Der Hobbit – eine Rezension zur Premiere

Soeben war ich im Kino in der deutschen Premiere des Films  „Der kleine Hobbit“. Nachdem am vergangenen Wochenende jeden Abend zur Vorbereitung ein Herr-der-Ringe-Film geschaut wurde, war die Sapnnung und Vorfreude entsprechend hoch.  Das Nutzen der heutigen Vorlesungen zur Lektüre des Buches steigerten sie noch weiterhin. Leider wurden meine Erwartungen jedoch sehr enttäuscht.

Früher war ich eine Art Mittelerde-Freak. Selbst Elbisch konnte ich ansatzweise reden. Dies mag nicht mehr so sein, viel hängen geblieben ist trotzdem. Ich mag nicht mehr die 50 Generationen auf dem Stammbaum Aragorns aufzählen, die Karte von Mittelerde bleibt dennoch fest in meinem Kopf eingebrannt. Und die Handlung ohnehin, die ich mir heute ja auch nochmals im kleinsten Detail zu Gemute führte.

Das war vielleicht ein Fehler. Kein Zweifel – Peter Jacksons Verfilmung ist solides Popocorn-Kino für die Vorweihnachtszeit, an dem sich viele Leute sicher erfreuen werden. So waren denn auch die heute Mitschauenden recht begeistert. Mir hingegen bleibt nichts anders übrig, mal wieder zu flamen.

Es ist nicht so die Technik, die missfällt. 48 Bilder pro Sekunde ist völlig neu und ergibt in Kombination von 3D eine doch sehr extreme Schärfe. Das sieht in manchen, eher stillen Situationen sehr gut aus und verleiht dem 3D eine neue Tiefe, ist ansonsten aber gewöhnungsbedürftig. Insbesondere da „Der Hobbit“ mit Fokus auf Bewegung und Kampf wenig stille Szenen zu bieten hat. Hier sorgt die neue Technik dafür, dass das Ganze manchmal eher wie ein kompletter Animationsfilm wirkt. Wie bei allen Neuerungen kann man sich daran aber sicher gewöhnen.

Schwerer wiegt da schon die inhaltliche Ausgestaltung des Films. Ich verstehe nicht, wie man Kritik üben kann, dass Peter Jackson sich zu nah am Buch orientiert hat. Die Abweichungen und Zusatzerfindungen sind doch sehr eklatant und verfälschen das Buch ungemein. Natürlich sind auch Szenen wortwörtlich aus dem Buch übernommen – und das ist auch gut so.

Achtung: Spoiler!!!

Insbesondere anfangs im Auenland hält sich Peter Jackson noch an die Buchvorlage. Doch spätestens nach Aufbruch der Reisegruppe gehen muntere Erfindungen los. Nicht, dass ich was gegen logische, ausgeschmückte Zusätze habe, die im Buch nur angedeutet werden. Mir ist auch völlig Recht, dass es 3 Filme gibt. Die nebenher laufende Geschichte ist ähnlich wichtig wie „Der Hobbit“ selbst und ein wunderbares Bindeglied zum Herrn der Ringe. Bei den historischen Tatsachen sollte man dann aber schon bleiben.

Es ist wichtig, dass in Balins Erinnerung kurz die Schlacht der Zwerge vor den Toren Morias angerissen wird. Der Oberork Azog, der im weiteren Verlauf des „Hobbits“ eine gewichtige Rolle spielt, wird dort allerdings bereits erschlagen und nicht nur verwundet. Das auch nicht wie im Film suggeriert durch Thorin, sondern durch seinen Vetter Dain Eisenfuss. Thorins Großvater Thrór wurde auch nicht in der Schlacht getötet, sondern indem er allein mit seinem Diener nach Moria zurückkehrte und ermordet wurde. Erst danach broch der Krieg aus. Hierüber liesse sich zumindest noch hinwegsehen.

Der eigentlich tote Azog allerdings verfolgt die Reisegruppe bereits westlich des Nebelgebirges. Mit seinen Wargen (Wölfen) greift er sie auch tatsächlich an – erst Elrond mit seinen Elben kann den Kampf letztlich gewinnen. Schon vorher war die Szene mit den Trollen unglücklich dargestellt. Der Film scheint mir deutlich zu kampfeslüstern und entfernt sich damit immer weitab von der Buchvorlage. Die Zwerge im Buch kämpfen nämlich  nicht gegen die Trolle, sondern werden eigentlich alle nach und nach gefangen genommen, ehe Gandalf durch Stimmenimitation die Trolle bis zum Sonnenaufgang hinhalten kann, wo sie dann zu Stein gefrieren.

