporatismus aus Banken, Großindustrie und Staat – die größten Profiteure einer neoklassischen Wirtschaftstheorie. Der Markt ist – das haben sie alle erkannt – grundsätzlich sehr gut, um Gewinne zu erwirtschaften, in manchen Dingen versagt er aber angeblich. Statt von Marktversagen würde ich jedoch eher von Koordinationsversagen sprechen, dass Staaten in noch viel größerem Ausmaß betrifft. Angebliches Marktversagen führt dann zu Staatsinterventionismus, der aber nicht etwa ein besseres Ergebnis für alle, sondern ein sehr guter für Partikularinteressen ist. Regulierung schadet Banken und Großindustrie ja eben nicht. Die Kosten sind im Vergleich zu ihrem Nutzen, den sie durch immer weitere Beschränkung ihres Marktsegmentes haben, indem es für Neueinsteiger nahezu unmöglich wird, relativ gering. Von Finanzoligopolen zu sprechen ist da schon garnicht mehr so verkehrt.

Doch ich schweife ab. Nun schaue ich gebannt gespannt auf den Samstag und die Klausur. Und danach steigert sich meine Freunde immer mehr auf mein Praktikum in Wien. Dort wird der Kern der Ökonomie gelebt und gelehrt: im Mittelpunkt steht das Handeln des Menschens und nicht ein Marktgleichgewicht. Die Wiener Schule hat Großes geleistet – und erlebt im Augenblick ein beachtliches Revival. Ich freue mich daran teilzuhaben und viel zu lernen. Und vielleicht schreibe ich auch mal über meine Erkenntnisse…

Denn das Schöne ist: während andere den Wirtschaftskrisen hinterherrechnen, verstehe ich ihr Funktionieren zumindest ansatzweise und kann mein eigenes Handeln danach ausrichten. Denn eine Theorie mag in der Wissenschaft eine jahrzehntelange Monopolstellung haben – die Beste ist sie nicht unbedingt. Also lassen wir sie doch in ihren Kämmerlein weiterrechnen und bereiten uns mit dem, was wir als plausibelste Theorie einschätzen, auf das vor, dass da kommen wird. Sehr erfreulich wird es nicht, aber ich freue mich darauf! Der Frust ist Raus, nun kann ich weiterlernen…

Experimente…

Heute schreibe ich mal was über Experimente. Nicht solche, wo man Medikamente testen muss – die kämen für mich garnicht infrage.

Stattdessen bin ich mittlerweile fast wöchentlich Teilnehmer von Wirtschaftsexperimenten an der Uni Konstanz. Im sogenannten „LakeLab“, einen für Experimente getrimmten Raum voller PCs, werden quasi stündlich Studenten geschickt, die dann an irgendwelchen Studien teilnehmen dürfen und dafür vergütet werden.

Mal bekommt man bei 2 quälende Stunden nur 10€ raus, mal hat man mit 15€ in 15 Minuten einen schwer zu toppenden Lohn. Der ist, wie man sieht, nämlich nicht fest, sondern muss sich erspielt werden, auch wenn dies eher mit Glück, weniger mit Kompetenz und Leistung zu tun hat.

Man bekommt sogar Geld, 5€, wenn man zum Experiment, für das man sich jeweils immer im Internet anmelden muss, erschienen ist, aber nicht daran teilnehmen kann, weil zuviele Teilnehmer anwesend sind (passiert fast immer, weil die Versuchsleitung die Teilnehmer immer etwas höher anzusetzen versucht, da bei fehlenden Teilnehmern die Durchführung des ganzen Experiments scheitern kann).

Konkret sitzt man bei den Experimenten also im bereits erwähnten Raum in einer von Stellwänden abgegrenzten Kabine, damit jeder übrigens strikt verbotene Kommunikationsversuch zu anderen Teilnehmern schon im Ansatz unterbunden wird. Vor sich sieht man einen Computer-Bildschirm, auf dem die Anweisungen, sofern nicht ausgedruckt vorliegend, angezeigt werden und das Experiment durchgeführt wird.

