Rücktrittserklärung

Jetzt kommt mal wieder ein Artikel – oder viel eher eine Erklärung. Nach reiflicher Überlegung und viel Vorlaufzeit habe ich meinen Rücktritt vom Amt des Schatzmeisters der Piratenpartei Kreisverband Konstanz soeben verkündet.

Wer die Gründe nachlesen möchte, kann dies hier ausführlich tun – die schlechte Formatierung bitte ich zu entschuldigen:

Bei aller Euphorie, die momentan – nach dem Triumph in Schleswig-Holstein – und – zu erwarten – am kommenden Sonntag durch die NRW-Wahl in der Piratenpartei herrschen wird, möchte ich diese zumindest für Konstanz heute ein wenig dämpfen. Es sei gesagt:

 

Hiermit erkläre ich mich mit sofortiger Wirkung meinen Rücktritt vom Amt des Schatzmeisters des Kreisverbands Konstanz der Piratenpartei Deutschland.

 

Bis zu einer Neuwahl des Vorstands, die ich vollstens darüber bewusst damit wohl erzwinge, werde ich die Neumitgliederbegrüßung und weitere essentielle Aufgaben natürlich noch fortführen, sofern dies denn überhaupt möglich ist.

Ich bedanke mich bei den aktiven Vorstandsmitgliedern Adrian Kummerländer und Andreas Bergholz für ihre sehr gute Arbeit und Zusammenarbeit und empfehle ihre Wiederwahl, so sie denn antreten wollen.

 

Ich erachte es weder für sinnvoll, heimlich, still und leise abzudanken, noch unfair nachzutreten.

Meine folgende, sehr ausführliche Stellungnahme bezüglich meines Rücktrittes soll aufzeigen, was meiner Ansicht nach in der Piratenpartei falsch läuft bzw. was mit meinen politischen wie persönlichen Überzeugungen nicht vereinbar ist und daher letztlich seinen Beitrag zum Rücktritt leistet. Mein Herz schlägt jedenfalls nicht mehr für die Piratenpartei. Am Sonntag freute ich mich über das gute Ergebnis der Piratenpartei, fieberte aber vielmehr mit der FDP mit.

 

Wie ich auf der letzten Mitgliederversammlung ankündigte, setzte ich ein 3-Wochen-Ultimatum zwecks Aktivität unseres Vorsitzenden. Dass nichts geschah war zu erwarten.

Ich kündigte auch an, mit ihm noch einmal zu sprechen. Das habe ich bisher nicht geschafft. Es würde auch nichts mehr nützen, denn die fehlende Führung im Kreisvorstand ist zwar durchaus ein Ärgernis, aber ein vergleichweise geringes, dass, auch wenn es anders ausgesehen haben mag, nur zu einem kleinen Teil zu meiner Rücktrittsentscheidung beiträgt.

Damit ist zu dieser Problematik schon fast alles gesagt (es sei noch erwähnt, dass die Aussage vom BzV, dass „in ein Amt gewählte Personen“ keinerlei Verpflichtung haben irgendetwas zu machen mich jetzt auch nicht gerade motiviert, viel zu machen…) . Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn jetzt noch versucht wird, sich irgendwie durchzuwurschteln. Viele Dinge klappen, einige aber auch nicht, wenn der aktive Vorstand aus drei sehr jungen Leuten besteht (mich eingeschlossen), die viel guten Willen und ein hohes Engagement zeigen, denen mangelnde (Lebens)erfahrung aber doch manchmal einen Streich spielt.

Das gilt auch für mich und ich habe aus einigen unrühmlichen Aktionen defintiv gelernt.

Überhaupt war die Lernkurve in knapp über 3 Monaten als Schatzmeister sehr steil und persönlich sehr wertvoll. Schon daher bereue ich es nicht, in den letzten Monaten auch einige Zeit und Arbeit in die Piratenpartei investiert zu haben. Noch einmal werde ich mich aber nicht „überreden“ lassen – denn das geschah bei meiner Wahl nach einer eher fremdbeeinflussten Spontankandiatur meinerseits, die ich im Vorfeld eigentlich strikt ausgeschlossen hatte. Gerade das Motiv des Lernens spielte eine zentrale Rolle für die spontane Kanditatur und hat sich auch voll erfüllt.

