Ärztemangel und Medizin-Studium

Am vergangenen Wochenende war ich in eine Diskussion über das Medizinstudium entwickelt. Konsens war soweit, dass der NC von 1,0 unfair wäre. Nachdem den Uninformierten klar gemacht wurde, dass der NC jedoch nicht willkürlich festgelegt wird, sondern sich aus den Noten der Bewerber (und neuerdings auch ein optionaler Test) anteilig auf die verfügbare Zahl der Plätze berechnet, war die einhellige Meinung, dass der Staat eben mehr Medizin-Studiumsplätze schaffen müsse. Dies wäre schließlich in seinem Interesse: Ärztemangel auf dem Land gelte es zu bekämpfen.

Doch kann dies wirklich die Lösung sein? Ist es überhaupt sinnvoll, Ärztemangel mit einer Ausweitung von Studienplätzen zu begegnen?

Ich bezweifel das: zum einen ist es verständlich, dass Medizinstudenten nach einem ewigen Studium und harter Arbeit auch eine gewisse Entlohnung haben wollen, die sie als Hausarzt, insbesondere auf dem Land eher weniger bekommen. Die Aussicht auf ländliche statt urbane Umgebung ist für viele ein weiterer Hinderungsgrund. Letztlich fehlt es vielen Ärzten vielleicht auch an Spannung die immer gleichen Routine-Untersuchungen zu wiederholen. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine durchaus erfüllende Tätigkeit, die in Zeiten staatlich kontrollierter Gesundheitssysteme aber leider nicht mehr den Mensch in den Mittelpunkt stellt.

Statt einer Ausweitung der Medizin-Studienplätze könnte man auch einfach mit der Abschaffung des Medizin-Studiums antworten. Oder besser gesagt: nicht das Studium befähigt zum Arzt, sondern das tatsächliche Können. Dass dies mit einem Studium korreliert ist garnicht in Abrede zu stellen. Genauso wenig das ein Studium für hochkomplexe Spezialberufe notwendig ist.

Doch was ist mit den Hausärzten? Ohne ihre Ausbildung und ihr Können in Frage stellen zu wollen – braucht man dafür tatsächlich ein Studium?

Nehmen wir einmal an, in einem freien Markt wäre laut Gesetz kein Studium mehr für den Arztberuf nötig. Die Arztkammern, denen etwas am guten Ruf ihrer Zunft gelegen ist, würden sich natürlich sofort auf hohe, sehr hohe Qualitätsstandards einigen. Es gäbe Prüfungen wie im Medizin-Studium – nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, natürlich in verschiedenen Abstufungen, die zu unterschiedlichen Aufgaben befähigen. Letztlich muss der Arzt alles können, was er für seinen täglichen Beruf können muss, er muss es nur nicht im Studium gelernt haben. Die Patienten natürlich wollen von Ärzten behandelt werden, die ihr Handwerk verstehen – sie suchen vor allem zertifizierte Ärzte auf, Jedenfalls bei ernsteren Krankheiten. Die Ärzte, die dies können, die geprüft sind, übernehmen diese Fälle.

Gleichzeitig gibt es aber auch Ärzte, die sich ihr Können anderweitig angeeignet haben. Es gibt genug Fälle von angeblichen Ärzten, die keine waren, die ihren Beruf aber wie selbstverständlich und fehlerfrei ausgeübt haben. Das soll diese betrügerische Handlungen natürlich nicht legitimieren. Doch Fachkenntnis setzt nicht zwingend ein Studium voraus, jedenfalls keines an der Universität.

Erfüllen sie die Qualitäts-Standards der Ärztekammern – was spräche dagegen, Sie als vollwertige Ärzte anzuerkennen? Bestehen Sie nicht – gleiches gilt übrigens für Medizin-Studenten, die die Tests ihrer Kammern nicht überstehen sollten – könnten sie dennoch als Arzt praktizieren. Sie sind gleichwohl nicht zertifiziert. Das heisst, im Regelfall werden weniger Patienten sie aufsuchen. Sie müssen also den Preis ihrer Dienstleistungen senken. Gleichzeitig werden viele Leute mit kleineren Gesundheitsproblemen zur Heilung dieser auch auf Ärzte vertrauen, die vielleicht nicht die nötige theoretischen Kenntnisse haben, sehr wohl aber geschickt in der praktischen Umsetzung sind. Denn ein 1,0-Abi macht noch lange keinen guten Arzt. Die Persönlichkeit ist in der Hinsicht meist viel entscheidender.

Eigentlich profitieren alle davon:

Die zertifizierten Ärzte  werden entlastet. Sie müssen sich nicht mit kleinen Wehwehchen des Alltags plagen, sondern können sich intensiv um die kümmern, die tatsächlich Hilfe benötigen. Ein großer Teil an Bürokratiewegfall unterstützt dies.

Die nicht zertifizierten Ärzte können ihren Traum nachgehen, obwohl sie – aus welchen Gründen auch immer – nicht die sehr hohen Qualitätsstandards erfüllen. Sie können Geld in einem für sie erfüllenden Beruf verdienen und gleichzeitig anderen Menschen helfen. Aufstieg in höhere Regionen ist durchaus möglich – gute Qualität und ein guter Ruf wird sich auszahlen. Unternehmerisches Denken ebenfalls – wer zu den Menschen nach Hause kommt wird dafür vermutlich eher belohnt werden als von dem, der erwartet, dass die Patienten in seine Praxis kommen.

Die Patienten gewinnen am meisten. Wartezeiten verschwinden, einen Hausarzt selbst in entlegenen Gegenden zu finden wird kein Problem mehr sein. Gesundheit bleibt bezahlbar – gerade für Arme. Die Behandlungsqualität bei ernsthafteren Gesundheitsproblemen wird steigen, die bei leichten kaum sinken (da Routineeingriffe).

Natürlich lasse ich jetzt ziemliche viele Fragen unbeantwortet. Wie sieht es z.B mit Attesten aus. Kann sich nicht jeder Arzt nennen und mir ein Attest schreiben? Nunja, auf dem freien Markt werden die Unternehmen die Ärztekammern vermutlich dazu drängen, auch die Fähigkeit des Arztes Atteste zu schreiben überprüfen. Nur wer entsprechend zertifiziert ist, bei dem hat so ein Attest Gültigkeit.

Überhaupt hält der Marktmechanismus Lösungen für fast jede Frage bereit. Kombiniert mit einer flexiblen, privaten Krankenversicherung wären viele Probleme unseres aktuellen Gesundheitssystems gelöst. Dass es dazu kommt, ist natürlich unwahrscheinlich. Die staatlich begünstigten Ärzte-Vereinigungen haben natürlich ein Interesse daran, den Status Quo zu behalten, in dem sie ordentlich Kasse auf Kosten der Patienten machen können. So auch der Staat, der immer dichtere Netze der Abhängigkeit webt und selbst vor der Gesundheit seiner Bürger nicht Halt macht.

Inhaltliches Contra kam in der Diskussion übrigens nicht. Statt dessen ein Totschlagargument, dass man ohne Studium ja seine Persönlichkeit nicht entwickeln könne . Ich stimme zu: andere können einem seine Persönlichkeit nicht entwickeln.

 

 

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