Über deutsche Waffenhetze und amerikanische Trauer

Nachdem ich mich gerade mit deutscher Gesundheitspolitik beschäftigt habe, indem ich eine fiktive Rede für einen Bundestagsabgeordneten der CDU für einen kleinen Wettbewerb erstellt habe, möchte ich mich nun einem ungleich kontroverseren Thema widmen, mit dem man im staatsgläubigen Deutschland sofort als verrückter Psychopath verschrien wird. Daher vorweg: genauso wie eine Verschärfung des deutschen Waffenrechts nötig ist, ist eine Entschärfung notwendig. Deutschland hat glücklicherweise eine vergleichsweise niedrige Gewaltkriminalitätsrate und der Staat in den meisten Gegenden noch das Gewaltmonopol. Wenn man jedoch hört, dass bei jemanden eingebrochen wird und die Polizei einen wegen Überlastung vertröstet, fragt sich, wie lange dies noch der Fall sein wird…

Ich selbst bin beileibe kein Freund von Waffen und jeglicher Gewalt, hatte gar noch nie eine Schusswaffe in der Hand und würde es vermeiden wollen, diese jemals zu benutzen. Sämtlicher initiierender Gewalt – das unterscheidet mich von linken Pseudo-Pazifisten – stehe ich aus libertärer Grundperson ablehend gegenüber, gerechtfertigter Selbstverteidigung jedoch nicht.

Trotzdem lohnt es sich, der ganzen Thematik einen differenzierten Blick zu schenken, statt sich wie die Massenmedien in menschenverachtender Weise unmittelbar nach dem schrecklichen Amoklauf von Aurora, wo 12 Menschenleben ausgelöscht und viele weitere schwer verletzt wurden, in anwidernden Artikeln die Verschärfung des Waffenrechtes in Amerika zu fordern (und allzu bald auch die deutschen Sport- und Freizeitschützen wieder zu krimininalisieren) : http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bluttat-bei-batman-premiere-verdaechtiger-holmes-besass-waffen-legal-a-845633.html. Das macht die Opfer auch nicht wieder lebendig und die Trauernden froher…

Es hat schon wenig mit ausgewogenem Journalismus zu tun, Obama immer noch zum Retter Amerikas hochzustilisieren. Die ständige Einmischung in die Politik anderer souveräner Staaten – dazu auch noch der USA – schießt aber den Vogel ab. Die USA ist nicht Deutschland – und die Amerikaner sind sicherlich froh darüber.

Schuld, dass sich nichts ändert, ist natürlich die Waffenlobby. Dag mag durchaus sein: genauso wie es Lobbies für veganes Essen in Mensen gibt, gibt es auch Waffen-Lobbies. Vielleicht sind es aber doch nicht nur die Waffen-Lobbies, sondern auch ein kleiner Teil gesunder Menschenverstand: ihr Argument, dass mehr Waffen unter Kinogängern das Massaker verhindert hätten ist nämlich beileibe nicht abwegig.

In Aurora, Denver (Colorada), wo sich die Bluttat ereignete, gab es, von den hiesigen Medien aus gutem Grundnatürlich unerwähnt geblieben, am 22. April dieses Jahres bereits einen ersten Amoklauf nach einem Gottesdienst, der neben dem Täter nur einem Menschen das Leben kostete, weil jemand bewaffnet war und zurückschoss. Nicht auszumalen, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre. Details gibt es unter anderem hier: http://denver.cbslocal.com/2012/04/22/2-shot-outside-aurora-church/#.T5WjZzkp8hQ.facebook

Die Kinobesucher  der Batman-Premiere hatten zur Selbstverteidigung gleichwohl keine Möglichkeiten. Das Tragen von Waffen ist in den dortigen Kinos verboten. Das ist nachvollziehbar, wenn in den Kinos für Sicherheit gesorgt ist. Dies war aber offenkundig nicht der Fall.
Von langer Hand geplant parkte der Täter James Holmes sein Auto neben dem Notausgang und stürmte bekleidet mit einer Batman-Maske die Vorstellung, zündet eine Tränengrasgranate und beginnt wild um sich zu schiessen. Das Perfide: die Kinobesucher halten den Auftritt anfangs für Teil der Vorstellung – es war schließlich Premiere.