Auf Dauer ist es aber für jede Vereinigung und also auch Partei besser, wenn sie von gefestigten Persönlichkeiten geführt wird, die etwas älter und damit weiser sind.

 

Um der ganzen Stellungnahme etwas Struktur zu geben, werde ich mich nun zuerst über den Kreisverband Konstanz auslassen, ehe ich mich in meiner Kritik der Bundespartei widme, um letztlich mit persönlichen Motiven abzuschließen.

 

Ungeachtet der Vorsitzenden-Problematik liegt im Kreisverband Konstanz der Piratenpartei einiges im Argen. Viele Mitglieder – vorallem neue – bekommend avon nichts mit und das ist auch besser so. Ich werde mich in dieser Hinsicht bewusst vage halten und verklausuliert formulieren – wer sich informieren möchte kann mit Recherche in Protokollen, dem Wiki und so weiter sich auch selbst ein Bild machen und das Puzzle versuchen zusammenzusetzen oder bei mir nachfragen Das ergibt bloß leider ein sehr subjektives Bild, wo man nicht weiß, wer nun Recht hat, wem man noch vertrauen kann und man fragt sich sicher, warum so etwas gerade bei der Piratenpartei passiert. Mir ging es jedenfalls so.

 

Es fing an mit der Problematik der falsch ausgestellten Rechnungen im Jahr 2011 (bei Interesse siehe Protokoll der KMV Januar 2012). Ein Grund übrigens als Schatzmeister kandidieren zu wollen. Solche Schlampigkeit würde ich mir selbst nämlich nicht zutrauen.

Ohne den Sachverhalt an sich bewerten zu wollen: mein Eindruck ist, dass das Ganze möglichst vertuscht werden sollte und mit einem offensichtlichen Fehler – tiefergehende Unterstellungen sind hier lächerlich – meiner Meinung nach völlig falsch umgegangen wurde.

Schon dies nervte mich gewaltig, insbesondere da die betroffene Person ja nicht unbedingt unwichtig ist…

 

Nicht zuletzt deshalb tobte und tobt meiner Ansicht nach immernoch ein Machtkampf im Kreisverband Konstanz. Wie mir erzählt wurde, schien das schonmal deutlich schlimmer zu sein, es gibt aber deutliche Spannungslinien zwischen 2, vielleicht auch 3 Lagern, deren gegenseitiger Kleinkrieg und Blockaden nicht gerade produktiv sind. Anonyme Droh-Mails erwachsener Menschen zeigten, auf welch Kindergartenniveau in der Piratenpartei kommuniziert wird.

Das vermeintliche Opfer den bereits noch in meinen Augen legal überführten Täter mittels gerade unter Piraten-Gesichtspunkten wie Datenschutz in scheinheiligster Doppelmoral weiter ausspionierten macht das Ganze nicht viel besser. Und gewisse parteinterne Abhängigkeiten lassen Vermutungen entstehen, auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte.

 

Ich bin kein Mensch, der viel redet. Das hat man an Stammtischen sicher bemerkt. Allerdings ist die Motivation für mich dort auch nicht sonderlich hoch. Mir kommt es eher so vor, als dass es bei der rauhen Diskussionskultur der Piraten eher auf ein lautes Stimmorgan, Unhöflichkeit und teilweise auch Menge der Äußerungen ankommt denn auf knappe und gute Argumente. Den Vorschlag einer Versammlungsleitung hatte ich bisher nicht geäußert, scheint mir für die Zukunft aber ein guter Ratschlag zu sein, da ich glaube, nicht der Einzige zu sein, der so empfindet.

Viele interessierte Bürger jedenfalls kommen nach dem ersten Mal garnicht wieder – oft interessiert sich gar niemand für sie (ja, da kann ich mir auch selbst an die Nase fassen). Bürgernähe sieht trotzdem anders aus.

 

Außerdem fehlen bei allen Neumitgliedern der letzten Zeit den Konstanzer Piraten einfach die Leute. Während die Singener, vor allem jugendliche Aktionisten (ich weiß, wie sehr sie diese Bezeichnung hassen!) ordentlich Dampf machen, ist in Konstanz weitgehend tote Hose.

