Multiple Choice reconsidered

Über die Tücken des universitären Prüfungssystems hatte ich bereits im letzten Semester einen Artikel verfasst: https://konstranzparency.wordpress.com/2011/11/01/die-qual-der-wahl/

Aus aktuellem Anlass möchte ich dies nun fortführen, nachdem ich gerade erstmalig in diesem Semester beim Lernen in der Bibliothek mein Gewissen beruhigt und die latente Demotivierung besiegt habe.

Heute schrieb ich bekanntlich eine Klausur – und bekam sie bereits nach 5 Stunden zurück. Scheint bei 235 Prüflingen eine Meisterleistung zu sein, die man fast nur mit Würfeln hinbekommen könnte. Zum Glück der Professoren und Leidwesen der Studierenden gibt es jedoch noch eine andere Möglichkeit: Multiple Choice – die Qual der Wahl.

Im Rückblick auf oben genannten Artikel kann ich die dort gemachten Aussagen nach meinen jetzigen Erfahrungen nur bestätigen. Ich schrieb:

Folien werden auswendig gelernt, Lektüre exzerpiert, die Klausur geschrieben und (hoffentlich) bestanden – und schwupps vergisst man alles, weil es im nächsten Semester ja  wieder von vorne losgeht.

Das ist tatsächlich so. Zusammenhänge merkt man sich noch ganz gut, aber an den konkreten Wortlaut irgendeiner Folie erinner ich mich in keinem Fach mehr, obwohl ich das doch alles so schön auswendig gelernt hatte.

Bisher hat meine hocheffektive Lernmethode – das ständige Wiederholen und blind ein paar Mal vor sich hermurmeln von rein digitalen Folien- bestens geklappt und viel Papier, Druckertinte und Zeit gespart.

Eigentlich war ich mir sicher, dass es auch bei der heutigen Klausur geklappt hätte. Der Lernstoff quoll mir schon förmlich aus den Ohren – eigentlich ein Zeichen des Könnens – und alles ergab ein plausibel zusammenhängendes Gesamtbild.

Bloß  wurde- kommen wir nun zum Thema des Multiple Choice – in unserer doch recht harten Klausur (Rechtfertigungslegende ;)) nun sehr viel Wert auf den exakten Wortlaut gelegt, weniger auf Zusammenhänge. Natürlich lernt man den auch, bei ca. 300 Folien hat man aber natürlich auch „Mut zur Lücke“, wie unser Professor uns sogar noch riet. War wohl Mut zur falschen Lücke.

Transferleistungen mussten zwar durchaus erbracht werden, doch viele Fragen erschöpften sich in doch sehr unorigellen Antworten wie „Ja“ , „Nein“, „Vielleicht“, „Beides“, „Keines“ und so weiter.

Ein Problem bei MC-Fragen ist auch die mangelhafte Einschätzbarkeit. Ich war mir ziemlich sicher, dass bei aller Schwierigkeit die Klausur gut gelaufen ist, wurde aber enttäuscht und warte nun gespannt auf die Klausureinsicht.

Aber das ist eben so: vielleicht übersieht man eine Verneinung, vielleicht – besonders fies – ist eine Antwort eigentlich richtig, aber eine andere ist noch richtiger (ja, sowas gibts), vielleicht hat man das richtige Konzept getroffen , aber den falschen Autor bzw. die falsche Jahreszahl (= alles falsch), vielleicht verwechselt man tendenziös vertauschte Wörter in Schachtelsätzen.

Man kann nicht sagen, die Aufgabensteller hätten sich keine Gedanken gemacht. Aber man kann sagen, dass sie schnell und effektiv diese Klausurenlast von sich haben wollten und deshalb wohl auf diese Form einer MC-Klausur zurückgegriffen haben (falls unklar: 45 Fragen, je 4 Antworten, je eine richtig). Löblicher ist da doch der Aufwand einer  Textklausur in der kommenden Woche.

Um mich nochmals zu zitieren:

Nicht die Wissensanwendung wird hier abgefragt, sondern die Wissensspeicherung. In Hinblick auf wissenschaftliches Arbeiten, das die Universität eigentlich vermitteln soll, ist das kontraproduktiv, passt aber in eine Zeit, wo die Universitäten bessere Fachhochschulen mit dem reinen Ziel der Berufsvorbereitung werden, das sie aber nicht erfüllen können.

