Die Zeit und Aotearoa: philosophische und lyrische Ergüsse

Der heutige Tag war ein sehr besondere – er markierte heute vor einem Jahr meinem letzten Tag in Neuseeland nach 50 äußerst stimulierenden Wochen.

Zur Erinnerung habe ich mir gerade die wundervolle Nationalhymne angehört und dabei die tolle Landschaft Neuseelands – größtenteils auch mit eigenen Augen gesehen – noch einmal an meinen Augen vorbeiziehen sehen zu dürfen: http://www.youtube.com/watch?v=j6qmdqvItkM&feature=related

Die habe ich – auch wenn ich kein Neuseeländer bin – oft mitgesungen (jede Woche an meiner Projektschule einmal „Fahnenappell“). Genauso habe ich auch den Maori-Kriegstanz namens Haka gelernt, den das neuseeländische Rugby-Team, die „All Blacks“, in die weite Welt exportiert haben. Hier ein Video ihres Hakas aus dem Rugby-Weltcup-Finales in Neuseeland letztes Jahr im Oktober (wo ich leider nicht mehr da war), wo sie dadurch eingeschüchterten Franzosen auch auseinandergenommen haben: http://www.youtube.com/watch?v=8MvPugBIXik&feature=related

Über Aotearoas zweifellose Ästhetik seien hier aber keine Worte mehr verloren. Es war eine unbestritten herrliche und sorglose Zeit, erfüllend und lehrreich zugleich, die ich nicht missen möchte.

Die Zeit – ein Paradox, das sich dem menschlichen Verstande entzieht. Ich kann es nicht glauben, aber es ist tatsächlich schon ein ganzes Jahr her, dass ich neuseeländischen Boden verlassen habe. Ich erinnere mich noch genau an den letzten Tag, über den ich übrigens in meinen Neuseeland-Blog gar nicht berichtet habe (chrissofnz.wordpress.com).

Am Vorabend vor genau einem Jahr gegen 21 Uhr stieg ich in Waikanea – einen schönen Ort in der Nähe von Wellington, wo unser Abschluss-Seminar stattfand – in den Bus, der mich noch einmal über den Großteil der Nordinsel fahren sollte. So erhaschte ich denn auch noch einen herrlichen Blick auf das schneebedeckte Vulkanplateau des Mt. Ruapehu unter Sternenglanz, als unser Bus die „Desert Road“ entlangfuhr – einem Anblick der mir bei der Hinfahrt einige Tage zuvor wegen dichtem Nebel verwehrt wurde.

Früh morgens kam ich in Auckland an, schlug mich zum Flughafen durch, verstaute mein Gepäck dort und nahm – um nicht 6h am Flughafen totzuschlagen – noch einmal einen Ausflug in Aucklands City. So passierte es, dass ich den Neuseeland-Aufenthalt noch mit einem Rundgang auf der Außenplattform des 315m hohen Fernsehturms krönte (an einem Seil gesichert) und in freier Luft ohne jegliche Scheibe auf einer keinen Meter breiten Plattform ohne Geländer die grandiose Fernsicht bewundern könnte. Die Tasmanische See mit Manukau Harbour im Westen, direkt östlich der Pazifik mit Blick auf die Vielzahl der Inseln im Hauraki Gulf und der Spitze der Coromandel Peninsula. Die Vielzahl der Häuser in allen Richtungen – Auckland ist nach Mexiko City flächenmässig zweitgrößte Stadt der Welt bei grade einmal 1,3 Millionen Einwohnern – die dicht bewaldeten Waitakere Ranges und die grasigen Hügel im Norden, wo mein zweites Projekt in Helensville lag. Ich möchte die Leser nicht mit weiteren Namen quälen, die ihm nichts sagen, fand es aber gerade so schön, mir diesen Blick vom SkyTower noch einmal zu vergegenwärtigen.