Was davon abhält, sich einzubringen ist reine Spekulation und soll daher hier nicht Thema sein – ein Problem ist es aber.

 

Als ein Problem empfinde ich auch, die Geschichte um den Kreisrat der Piraten, Michael Krause, um mal ausnahmsweise unvermeidbar einen Namen zu nennen.

Was ich von der Linkspartei halte soll hier nicht weiter ausgeführt werden, was mir mißfällt ist auch keinesfalls Michaels Beitritt und Engagement für die Piraten (bei aller ideologischer Gegensätzlichkeit ganz im Gegenteil), sondern der Prozess, wie der Übergang zu den Piraten vollzogen wurde. An der Basis und auch dem KV-Vorstand vorbei wurde alles auf Bezirks-/Landesebene eingefädelt und die Konstanzer danach vor vollendete Tatsachen gestellt. Es verwundert daher garnicht, dass manche Mitglieder völlig legitim bei der letzten Mitgliederversammlung einen Antrag mit der Aufforderung gestellt haben, dass Michael Krause sein Kreistagsmandat zurückgeben soll, was wiederum für einigen Unfrieden gesorgt hat.

 

Ebenso für Unfrieden hat sicher das durch Satzungsprobleme geplatzte Kommunalprogramm für Singen gesorgt, dass bei aller Ehre für das Engagement der Ausarbeiter doch letztlich eher Copy&Paste denn intensive Beschäftigung mit Kommunalthemen erkennen lässt.

Dass die Satzung jedoch – beim letzten Kreisparteitag noch breit diskutiert und abgestimmt – immer noch Schwächen aufweist, zeigt einen gefährlichen Dilettantismus, der der Piratenpartei ziemlich ausgeliefert ist. Das haben sogar die Medien erkannt, der SPIEGEL titelte letztens „Avanti Dilettanti.“

Ich selbst bin ein Dilettant. Ich bin Schatzmeister ohne große Ahnung von Buchführung zu haben. Das mag auf Kreisebene noch gehen, ist auf Dauer aber kein Zustand. Aber in einer Partei, die vom Ehrenamt lebt, ja sogar voll auf die heldenhafte Aufopferung einzelner angewiesen ist, fordert das schnell seinen Tribut. Verwaltungsintern geht sehr viel schief (ich beziehe mich jetzt schon auf höhere Gliederungen), seien es die jüngsten Software-Umstellungen (meinen Zugang habe ich immer noch nicht) oder dass man für Akkreditierungen nötige Listen erst in allerletzter Minute erhält, die dann auch noch diverse Fehler in sich haben…

Das soll kein Vorwurf sein, aber es ist ein Problem. Die Leute arbeiten sich tot für die Piratenpartei und machen unvermeidbar Fehler – kein Wunder, dass die wenigsten nach einem Jahr erneut kandideren, sofern sie denn überhaupt ihre Amtszeit überstehen. Bei mir hat das nicht geklappt, obwohl ich auch nicht wirklich in Arbeit untergehe. Die Schatzmeistertätigkeit nimmt fast garkeine Zeit ein – eine Tatsache dadurch begünstigt, dass mir Kontenzugriff immernoch gefehlt hat, weil nach über 3 Monaten das zur Kontenzugriffsänderung nötige von allen wichtigen Versammlungsämtern zu unterzeichnende Kreistagsprotokoll immernoch nicht voll fertig ist.

 

Zeit nimmt hingegen die Mitgliederverwaltung ein, die ich versucht habe etwas zu optimieren, was ich mir auch als Erfolg zugute halten möchte. Die Erfolgsquote der Begrüßungen in der Vergangenheit war durch Eingang im Spamordner wohl nicht sehr hoch, mittlerweile über den Postweg dürfte das deutlich besser geworden sein. Das ist aber natürlich auch mehr Aufwand und bringt gewisse Portokosten mit sich. Mitglieder werden in der Regel jetzt schnell begrüßt – es könnte aber noch schneller gehen. Wenn jedoch Anträge meinerseits ohne wirkliche Gründe dafür abgelehnt werden (außer meiner Abwesenheit in der Sitzung) , finde ich das nicht gerade motivierend…

 

Motivierend finde ich auch nicht die ständigen berechtigten Anfragen von Mitgliedern über ihre LiquidFeedback-Zugänge. Mit diesem ach so tollen Demokratie-Tool (ich finds prinzipiell eine gute Idee, aber momentan noch ziemlich schlecht umgesetzt wird ständig geworben, Neumitglieder müssen aber Wochen, gar Monate warten bis sie ihren Zugang bekommen.

