Seasteading – der Traum vom eigenen Staat auf dem Meer

Der Schweizer Unternehmer Daniel Model ist ein Freigeist. Keine 20km von Konstanz entfernt in Müllhausen im Thugau stellt er er im Sommer diesen Jahres seinen „Modelhof“ fertig, ein der Quadratur des Kreises folgendes Gebäude, das so garnicht in die Landschaft passen möchte. Für Model ist es ein Regierungsgebäude: das seines Staates „Avalon“, den er vor einigen Jahren auf den internationalen Gewässern inmitten des Bodensees ausgerufen hat. Er gibt sogar Münzen mit seinem Konterfei heraus – doch als Staat anerkannt ist sein Hof natürlich nicht.

Als Politikstudent habe ich gelernt, was einen Staat auszeichnet: laut der Drei-Staaten-Lehre von Jellinek seien dies Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt. Ein Staatsgebiet, ja selbst ein Staatsvolk kann Daniel Model stellen. Mit der Staatsgewalt verhält es sich schwieriger. Er kann froh sein, dass in der toleranten Schweiz die eigentliche Staatsgewalt noch nicht eingegriffen hat, beinhaltet sein Hof doch beispielsweise eine Akademie zur Suche nach Alternativen zum Staat.

Mikro-Nationen sind schon seit jeher großem Interesse ausgesetzt. So kam das Fürstentum Sealand auf einer ausrangierten Flak-Plattform vor der Themse-Mündung Großbritanniens zwar zu hoher Bekanntheit, nicht jedoch zur Anerkennung als Völkerrechtssubjekt. Gerichtsentscheidungen, auch aus Deutschland, erkennen Sealand die Staatsgewalt ab, zumal es nur wenige Kilometer von der Küste entfernt noch in britischen Hoheitsgewässern liegt.

Doch ist der Traum vom eigenen Staat auf dem Meer noch nicht ausgeträumt. Während es auf dem Festland nicht mehr möglich ist einen Staat ohne Eingriff in die Rechte eines anderen Staates auszurufen, stellt sich dieses Problem zu Wasser nicht. Denn außerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone (370km), die Staaten für sich beanspruchen können, unterliegt die hohe See nur den Gesetzen, unter dessen Flagge ein Schiff fährt.

In Sunnyvale in Kalifornien beschäftigt sich ein Institut mit allen Fragen einer Staatengründung auf hoher See – ob technischer, politischer oder rechtlicher Art. Das von Patri Friedman, Enkel des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman, 2008 gegründete Seasteading Institut möchte die Grundlagen für diese Idee schwimmender Inseln als Mikro-Nationen legen und sie verbreiten. „Wir haben nicht vor, selbst „Seasteads“ zu bauen oder zu betreiben, sondern wollen Entrepreneuren und Investoren die Ressourcen und das Wissen geben ihre eigenen Ideen zu entwickeln“ stellt Charlie Deist, Research Coordinator des Instituts, heraus.

Dabei gibt es noch einige Probleme zu bewältigen. Dr. Sebastian Wolf, der in Konstanz über Mikro-Nationen forscht, ist skeptisch: „ Auf Dauer angelegte künstliche Siedlungen auf hoher See müssen mit erheblichen logistischen Problemen umgehen. Etablierte Mikrostaaten, vor allem die europäischen, profitieren in großem Umfang von einer Mitnutzung von Strukturen ihrer großen Nachbarländer.“

2015 möchte das Institut den von ihr ausgelobten Poseidon Award an das erste „Seastead“ vergeben, dass mindestens 50 dauerhafte Bewohner hat, finanziell unabhängig ist, Grundbesitz auf dem freien Markt anbietet und defacto politisch unabhängig ist. Erste Projekte zeigen, dass dieses ambitionierte Ziel möglich ist: das Blueseed-Venture wird Ende 2013 zwölf Meilen vor der Küste Kaliforniens ein Schiff verankern, auf denen hochqualifizierte Arbeitskräfte, die keine Arbeitserlaubnis für die USA haben, unweit des Sillicon Valley ihren Geschäftsideen nachgehen können. Unterstützer des Projekts ist der gebürtige Deutsche, Pay-Pal Gründer und Milliardär Peter Thiel, der das Seasteading ehrgeizig vorantreibt.

Ihren Ursprung hat die ganze Idee in der libertären Szene. Statt Staaten mühsam von innen heraus zu ändern gibt es auch andere Möglichkeiten, frei und selbstbestimmt ohne Staatszwang zu leben und Fortschritt in einer weitgehend unregulierten Gemeinschaft Gleichgesinnter zu kreieren. „Wenn Seasteading eine realisierbare Alternative wird, braucht man für den Wechsel von einer Regierung zur anderen nur zur anderen hinzusegeln und muss dafür nicht einmal das Haus verlassen“ sagte Patri Friedmann auf der ersten Seasteading-Jahreskonferenz.

Viele mögen dies als utopische Spinnerei von gierigen Kapitalisten abtun, die keine Steuern zahlen wollen. Doch ist es mehr: der Glaube, dass andere Staaten sich die „Seasteads“ zum Vorbild nehmen könnten, spielt dabei eine wichtige Rolle. Und der, dass Gemeinschaften politischer Ideen – ob es nun Kommunisten, Monarchisten oder Anarchokapitalisten sind – sich freiwillig zusammenschließen können, um ihre ideale Ordnungsform in der Realität zu praktizieren können statt gewaltsam den revolutionären Umsturz innerhalb eines Staates anzustreben.

Es gibt zwei Arten von Utopien: die, die wider die Natur des Menschen sind, und die, die für viele Menschen nur utopisch scheinen. Seasteading gehört zur zweiten Kategorie: es spricht viel dafür, dass die Utopie , trotz vieler noch zu lösender Probleme, schon bald Realität wird!

 

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