Lebenszeichen

Nach längerer Zeit möchte ich mal wieder ein Lebenszeichen von mir geben. Dass ich so lange nichts schrieb, war von mehreren Faktoren abhängig: so bin ich mittlerweile in Wien, wo ich den ersten Teil meines Praxissemesters absolviere, habe aber, bis jetzt, nur am Arbeitsplatz Internet gehabt. Neben der Arbeit musste noch eine Hausarbeit fertig gestellt werden und lauter Papierkrams erledigt werden. Zwischendurch habe ich aber auch mal die Zeit gefunden, etwas zu schreiben, z.B. für die Zuercherin. Mein letzter Text mag auch hier veröffentlicht werden:

Am 22. September ist es für mich als Deutschen im inneren Exil wieder soweit: nach 4 Jahren des Untertanen-Seins darf ich mich 1 Minute wieder als Bürger fühlen und meine Stimme im wahrsten Sinne des Wortes abgeben. Zur Auswahl stehen farbige Listen, die aber eher farblos sind und um die Gunst derer buhlen, deren Interessen sie befriedigen – in einem System das Friedrich August von Hayek treffend als “Schacherdemokratie” bezeichnete.

“Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen; ausgenommen alle anderen”, wusste schon Winston Churchill zu sagen. Wenn da nicht die Frage nach der zwingenden Notwendigkeit einer Staatsform wäre, würde ich ihm zustimmen. Immerhin herrscht ja das Volk – so der weit verbreitete, gelehrte und gelernte Glaube, der, wie schon Tocqueville es 1840 voraussah, Blasphemiker wie mich durch öffentlichen Druck wieder auf die konforme Linie bringen wird. Ihm verdanken wir auch den Gedanken, der mir schon einige schlaflose Nächte bereitet hat und noch bereiten wird, weil ich sein Nichtbegreifen nicht begreife: “Es ist in der Tat schwierig sich vorzustellen, wie Menschen, die vollkommen auf die Gewohnheit verzichtet haben, sich selbst zu leiten, es schaffen sollten, jene gut auszuwählen, die sie anleiten sollen”.

Doch wer wählt hier eigentlich wen? Die offizielle Version: wir – das Volk; oder weil dieser Kollektivismus mir wenig behagt: Du, der 1-Minuten-Bürger!

Wärest Du, wie die neoklassische Wirtschatslehre es gern hätte, ein rationaler Eigennutzmaximierer dürftest Du eigentlich nicht wählen gehen: wahrscheinlichkeitstheoretisch gesehen ist die Chance nämlich höher auf dem Weg zum Wahllokal in die Urne zu kommen, als dass der Stimmzettel in jener eine Auswirkung auf das Wahlergebnis hat.

Bestatten solltest Du also den Glauben, dass Deine Stimme den Unterschied macht. Aber Du bist ein freier Mensch und darfst gern wählen, wie Du lustig bist – z.B. die segelnden und saufenden Idole deiner Kindheit. In Nostalgie und Utopie schwelgend macht es Dir dann sicher auch nichts aus, wenn ich Dir ein wohlgehütetes staatliches Geheimnis verrate: Du wirst gewählt!

Bertolt Brecht hatte bereits 1953 “Die Lösung” erraten: “Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?”

Tatsächlich scheint sein Vorschag schon nahezu umgesetzt sein: selbst in der Schweiz, die gemeinhin noch als Musterland der Demokratie zu nennen ist, werden vor jeder Abstimmung, die zum Glück öfter als alle 4 Jahre stattfindet, Hunderte von PR- und Medienexperten auf das zumindest vordergründig nach Mitbestimmung lechzende Wahllvolk gehetzt, um ihnen ihre Entscheidung abzunehmen, sofern diese qua Abhängigkeit nicht ohnehin schon gefallen ist.

Abhängigkeit nicht nur von den Bestechungsgeldern des Staates (meist bereits die absolute Mehrheit), sondern auch Abhängigkeit von der Masse: ob Massenkonsum von Massenprodukten, Massendemonstrationen,  Massenmedien oder Massenbetriebe – der Konformismus, vor dem schon Tocqueville warnte, wird durch die heutige Demokratie begünstigt und befördert.

“Umerziehung”, so der Psychologe Thomas Szasz “ist eine Möglichkeit ein andere Volk zu “wählen”, wenn einem das gegenwärtige nicht behagt”. Dieser Therapie wird man täglich unterzogen – umso mehr wie man in der Masse mitschwimmt (und in ihr untergeht). Die Tyrannei der Mehrheit ist nicht nur rein numerisch im Wahlprozess vorhanden, sondern unter uns und beeinflusst auch Dich jeden Tag.

Sei Du kein Tyrann! Lass Dich nicht wählen, sondern wähle selbst, ob und was Du wählen willst…!

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