Die Tyrannei des Fernsehens und informationelle Selbstbestimmung

Wer schon immer mal sehen wollte, wie unser Privatfernsehen mit seinen Darstellern umgeht, sei folgender kritischer Blogartikel ans Herz gelegt, den mir mir ein Kommilitone empfahl: http://fernsehkritik.tv/blog/2012/07/machen-sie-sich-das-ganze-bild/

Schon die Handlungsbeschreibung ist es wert zu lesen, noch viel interessanter sind aber die Vertragsbedingungen. Insbesondere Paragraph 5, Absatz 1, macht aus dem offenen Geheimnis ein schriftlich fixiertes: Ich zitiere:

Der Vertragspartner erteilt seine Einwilligung in die Verbreitung seiner Bildnisse und Tonaufnahmen in dem Bewusstsein, dass sein Allgemeines Persönlichkeitsrecht betroffen ist.

Skandal? Bestimmt nicht. Dass sogenanntes Reality-TV die Realität nur vorgaukelt sollte jedem halbwegs kritischen Menschen klar sein – sicher aber nicht allen.

Das Produktionsfirmen solcher Serien darauf aus sind, ihre Vertragspartner, sprich Darsteller, ins Lächerliche zu ziehen, um die Quote zu erhöhen, dürfte ein offenes Geheimnis sein.

In jenem Zitat wird es aber nochmal schriftlich deutlich – das Ganze wirkt schon fast wie ein gönnerhafter Hinweis, dass man ordentlich lächerlich gemacht wird. Kann jedenfalls  niemand der Produktionsfirma vorwerfen, davon nichts gewusst zu haben.

Durch den Vertrag wird allerdings ein Grundrecht der Betroffenen, das an ihrer eigenen Persönlichkeit, ausgehebelt: http://de.wikipedia.org/wiki/Pers%C3%B6nlichkeitsrecht_%28Deutschland%29#Allgemeines_Pers.C3.B6nlichkeitsrecht

Sie treten im Vorhinein alle Rechte ab – den Produktionsfirmen steht frei alles nach Belieben zu verwerten. Da werden aus harmlosen Szenen schnell sehr unangenehme für den Darsteller, der sich im Nachinein dagegen nicht mehr wehren kann. Man kennt das ja nur zu gut von den Castings von „Deutschland sucht den Superstar“ oder ähnlichen Schmarrn.

Was ich mich schon immer gefragt habe: wie kann man ernsthaft bei solchen Zuständen in der Unterhaltungsbranche arbeiten wollen? Und wie kann man ernsthaft einen solchen Vertrag unterschreiben?

Ist es das schnelle Geld, eine Bekanntheitssteigerung, Narzissmus-Befriedigung oder einfach nur schlichtweg Naivität und fehlendes Wissen um die Vertragsbedingungen?

In unserer heutigen Zeit scheint der Datenschutz einerseits für viele zunehmend wichtiger zu werden, andererseits – ich bin da keine Ausnahme – versucht man sich durch neue und „soziale“ Medien dauerhaft ins beste Licht zu stellen bzw. in das, als das man gesehen werde möchte. Für die einen ist es Datenschutz, für andere Post-Privacy. Da wiegt es auch nicht so schwer, wenn einem sowas als Makel ein ganzes Leben anhängt – wie mir meine Blogposts.

Aber eben diese Entscheidung sollte meine Entscheidung sein: in meine informationelle Selbstbestimmung möchte ich mir weder vom Staat  hereinregulieren noch vom Markt betrügen lassen.

Informationelle Selbstbestimmung setzt aber Wissen um Chancen und Folgen heraus – schlechtweg Bildung. Und Bildung in solchen Themen wird in der Schule weitgehend ausgeklammert. Das ist schade, gefährlich und sollte dringend angepackt werden. Bildung als Befähigung zur Eigenverantwortung, nicht als Bevormundung in Sinne von immer stärkeren Datenschutzregelungen durch den Staat. Aber das spannt den Bogen nun zu weit vom Thema weg.

Die Grundfrage ist eine moralische – der Vertrag rechtlich nämlich einwandfrei. Ich mag es nicht moralisch zu argumentieren, aber auch ich habe Moral. Und die sagt mir, dass man keine solchen Serien auf dem Rücken persönlicher Grundrechte von Darstellern führen sollte, die sich über die langfristigen Folgen ihres Drehs für sich selbst nicht bewusst sind. Solche Serien sagen denn nämlich auch  deutlich mehr über die Produzenten und die Verwerter aus als über die Darsteller als Opfer.

Ich könnte in so einer Branche nicht glücklichwerden – aber das mögen viele anders sehen. Zum Glück bin ich von ihr auch weitgehend verschont:  ohne Fernseher lebt es sich doch deutlich besser. Manche mögen Freude an Berieselung finden, ich finde es langweilig  und gefährlich – und vor allem als Synonym für all die Probleme, die momentan an der Tagesordnung sind. Aber das werde ich nicht heute diskutieren.

Es sei an Giovanni Sartori erinnert – den italienischen Politikwissenschaftler, der genau vor dieser Gefahr warnte. Der „homo videns“ entwickle sich anthropologisch durch den Verlust von Abstraktionsähigkeit und Verarmung des Denkens zurück – Grund sei das Fernsehen.  Durchaus Recht hat er da, der Giovanni, dessen anderer Ansatz der „Video power“  ebenfalls einer näheren Betrachtung lohnt, auf die ich die Tage eingehen werde.

In diesem Sinne wende ich mich von der Tyrannei des Fernsehens ab und nun wieder meiner Hausarbeit zur Tyrannei der Mehrheit zu!

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