 

Es gibt noch einiges mehr über Verwaltungsinterna zu mosern, aber das soll fürs Erste genügen.

Auch explizit über den Kreisverband habe ich nun schon fast alles geschrieben, auf jeden Fall genug, weshalb wir nun ganz allgemein, zu der Piratenpartei kommen wollen.

 

Leider hat das Piratenschiff arg Schlagseite bekommen, und zwar Richtung Backbord (links), auch wenn die Medien in letzter Zeit gerne über die andere Seite herziehen. Mit Rechtsextremen hat, soweit ich das sehe, der Kreisverband Konstanz aber keine Probleme.

Dieses arg aufgebauschte Thema hat auch rein nichts mit meiner Rücktrittsentscheidung zu tun.

 

Der Linksruck der Piratenpartei aber durchaus. Als ich letztes Jahr noch in Neuseeland weilte (und abends viel Zeit hatte) informierte ich mich ausführlich über die Piraten und sah noch eine staatskritische und skeptische Partei, die die richtigen Fragen stellte statt sich auf scheinbar richtige Antworten zu konzentrieren, die auf Freiheit und Subsidarität statt auf Bevormundung und Regeulierung setzte und in der Meinungsfreiheit noch gelebt wurde.

Mittlerweile scheint sich dieser Prozess aber umgekehrt zu haben. Umverteilungsexperimente wie das Bedingungslose Grundeinkommen wurden einfach mal so beschlossen, fahrscheinloser Nahverkehr und anderes stoßen ins gleiche Horn. Wirtschafts- und sozialpolitisch geht es, sofern denn überhaupt mal etwas beschlossen wird, in eine Richtung, die mit Marktwirtschaft wenig zu tun hat – da können auch einige durchaus gute Ideen wie Abschaffung von Zwangsmitgliedschaften in Kammern nicht viel dran ändern.

Statt jetzt einzeln über unser schön basisdemokratisch zustande gekommenes Programm zu lästern (was sich eh Stunden hinziehen würde), mache ich vielleicht einfach meine Position mal deutlich.

Ich war schon immer liberal und habe mich innerhalb des Liberalismus im Laufe meiner jungen Jahre mal in allen Richtungen ausgetobt, glaube aber nach viel intensiver und noch andauerender Lektüre in einem klassischen Liberalismus der eher schon ins Libertäre gipfelt meine politische Heimat gefunden zu haben. Der steht vielen Positionen der Piratenpartei natürlich konträr gegenüber und lässt mich in Zukunft nicht viel Übereinstimmung mit den Piraten erwarten.

 

Wo ich gerade Basisdemokratie sagte: ein tolles Konzept mit gefährlichen Schwächen.

Der jüngste Parteitag war in Neumünster. Da kann man als Konstanzer, ja überhaupt als Baden-Würtemmberger mal nicht eben hinfahren. Ist in anderen Regionen für andere Regionen natürlich ähnlich. Das Sebastian Nerz in Heidenheim (ich hoffe, ich täusche mich nicht) gewählt wurde, aus der Gegend dort stammt er nämlich, ist kein wirkliches Wunder.

Krass war es z.B beim Landesparteitag der Piratenpartei in NRW zwecks Listenaufstellungen.

Aus meiner Heimat OWL waren dort kaum Piraten vertreten – folglich kam kein einziger Pirat aus OWL auf einen der aussichtsreichen ersten 30 Listenplätze. Piraten einer nahen Stadt wie Düsseldorf jedoch, die zahlreich anwesend waren, verfügen mal gerade über 11 Listenplätze unter den ersten 30. Wer mag es ihnen verübeln, dass sie, die wählen, die sie kennen und das aufgrund größérer Masse auch durchbekommen.

Ich mag wahrlich nicht als Pro-Proporz daherkommen, doch halte ich so eine Entwicklung für sehr bedenklich. Die einzige Hoffnung könnten hier dezentrale Parteitage sein – es bleibt sehr zu wünschen, dass der baldige Pilotversuch ein voller Erfolg wird.