Letztlich ein schöner Abschluss, denn wenige Stunden später hob das Flugzeug ab und ich liess Aotearoa hinter mir. Der Moment des Abhebens von neuseeländischer Erde erfüllte mich mit Wehmut und zugleich Hoffnung, mit freudiger Erwartung auf Deutschland wie auch trauriger Gewissheit, so schnell nicht zurückkehren zu können. Der heutige Tag stand demnach auch im Zeichen dieser Gefühlslage und ein gern immer wieder gehörtes Lied – der trotz oder gerade wegen gewisser Melancholie mein persönlicher Neuseeland-Song wurde – ohne von dort zu stammen oder etwas damit zu tun zu haben – bringt mich hoffentlich in Topform für die morgige Klausur: http://www.youtube.com/watch?v=n1NdJKJlrcw

 

Und jetzt ist schon wieder ein Jahr herum. Ich erwähnte das Paradox der Zeit: in Neuseeland sehnte ich mich – so gut es mir doch gefallen hat – insgeheim sehr stark nach Hause zurück – die Zeit wollte und wollte aber nicht vergehen, bis es endlich soweit war und man gerne noch viel länger geblieben wäre. Das ganze hat sich im Laufe des vergangenen Jahres nun umgekehrt: man hätte lieber sehr viel mehr Zeit – das zweite Semester ist plötzlich auch schon wieder vorbei – und die Zeit vergeht rasend schnell. Meine beiden Semester in Konstanz scheinen mir länger als ein Monat in Neuseeland vergangen zu sein.

Klausuren und Referate sehnt man sich förmlich herbei, merkt am Vorabend dann aber, das man viel mehr Zeit benötigt. So geht es mir gerade. Für meinen Blog bleibt mir trotzdem Zeit. Da sieht man was eine Herzensangelegenheit ist und was nicht 😉

Auf dem ICJA-Vorbereitungsseminar vor ziemlich genau 2 Jahren am Wannsee in Berlin – es kommt mir wie gestern vor – hatten wir die Aufgabe uns selbst einen Brief zu schreiben, den ich dann zur Jahresmitte meines Neuseeland-Aufenthaltes auch tatsächlich bekam. Auch dort schrieb ich über die Zeit – über die vergangene, die ich beim Öffnen dieses Briefes schon hatte und über die kommende, die noch vor mir lag und immer noch liegt. Es war eine einschneidende Erfahrung einen Brief an sich selbst zu lesen, aber eine wertvolle. Der heutige Jahrestag markiert den Beginn einer Tradition dieser Art. Wenn ich ihn in einem Jahr öffne – was ist dann passiert? Ich kann mir soviel vorstellen, aber es kommt doch immer anders erwartet.

Zufälligste Begegnungen und Ereignisse lassen das Kartenhaus jeder Zukunftsplanung schnell in sich zusammenstürzen. Innerhalb eines Jahres kann sich soviel verändern, dass man nicht weiß, wo man anfangen und wo man aufhören soll. Aber auch, wenn es nicht so lief, wie es sollte, lief es eigentlich besser. Viele Erwartungen wurden nicht erfüllt, manche übertroffen. Ich bin gespannt, wie es nächstes Jahr an diesem Gedenktag sein wird und verabschiede mich mit passend zur Thematik selbsterdichteter Lyrik, die mir bei einer Übernachtung in meinem Honda Civic an einem einsamen See in einsamer Nacht unter klarsten Himmel  mitten in den Southern Alps der Südinsel Aotearoas im November 2010  in den Sinn kamen:

 

Der Himmel voller Sternenglanz

der Mond, der um die Erde tanzt,

die da liegt wie ein blauer Ball

seit lang vergangnem Ur-Zeit-Knall.

 

Die Dunkelheit am Meeres Strand,

die Wellen auf dem feinen Sand,

der da liegt wie seit Ewigkeit,

und liegen bleibt für lange Zeit.

 

Die Zeit ist ein Mysterium,

mal währt sie noch, mal ist sie um.

Veränderungen jeden Tag,

ob gut, ob schlecht, wie man es mag.

 

Die Dunkelheit am Meeres Strand,

die Wellen auf den feinen Sand,

werden sie ewig weitergehn?

Was wird mit unser Welt geschehn?

 

Der Tag ist fern, die Nacht ist weit

dann wenn herum die Ewigkeit,

die unserer Erde noch bleibt.

 

 

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