Kampfeslüstern zeigt sich auch das Ende des Films. Thorin tritt gegen Azog an und verliert, Bilbo rettet ihm das Leben und tötet die Orks. Ganz martialisch findet die Szene auf einen Felsvorsprung vor dem Abgrund statt, mit wenigen Bäumen bewachsen, auf denen die Zwerge, Bilbo und Gandalf Zuflucht suchen. Die Adler allein- im Buch entdecken sie die Reisegruppe, im Film ruft Gandalf sie ähnlich wie auf Sarumans Turm in Herr der Ringe sie durch einen Schmetterling/Fledermaus – hätten auch ausgereicht.

Zwischendurch sei noch kurz auf die Nebelgebirgs-Geschichte eingegangen, die ebenfalls sehr frei interpretiert wurde. Insbesondere der Ork-Anführer ist doch sehr amüsant. Ich fühlte mich unweigerlich an Jabba the Hutt aus den Star-Wars-Filmen erinnert. Und auch der Ringfund geht doch auf sehr andere Art und Weise vonstatten als von Tolkien intentdiert.

Immerhin Gollum wurde einmal wieder meisterhaft von Andy Serkis gespielt, wozu auch die neue Technik beitrug, die die Mimik Gollums im noch größeren Maße sichtbar machte. Hier gelingt Jackson Gollums Schizophrenie zwischen dem bösen Gollum und dem lieben Smeagol – auch wenn es nicht erwähnt wird im Buch – bereits früh deutlich zu machen. Die Szene an sich enttäuscht aber. Die Höhle ist viel zu hell, jeglicher Gruselfaktor geht verloren. Für die Rätsel hätte man sich gerne mehr Zeit nehmen können, zumal hier Rätsel von Gollum einfach Bilbo zugeschrieben wurden und umgekehrt.

Viel mehr möchte ich auch nicht verraten, sind die wenigsten doch  ohnehin damit vertraut. Die Zusatzszenen zumindest, die im Buch angedeutet, von Jackson aber ausgeschmückt werden, sind hingegen nicht schlecht. So lernt man neben Saruman, der einen kurzen Gastauftritt hat auch den dritten Zauberer namens Radagast den Braunen kennen, der im Düsterwald lebend  sich vor allem für dessen tierische Bewohner interessiert und dem Nekromanten – dahinter verbirgt sic Sauron – im Düsterwald auf die Spur geht, auch wenn Gandalf dies tatsächlich getan hat. Radagasts Kaninchen-Schlitten jedenfalls, in dem er sich eine Verfolgungsjagd mit den Wargen lieferte, war ein nettes zusätzliches Gimmick, das den Sinn des Films nicht entstellt hat.

Mehr solcher Szenen wären zu wünschen gewesen statt die überaus abweichende Darstellung. Man muss sich ja nicht sklavisch am Buch orientieren, aber der Freak erwartet das eben so. Ich bin daher enttäuscht. Schließlich konnte der Film auch weder mit Herz noch Pathos berühren, wie die Herr-der-Ringe Trilogie dies über viele Ungereimtheiten hinwegtrösten konnte. Weglassungen wie Tom Bombadil oder Saruman im Auenland wiegen immer noch schwer, aber viele Szenen stimmten sehr nachdenklich, waren sehr traurig oder eben auch lustig. Zumindest hier muss ich die Hobbit-Verfilmung nicht verstecken. Einen gewissen Humor findet man hier zuhauf. Auch Anspielungen auf die Herr-der-Ringe Filme vermag man ständig zu entdecken. Wenn Gandalf „Ihr Narren“ sagt, Gimlis Vater Gloin sein aufbrausendes Verhalten gegenüber Elben zeigt und Gollum seine bekannten Selbstgespräche führt, fühlt man sich an das bisher bekannte Mittelerde zurück erinnert.

Das ist natürlich auch die Gefahr. Man hat ein Bild im Kopf, das Jackson auch soi nicht weiterverwendet. Die Gestaltung von Orks, aber auch der Zwerge und anderer Wesen, lässt eher einen anderen Stil erkennen (was vlt. nur an der neuen Bildrate liegt). Die schönsten Bilder produziert aber ohnehin der Kopf. Da kann auch so eine Verfilmung nichts ändern. Mir hat sie jedenfalls nur begrenzt gefallen. Und die Zukunft wird leider auch nicht besser, schließlich sind die Szenen fast alle schon unter Dach und Fach und dürften in eine ähnliche Richtung weisen.

Zwar war Peter Jackson gewißermassen auch gefordert, mit so hohen Produktionskosten die breite Masse anzusprechen, hätte dies mit einer detailgetreueren Vorlage aber ebenso schaffen können. So bleibt eine stark veränderte Geschichte, die vielleicht den Spannungsbogen höher hält und für mehr Gemetzel sorgt, jedoch viel von dem nimmt, was Tolkiens Welt auszeichnet: ihre Originalität.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht und wie andere den Film kommentieren. Mehr als 4 von 10 Sternen kann ich ihm leider nicht geben.

 

 

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