 

Nicht nur Basisdemokratie, der allgemeine blinde, fanatische Glaube an die vollkommene Demokratie mit regelrechtem Hass auf „die da oben“ ist von mir nicht sonderlich zu teilen.

Leider offenbart sich in der Piratenpartei neben großer Naivität mittlerweile immer mehr eine extreme Arroganz gegen Andersdenkende, die sich von der angeblichen Überlegenheit durch das Internet abzuleiten scheint. Wer ohne Internet ist, hat schlechte Karten in der Piratenpartei und ihren angestrebten Gesellschaftsentwurf. Wer das Internet nicht nutzen will – warum auch immer – der hat sogar ein großes Problem.

Spannungslinien wie Internet ↔ kein Internet sind das eine, es gibt aber noch andere, z.B das sich die älteren Mitglieder den neueren überlegen fühlen und meinen, sie hätten jetzt Sonderrechte.

 

Ein ungelöstes Spannungsfeld in der Piratenpartei ist Datenschutz versus Transparenz.

Was den parteinternen Datenschutz angeht, kann ich die Paranoia jedoch nicht nachvollziehen.

Es wird hier verlangt, Emails zu verschlüsseln, ja überhaupt alle Daten zu verschlüsseln. Mag grundsätzlich sinnvoll und richtig sein, ist aber vor allem nervig und unsinnig in der Anwendung.

 

Transparenz ist grundsätzlich natürlich auch toll. Mittlerweile frage ich mich aber, was all die Live-Streams und zugänglichen Informationen überhaupt dem normalen Bürger bringen sollen. Das alles anzuschauen und auszuwerten braucht nämlich Zeit – sehr viel Zeit.

Und wenn unsere Gesellschaft zumindestt auf ihrem jetzigen Wohlstandsniveau verharren möchte, braucht es Menschen, die arbeiten statt sich die Live-Streams ihrer Gemeinden anzuschauen.

Ich finde es höchst bedenklich, dass das „neue Demokratiemodell“ der Piraten in Wirklichkeit die Entstehung einer neuen „digitalen Demokratie-Elite“ fördert, die vor allem viel Zeit mitbringt. Und dann kann man es quasi nicht mehr Demokratie nennen, weil die meisten Bürger nicht die Zeit haben, entsprechend neben Beruf, Familie und Freizeit darin zu partizipieren.

Wenn man sich in diesen Zusammenhang das Modell des Bedingungslosen Grundeinkommens vor Augen führt ist das in dieser Hinsicht nur konsequent und vordergründig eine Lösung, die jedem Zeit verschafft. Bloß ist das BGE eine gigantische Umverteilungsaktion von den Arbeitenden zu den Nicht-Abeitenden…

 

Dass es überhaupt sozial- und wirtschaftspolitisch in eine Richtung gehen wird, die „Freibier für alle“ fordern wird, ist auch wieder der innerparteilichen Basisdemokratie zu verdanken. Die wenigsten Piraten haben Ahnung von Wirtschaftsdingen, und die, die es haben und aktiv bei den Piraten mitmischen, sind wohlwissend noch nicht Mitglieder geworden. Bevor es im Zweifel heißt, das Unangehneme und Richtige zu tun, wird die kollektive Schwarmintelligenz sicher zweifelhafte auf Pump finanzierte Wohltaten durchwinken, wie ja bereits des Öfteren geschehen.

Mit vielen Vorschlägen dert Piratenpartei gehe ich voll d’accord, wenn es jedoch an die Finanzierung geht, haben die wenigstens Vorschläge ein tragfähiges Finanzierungskonzept.