Über den Tathergang wurde viel geschrieben, auch viel falsches – mittlerweile ist er aber wohl gut rekonstruiert. Amerikanischen Medien dürfte hier allerdings eher zu vertrauen sein.
Doch warum wird der Amoklauf sofort auf das lasche Waffenrecht geschoben. Oder gar auf den exzessiven Konsum von Killerspielen? (http://video.msnbc.msn.com/the-cycle/48262749)

Einer ernsthaften Auseinandersetzung hält dieses rein moralische Argument nicht ernsthaft stand. Warum auch auseinandersetzen? Waffen gelten als böse, sogar der „Paintball“-Sport steht seit Jahren auf der Abschussliste. Das ist nicht rational, sondern im Falle der Medien allenfalls geheuchelte Empörung zur Umsatzsteigerung. Und dass die Politik nicht möchte, dass die Steuerzahler bewaffnet sind ist natürlich selbsterklärend. Ein paar Irrtümer ausgeräumt:

1. Nicht die Waffe, sondern ihr Benutzer begeht eine Tat. Da kann das Waffenrecht noch so streng sein – jemand der so eine ine Tat plant – und das hat James Holme zweifellos minutiös (wie nicht zuletzt die Sprengfallen in seiner Wohnung zeigten), wird sich auch die nötigen Mittel beschaffen können.

2. Damit einhergehend: der Mensch ist gefährlich, nicht sein Werkzeug. Sprengstoff ist z.B. im Bauwesen ein nützliches Mittel in Händen eines Fachmanns, während seine Benutzung durch Terroristen pervertiert wird.

3. Opfer bleibt Opfer. Ob nun erschlagen, erwürgt, erstochen, vergiftet oder eben erschossen – zurück ins Leben holt dies keinen Menschen. Für den Täter zählt der Erfolg: im Kinosaal mag die Schusswaffe das geeignete Mittel sein, in anderen Umgebungen ist es hingegen eher schlecht. Es gibt auch sicherlich viel mehr Tote durch den alltäglichen Gebrauch von Schusswaffen als bei Amokläufen, wie der „Stern“ uns weismachen möchte: http://www.stern.de/panorama/massaker-bei-batman-premiere-amoklauf-heizt-waffenverkaeufe-an-1863210.html. Das ist sicher richtig – nur kurz gedacht. Amerika ist ein riesiges Land – und aus verschiedensten Gründen von täglicher Gewaltkriminalität nicht verschont. Die restriktive Drogenpolitik lässt grüßen.
Messer oder andere Waffen würden aber weiterhin zu einer ähnlichen Zahl von Opfern führen.

4. Angenommen, es gäbe keine Schusswaffen mehr. Trotzdem gibt es massig legal beschaffbarer alternativer Tatmittel. Und trotz strengster Waffengesetze: der Schwarzmarkt ist, nicht zuletzt durch den Zusammenfall des Ostblocks, immer noch enorm.

5. Empirische Studien sind immer kritisch zu betrachten – doch Regierungsstatistiken zeigen recht eindeutige Sachen.

Welche Staaten der USA haben das restriktivste Waffenrecht? Washington DC und New York. Welche Staaten haben die höchsten Kriminalitätsrate? Dreimal dürft ihr raten…

Ähnlich verhält es sich auch in Europa. Die Schweiz hat – wusste ich garnicht – das liberalste Waffenrecht und – na klar – eine deutlich geringere Anzahl an Schusswaffen-Toten als Großbritannien, wo das Waffenrecht sehr restriktiv gehandhabt wird.

Eine Korrelation zwischen restriktiven Waffenrecht und geringer Gewaltkriminalität existiert nicht – eher scheint die Kausalität umgekehrt zu sein.

New Yorks Bürgermeister  Michael Bloomberg, der in seiner Stadt keine Waffen dulden will, ist sichtlich entrüstet, dass die beiden US-Präsidentschaftskandidaten keine klare Stellung beziehen. Er rät den Polizisten sogar, deshalb zu streiken – sie seien schließlich die einzigen, die Waffen tragen dürften.