Die Verwertungslehre nimmt nun auch an den Universitäten schon überhand – das ist ein ganz anderes Thema! Es läuft aber darauf hinaus, stumpf seinen Abschluss zu bekommen, um dann als Zahnrad  im Getriebe der so nach „Fachkräften“ lechzenden Wirtschaft unterzukommen. Fachkräfte brauchen zu ihrer Legitimation natürlich einen formalen Fachabschluss. Und in einer Gesellschaft, wo das Abitur so inflationär vergeben wird wie der Dozent meiner bisher einzigen Nicht-MC-Klausur Einsen (Öffentliches Recht!)vergibt, muss eben nun bereits ein Universitätsabschluss herhalten. Hochschulen werden auf Effizienz getrimmt, der viel beschworene Blick über den Tellerrand wird Mittel zum Zweck. Freiräume werden systematisch entzogen (Beispiel: die vollkommene Schließung der Uni ab 22 Uhr), obwohl die Uni als von Steuergeldern finanzierte Einrichtung der Öffentlichkeit frei zugänglich sein sollte und nicht wie eine Privatuni von ihrem legitimen Recht auf beliebigen Umgang mit ihrem Privateigentum Gebrauch  machen darf. Klar, dass in solch einer Umgebung Bildung uminterpretiert wird. Nicht mehr die ewige Suche nach Erkenntnis und das tiefe Eintauchen in alle Aspekte eines Faches steht im Vordergrund, sondern der schnelle Abschluss (was keinesfalls verwerflich ist) ohne Lerneffekt, bei dem man die Massen über den Arbeitsaufwand klagender Bachelor-Studenten durch Klausuren im Format eines Multiple-Choice zum Bulimie-Lernen zwingt, sodass es quasi so aussieht, als ob sie etwas lernen würden – sie verbringen ja schließlich massig Zeit mit ihrem Studium. Nachhaltig ist das sicherlich nicht – und die Effekte für unsere Gesellschaft werden existenzgefährdend. Bedauerlich, dass ich das noch erleben muss…

Konstanz ist von der Ökonomisierung der Bildung (hiermit ist die Verwertungsmaschinerie gemeint; privat(isierte)  Universitäten sind etwas ganz anderes und unterstützenswert)  nicht verschont, gleichwohl es mir dünkt, dass es uns hier noch vergleichsweise sehr gut geht. Nur hinsichtlich der Klausuren vielleicht nicht so, welche aber auch nur das Problem der ersten 3 Semester (Grundstudium) sind. Insbesondere, weil man hier keine bestandenen Prüfungen zwecks Notenverbesserung wiederholen darf.              MC hat aber dann doch noch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: man kann sich recht sicher sein, dass man nicht der Willkür seines Dozenten ausgeliefert ist.

Letztlich kann ich aber eigentlich auch  ganz zufrieden sein: ohne jeglichen Besuch eines Tutorats, mit Fehlen bei der Hälfte der Vorlesungen und anderweitiger Beschäftigung in der anderen Hälfte der Vorlesungen, mit Nicht-Lesen der Literatur , Nicht-Mitschreiben der Vorlesungen  und eher verhaltenen Lernen kann ich – um es auch noch zu verraten – mit einer überdurchschnittlichen 2,3 eigentlich noch ganz zufrieden sein und bin es nach dem ersten auf den Boden der Tatsachen zurückholenden Schock mittlerweile auch. Statt zu positiv zu attribuieren, sollte man das ganze realistisch betrachten, und statt sich zu versteifen, wie ein Kommilitone auf den Grundtenor der abgrundtiefen Frustration  meinte, lieber das „schöne Wetter“ geniessen. Man studiert schließlich nicht für andere, die nur auf den Abschluss achten mögen, sondern für sich selbst! Für viele vielleicht eine Utopie, für mich die Essenz. Da mag es morgen mit einer MC-Klausur weitergehen – doch zum Glück darf man auch noch forschen und schreiben im Rahmen einer Hausarbeit…

Um mit dem Worten des Soziologen Georg Simmel abzuschliessen:

Bildung „ist weder das bloße Haben von Wissensinhalten, noch das bloße Sein als eine inhaltslose Verfassung der Seele. Gebildet ist vielmehr derjenige, dessen objektives Wissen eingegangen ist in die Lebendigkeit seiner subjektiven Entwicklung und Existenz, und dessen geistige Energie andererseits mit einem möglichst weiten und immer wachsenden Umfang von an sich wertvollen Inhalten erfüllt ist“

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Ein Kommentar

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