Kann ja noch kommen…

 

Aber mal ehrlich: statt über Inhalte zu reden und abzustimmen, stehen Personaldebatten in Vordergrund, und wenn es dann mal zu Programmparteitagen kommt, steht die Legalisierung von Drogen auf der Tagesordnung (was ich vollstens unterstütze), wo es doch deutlich wichtigere Themen gibt, die dafür eben nicht behandelt werden können. In den Politikfeldern, die mir wichtig sind, dazu gehören neben Wirtschaft auch Außen-/Verteidigungs/Entwicklungspolitik hat sich die Piratenpartei seit meinen Eintritt quasi noch garnicht bewegt und macht auch keinen Anschein dies zu tun. Außer vielleicht, dass man seine Verwandten vor Somalia mit Freibier beglücken möchte…

 

Wir wollen die Liste nicht ewig weiter fortführen: nach wie vor gibt es auch viele Ziele der Piraten, wo ich voll hinter stehe. Und obwohl diese Ziele noch nicht durch Regierungsverantwortung gesetzlich verankert wurden, so hat doch in den etablierten Parteien ein grundsätzliches Umdenken stattgefunden. Man begreift langsam, dass Netzpolitik nicht heißt, wild zu twittern, man begreift, dass Partizipation nicht darin besteht, dem Fraktionsvorsitzenden die Hände zu schütteln und man begreift, dass eine erhöhte Transparenz kein notwendiges Übel, sondern eine üble Notwendigkeit ist. Wie sagte Marina so schön sinngemäß(war sie es?): „Unser Ziel ist es, uns selbst überflüssig zu machen.“

Es gibt viele machtgeile Piraten, die wegen so etwas gleich den Parteiausschluss fordern. Schließlich winken ja dick bezahlte Pöstchen mit ordentlichen Pensionen schon nach 4 Jahren.

Aber ich denke genauso. Noch sind die Piraten nicht überflüssig, aber sie machen sich Schritt für Schritt überflüssig – das ist zumindest meine Hoffnung. Und dieser Prozess des Überflüssigwerdens braucht mich als Einzelperson im Schwarm garantiert nicht mehr. Auch ein Grund also, sich zurückzuziehen.

 

Weitere Gründe sind, um zum Ende zu kommen, privater Natur. Als Neu-Konstanzer lebe ich seit einem halben Jahr nun in diesem schönen Städtchen, habe aber auch noch nichtmal nur ein Jahr vor mir, ehe mich ein Praxissemester und darauf folgend ein Auslandssemester hier wegziehen wird.

So sehr es mir hier auch gefällt, so wenig bin ich letztlich an Kommunalpolitik interessiert – ganz einfach, weil ich selbst davon nicht betroffen sein werde.

Ein Rücktritt macht sich in dieser Hinsicht auch leicht – ich bin in der Region nicht verwurzelt, und auch wenn ich hier durchaus gerne bleiben würde, wird das in Zukunft bei meinem Studium realistisch betrachtet kaum möglich sein.

Mein Studium ist natürlich auch ein Grund. Meine bisherige Tätigkeit zieht nicht sehr viel Zeit, aber doch einiges. Da ich etwas (vor)eilig diverse Veranstaltungen aus höheren Semestern vorgezogen habe, ist die zusätzliche Zeit, die ich nun habe, zumindest schon sehr nützlich. Statt 2 Stunden lang Neumitglieder zu begrüßen, kann man dann auch mal lernen.

Aber das ist nur eine Kleinigkeit. Schließlich sind die Einblicke in die Praxis durch die Schatzmeistertätigkeit eigentlich viel besser.

Von dieser Praxis habe ich aber nun ziemlich schnell genug. Es ist letztlich genau das eingetreten, was ich von anderen Parteien, nicht aber den Piraten erwartet hatte. Das ist schade, aber nicht mehr zu ändern. Und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, muss ich leider ziehen.

Ich kann vollstens verstehen, dass viele Piraten und Piratinnen schon vor mir dieselbe Entscheidung getroffen haben bzw. nicht nochmal kandidiert haben.

Ich kann überhaupt vollstens verstehen, dass viele qualifizierte, fähige Menschen keine Lust haben, in die Politik zu gehen, wenn die Intrigen und Ränkespiele, die Doppelmoral und Heuchelei bereits auf unterster Parteiebene anfangen. Dass sich das fortsetzt und keinesfalls besser wird muss ich wohl niemanden erzählen…

 

 

Ich hoffe, ich konnte ansatzweise deutlich machen, was meine Unzufriedenheit mit dem Piratendasein ausgelöst hat und warum ich nun letztlich das mache, was bereits seit einigen Wochen feststand. Die möglicherweise „katastrophalen“ Auswirkungen auf den Kreisverband hielten mich noch ein wenig ab – die vierte Neuwahl innerhalb eines Jahres sagt ja schließlich auch vieles aus – mittlerweile halte ich dies aber für ein kleines Übel.