New Yorks Kriminalitätsrate ist hoch, aber rückläufig – und zwar nicht wegen lascherer Waffengesetze, sondern wegen einer Null-Toleranz-Politik, die bereits von Bloombergs Vorgänger Giulani durchgesetzt wurde, mögen Befürworter strikter Waffengesetzgebung behaupten. Ob dies so ist, oder aber an externen Faktoren liegt, ist strittig. Die massive „Law and order“-Policy führt vor allem zu mehr Brutalität der Polizei, vor allen gegenüber Schwarzen.

Letztlich zeigt dies aber die Essenz der ganzen Frage: fühlt sich der Bürger durch ein massives Polizeiaufgebot sicher, so braucht er auch keine Waffen. Wenn der Staat seinen Aufgaben offensichtlich aber nicht mehr nachkommt, ist es nur legitim, wenn sich der Bürger selbst verteidigen kann.

Davor scheut sich natürlich der Staat. Nichts ist schlimmer für ihn als sein Gewaltmonopol zu verlieren und er setzt sich mit all seinen Mitteln dagegen ein, um die Freiheit der Bürger mit der Argumentation, es würde ihrer Freiheit nützen, zu beschränken. Warum dies so ist, möge jeder kluge Geist für sich selbst beantworten…

Eine offene, sachlich geführte Debatte über diese Thematik scheint mir dringend notwendig, statt das Ganze zu tabuisieren und zu verunglimpfen.  Ich seh schon die empörten Kommentare vor meinem geistigen Auge und freue mich drauf – was will man in Deutschland auch anderes erwarten…

Und diese Debatte  nicht als Konsequenz auf die leider immer wieder stattfindenden Amokläufe, die nicht auf das Waffenrecht, sondern auf jeden einzelnen individuellen Täter und seine Probleme zurückzuführen sind, sondern unabhängig davon.  Es widert mich an, dass ich über sowas auf den Rücken der Opfer berichten muss – es scheint mir aber notwendig, mal eine Gegenposition zum Meinungsmainstream zu veröffentlichen.

Den Familien und Freunden der Opfer, ja ganz Amerika,  wünsche ich alles Gute und Gottes – oder woran sie auch immer glauben mögen – Beistand in dieser schwierigen Zeit.

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2 Kommentare

  1. Du sprichst da etwas wichtiges an. Nämlich, daß der Staat sich immer mehr aus dem Gewaltmonopol zurückzieht und ein Vakuum hinterlässt. In Großbritannien werden bei Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl, Vergewaltigung, „geringfügigen“ Gewalttaten, etc. keine Ermittlungen mehr eingeleitet, sondern nur noch Berichte geschrieben.

    In Großbritannien sind seit 1997 sämtliche Kurzwaffen im Privatbesitz verboten. Damit sollte verhindert werden, daß jemals wieder ein Amoklauf stattfindet. Genutzt hat das nichts. Die Verbrechensrate ist explodiert und der illegale Schußwaffenbesitz im UK ist auf einem Rekord-Hoch.

    Wir brauchen dringend eine Evaluierung des deutschen Waffengesetzes. Zwar gibt es eine solche Studie, die wird aber von den Innenministern der Länder unter Verschluß gehalten. Geht man von der Grundhaltung der meisten Innenminister und ihrer Ministerpräsidenten aus, dann kann man davon ausgehen, daß diese für ein Verbot des privaten Waffenbesitzes sind. Wäre die Studie in ihrem Sinne ausgefallen – nämlich „strenge Waffengesetze = weniger Verbrechen“, dann hätten sie das Papier längst veröffentlicht. Aber das ist nur meine persönliche Spekulation.

    Als Waffenbesitzer hätte ich da gerne harte Fakten. Ich kann nicht sauber argumentieren, wenn ein Teil der Daten unter Verschluß ist und ein anderer Teil (wie in der PKS/Polizeilichen Kriminalstatistik) gar nicht zwischen legalen und illegalen Waffen trennt.

    Danke für Deinen Text! Das ist sauber aufgedröselt.

    Antwort

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