Was ist jetzt so ein Experiment? Dazu je 3 mal ein paar kurze Informationen:

1. in meinem ersten Experiment musste ich über einen Zeitraum von 2 Stunden Reuters-Nachrichtenmeldungen über Wirtschaftsthemen in englischer Sprache lesen und dabei pro Meldung jeweils bewerten, ob die Meldung für bestimmte Unternehmen positive, neutrale oder negative Informationen enthielten. Entlohnt wurde man nicht für die richtige Antwort, sondern dafür, ob zufällig ausgewählte andere Teilnehmer, die grade die gleiche Meldung bearbeiteten, auch das gleiche anklickten. Natürlich ein Glücksspiel, da die englischen Meldungen zwar durchaus verständlich waren, man als Laie aber nicht immer wirklich bewerten kann, ob das ganze jetzt positiv oder negativ für die betroffenen Unternehmen sei.Wie man sich vorstellen kann, ist das auf Dauer auch ganz schön langweilig, insbesondere weil man ja nach Bearbeitung jeder Meldung warten musste, bis sämtliche andere Teilnehmer fertig waren, um mit der nächsten beginnen zu können. Gebracht hat es mir neben einen kargen Lohn aber immerhin ein gutes Wissen über alle möglichen amerikanischen Unternehmen.

2. mein zweites Experiment lief deutlich schneller und brachte 15€ in 15 Minuten ein. Es wurden einem 4 verschiedene Symbole gezeigt und man sollte innerhalb von 30 Sekunden immer eines anklicken. Das ganze ging 12 Runden lang – am Ende wurde danach bezahlt, ob andere Teilnehmer jeweils ein gleiches Symbol angeklickt hatten. Reines Glücksspiel also, auch wenn es mir schien, dass manch Symbol (von der Form meist gleich, nur unterschiedliche Farben, oder: die gleiche Form in verschiedenener Ausrichtung) auffälliger war als andere. Da ich aber ohnehin ganz spontan nach Bauchgefühl innerhalb einer Sekunde entschied, mag das auch ein Trugschluss gewesen sein. Jedenfalls hatte ich zur Hälfte übereinstimmende Ergebnisse, was mir 6×2€ = 12€ + 3€ für die Teilnahme (ganz leer geht man nämlich nie raus) = 15€ bescherte.

 

3. das dritte Experiment war mal ein klassisches Wirtschaftsexperiment, was wir auch bereits in der Vorlesung „Personal & Organisation“ behandelt hatten. Dort wurde wohl untersucht, ob sich der Mensch wie ein „Homo oeconomicus“ verhält, also rein seinen eigenen Nutzen zu maximieren sucht. Konkret wurden die 24 Teilnehmer in 2 Gruppen aufgeteilt – A und B. Wer A war, durfte aus 7 Punkten (jeder Punkt entspricht 25 Cent) einer zufällig ausgewählten Person B eine frei zu wählende Anzahl an Punkten schenken. Person B musste sich entscheiden, ob sie das Angebot annimmt und beide also die gewählten Punkte erhalten oder es ablehnt und niemand also die Punkte und damit Geld erhält. Ich hatte das Glück, Person A zu sein und handelte ganz „homo oeconomicus“-mässig. Ich bot immer 3 Punkte den anderen an, während ich 4 Punkte für mich behielt. Dies wurde auch ausnahmslos angenommen. Am Anfang versuchte ich einmal, dem anderen nur 1 Punkt zu geben (ist ja schließlich auch Geld ;)), während ich 6 Punkte für mich behielt. Das darauf keiner einging, war schon fast vorrauszusehen (und hatte ich ja auch eigentlich so gelernt). Ganz am Ende beschloss ich noch auf einen Euro zu verzichten und das Experiment etwas zu verzerren: ich schenkte Person B ganze 7 Punkte. Hat ganz schön gedauert, bis die sich von ihrem Schrecken erholt hat und mein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk angenommen hat. Aber ich wollte ja was Gutes tun und mal nicht den Nutzenmaximierer spielen – als Person A hatte ich grundsätzlich ja auch mehr Chancen auf mehr Geld als Person B.

 

Das mal als kleine Information zu solch Experimenten – es lohnt sich durchaus mitzumachen!