Der Kreisverband sollte sich vielleicht ernsthaft Gedanken machen, ob er sich auflöst, dann könnte man deutlich effektiver arbeiten. Aber das ist „von oben“ ja nicht so vorgesehen und gewollt – die Hierarchie hält auch bei den Piraten Einzug.

Von den übergeordneten Gliederungen bin ich aber eh etwas enttäuscht. Unterstützung oder Kommunikation ist zwar etwas beidseitiges, kommen tat aber vor allen (durchaus gerechtfertigte) Kritik. Die jüngste „Krise“ – ich trete ja nicht einfach so zurück, sondern BzV und KV wissen lange Bescheid – scheint dort niemanden zu interessieren.

Immerhin klappt die Zusammenarbeit in der Mitgliederverwaltung bestens! Ein großes Lob also noch an Marco vom Bezirksverband, der im Gegensatz zu mir sicher überarbeitet ist und sich nun leider bald auf eine neue Kontaktperson einstellen muss.

 

Beenden wir das Ganze! Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte. Es war mir ein Anliegen, aber ich denke kaum, dass irgendjemand alles gelesen hat.

Ich stehe gerne für Fragen und klärende Gespräche zur Verfügung, per Email immer schnell, persönlich erst ab dem Stammtisch in der kommenden Woche. Den möglicherweise aufziehenden Shitstorm kuriere ich ab morgen lieber daheim in NRW aus (anderer Grund, aber passt ganz gut…)…

Denn auch wenn ich zurücktrete, noch bin ich Pirat, und auch wenn dieser Zustand nicht mehr lange währen mag, werde ich grundsätzlich noch zu den Stammtischen kommen, da es mich doch sehr interessiert, wie sich das Ganze weiterentwickelt.

Vorausgesetzt, ich werde nicht kielgeholt!

 

 

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6 Kommentare

  1. Flo

     /  Mai 10, 2012

    Leider hast du mit den angesprochenen Themen zur Piratenpartei im Allgemeinen recht (KV Probleme kann ich nicht beurteilen). Den aktuell gefühlten Links Drall der Partei sehe ich auch sehr kritisch. Wobei ich BGE und ÖPNV nicht zwangsläufig als linke Themen bezeichnen würde wenn man sich näher damit beschäftigt.
    Momentan steht die gesamte Partei wegen zunehmender Bedeutung und Aufmerksamkeit in der Zereissprobe. Es gibt leider auch immer noch viel zu viele naive Idioten die bzgl. ihrer öffentlichen Äußerungen nicht mit gesteigerter Aufmerksamkeit und Interesse umgehen können.
    Das mit den KV Problemen ist schon sehr bedenklich. Hoffe das klärt sich wieder.
    Auf die anderen Themen geh ich jetzt nicht nochmal extra ein. Sehe ich aber ähnlich.
    Ich hab ein bischen den Eindruck dass zurzeit bei vielen Mitgliedern die Nerven ziemlich blank liegen wegen den ganzen Spannungen der letzten Monate. Und wo Menschen sind, „menschelt“ es eben. Inklusive aller Probleme. (soll nix beschönigen)
    Hoffe du bleibst trotzdem dabei. Eine Auszeit bewirkt ja oft Wunder. 😉
    Die Partei steht ja zum Glück (auch nach 3 Jahren) strukturell und thematisch gerade erst am Anfang. Das beruhigt mich dann immer wieder.

    Antwort
  2. Flo

     /  Mai 10, 2012

    Achja noch ein Zusatz:
    Was auch irgendwie falsch läuft ist dass auf einmal andere Landesverbände + viele internationale Piratenparteien auf den BGE & ÖPNV Zug aufspringen weils ja in Berlin angeblich so viel Stimmen gebracht hat. Ich bezweifle aber mal ganz stark dass die Mehrheit der Leute in Berlin die Piraten genau wegen diesen Themen gewählt hat.

    Antwort
  3. Shadowstats.com

     /  Mai 10, 2012

    Hi Christoph,
    zunächst einmal vielen Dank für die geleistete Arbeit und in weiten Teilen sehr fundierte Kritik, mit der Du inhaltlich sicher nicht alleine dastehst.

    Ich (Shadowstats.com) bin bislang auch noch nicht in die Partei eingetreten, wegen einiger der von Dir genannten Punkte. Im Wesentlichen ist es bei mir allerdings einem bundespolitischen Grund geschuldet; das fehlende Wirtschaftsprogramm und dem nicht erkennbaren Willen ein solches ernsthaft ( also ganz oben auf die Tagesordnung bei einem BPT zu hieven z.B. vor der weit weniger bedeutsamen Drogenproblematik und anderen Themen, die dort bislang vorrangig behandelt wurden) entwickeln und verabschieden zu wollen.

    Die aktuellen Tendenzen zur Schlagseite nach links sehe auch ich ebenfalls mit großer Besorgnis. Diesen Linken das Feld zu überlassen kann allerdings wohl auch nicht zum Wohl der Partei und Gesellschaft sein, sie ist nur persönlich bequemer (spart Zeit, die nicht jeder im Überfluß hat), mehr nicht. Nicht zuletzt aus diesem Grund hoffe ich, daß Du weiterhin in der Partei bleibst und ( zumindest bei Abstimmungen ) auch dem liberalen Element Gewicht in der Partei verleihst.

    Ich finde Deine Erklärung zum Rücktritt vom Amt nachvollziehbar und respektiere das, hoffe aber sehr, daß Du den Schritt zum Austritt nicht gehst.

    Markus (Shadowstats.com)

    PS: Was die fehlende Lebenserfahrung angeht, so kann diese durchaus von wenigen jungen Menschen (Ausnahmen!) kompensiert werden; indem diese sich etwas mehr Zeit nehmen, um mögliche Folgen im Vorfeld ihres Handelns gründlich abzuschätzen und entsprechend zu bewerten. Auch wenn Du noch recht jung bist, so erkenne ich exakt diese Qualität bei Dir, was man auch an der zeitlichen Abfolge Deines Rücktrittes erkennen kann.

    Antwort
  4. Subli

     /  Mai 11, 2012

    Ich kann deine Begründung sehr gut nachvollziehen und bedanke mich bei deiner geleisteten Arbeit. Der Linksdrall von sehr lauten Personen stößt mir auch auf. Die „echten“ alten Piraten aus der 2009er Zeit und davor haben eine wesentlich liberalere Einstellung als viele neu hinzugestoßene Karrieristen. Ich möchte dich bitten standhaft zu bleiben und den anderen nicht einfach so das Spielfeld zu überlassen. Zu viele gute liberale Piraten haben sich schon (zum Teil lautlos) zurückgezogen.

    Antwort
  5. Cassis

     /  Mai 16, 2012

    Hi Crissof!
    Habe zum wiederholten Mal deine Kündigung mit der sehr detailierten Begründung gelesen.
    Ich kann dir in vielen Punkten nur zustimmen! z.B. BGE oder fahrscheinloser ÖPNV die in meinen Augen nicht durchführbar sind, aber immer wieder wie wild diskutiert werden.
    Auch deine Kritik am Wahlsystem trifft voll meine Meinung. Nicht nur das dieses System
    die mitgliederstarken Kreisverbände bevorzugt, es ist meiner Meinung nach auch sehr maripulationsanfällig. Der Standort der Versammlung ( siehe LPT) ist beim aprouval Voting unglaublich wichtig und scheint nicht unabsichtlich so gewählt worden zu sein!Auch deine Behauptung das bei den Piraten viel diskutiert oder
    gemailt wird ohne zu einem Ergebnis zu gelangen hat meine vollste Zustimmung. Wenn du bei den Piraten mit einer Idee kommst und sie Einem nicht passt, wird so lange diskutiert bis nichts mehr übrig bleibt. ( muß wohl daran liegen, das viele oft in einem Chat auftauchen müssen um sich wichtig zu tun!) Wenn du wieder im Lande OWL bist laß dich doch mal am Stammtisch mit H. blicken! Sonst alles Gute! Fand deine Begründung auf jeden Fall super und anspornend für Diskussionen.

    Antwort
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