Die Qual der Wahl

Als Student kann man vieles wählen: verschiedenste Gerichte in der Mensa, die Art des Fortbewegungsmittels zur Uni, den Sitzpartner in den Vorlesungen (sofern man nicht zu spät kommt) und noch viel mehr. Früher konnte man sich sogar noch die Kurse weitgehend selbst auussuchen, die man besuchte, – eine Errungenschaft, die dem Fortschritt – der  Bologna-Reform – weitgehend zum Opfer fiel.

Heute hat man nicht mehr die Qual der Wahl zwischen den Kursen, die Kurse sind meist eine Qual und weniger eine Wahl. Das zeigen insbesondere auch die Abschlussklausuren am Ende eines jeden Kurses. Bei der Qual des Lösens derjenigen hat man auch wieder eine Wahl: nämlich verschiedene Antwortmöglichkeiten.

Richtig gehört: es gibt eine Frage und es gibt Antwortmöglichkeiten. Multiple Choice nennt man das – oder die „Qual der Wahl“. Wer  jetzt  „Wer wird Millionär“ statt Universität assoziiert, dem sei verziehen. Tatsächlich würde man an einer so hohen Bildungseinrichtung wie einer Universität nicht erwarten, dass die gesamte geistige Essenz eines Studiums in stumpfen Klausuren in Multiple-Choice-Form abgefragt wird. Die Universität diene der Wissenschaft möchte man meinen. Da könne es ja nicht angehen, sich mit solch banalen Methoden zur Überprüfung des studentischen Wissens abzugeben.

Doch genau das tut man! Seminare – die Selbsterarbeitung des Stoffes in der Gruppe und mit der Prüfungsform der Hausarbeit, einer selbstständigen intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Thema – verschwinden zusehends aus den Curricula. In Konstanz gibt es noch Hoffnung: so kann man bereits im ersten Semester ein Seminar belegen, was die wenigsten jedoch tun. Sie haben lieber in Klausuren die Qual der Wahl – für diese reichen ja auch stumpf ins Gehirn geprügelte Wissen, dass man danach eh wieder vergisst, weitgehend aus. Folien werden auswendig gelernt, Lektüre exzerpiert, die Klausur geschrieben und (hoffentlich) bestanden – und schwupps vergisst man alles, weil es im nächsten Semester ja  wieder von vorne losgeht.

Man kann es den Dozenten jedoch nicht verdenken, wenn ihnen ausnahmsweise nicht die Qual der Wahl gegeben ist, wie sie ihre Studierenden prüfen wollen. Bei 200 Studierenden wäre es utopisch anzunehmen, sie hätten neben ihrer Lehrverpflichtung und Forschung noch die Zeit, viele Seiten beschriebenes Papier, mal leserlich, mal weniger, durchzulesen und zu bewerten. Da stellt man doch lieber ein paar fiese Fragen, gibt noch fiesere Antwortmöglichkeiten und korrigiert das ganze später im Minutentakt mit einer vorgefertigten Schablone.

Das Multiple-Choice-Fragen ganz schön fies sein können, erfuhr ich gestern im Tutorat:  mal schauen Antwortmöglichkeiten richtig aus, sind es aber nicht wegen kleiner Veränderungen (einen „nordrhein-westfälischen Frieden“ gab es nämlich nie – nur „westfälischer Frieden“ wäre hingegen richtig gewesen). Oder auf die Fragestellung treffen theoretisch mehrere Antworten zu – nur eine ist aber richtig – nämlich die, die mehr richtig ist als die anderen, die sozusagen Max Webers Idealtypus am nächsten kommt. Das kann manchmal ganz schön verwirren!

Dabei ist das Multiple-Choice-Format mit einer Frage und vier Antwortmöglichkeiten, von denen eine richtig ist,  noch die harmloseste Variante. Ich werde mich auch mit 5 Antwortmöglichkeiten, von denen mehrere richtig sind, herumschlagen müssen. Damit nicht genug – hier gibt es für jede falsche Antwort auch noch Minuspunkte. Andere Prüfer kommen hingegen auf die Idee statt Multiple-Choice mit Lückentexten zu prüfen – das genaue gelernte Wort muss in der Lücke stehen – sonst gibt es keine Punkte.

So oder so ähnlich werden die Klausuren sein, die auf mich zukommen. Hört sich einfach an, ist aber schwieriger. Nicht die Wissensanwendung wird hier abgefragt, sondern die Wissensspeicherung. In Hinblick auf wissenschaftliches Arbeiten, das die Universität eigentlich vermitteln soll, ist das kontraproduktiv, passt aber in eine Zeit, wo die Universitäten bessere Fachhochschulen mit dem reinen Ziel der Berufsvorbereitung werden, das sie aber nicht erfüllen können. Ich bin jedenfalls gespannt, wie ich mit Multiple-Choice klarkommen werde – nach intensiver gedanklicher Auseinandersetzung in den Klausuren der Oberstufe darf ich nun auswendig lernen und zumindest in der Klausur andere Antworten auch nicht hinterfragen und das argumentativ durchaus überzeugend begründen, wenn ich mir nicht die Note verderben will. Schade eigentlich – von der Schule zurück in den Kindergarten…

Abschließend sei noch gesagt, dass Multiple-Choice auch durchaus Vorteile haben kann: man erfährt nicht nur schneller sein Ergebnis, sondern ist auch vor Willkür des Korrektors geschützt. Gerade letzteres ist nach den Erlebnissen der Schulzeit als  ein nicht zu unterschätzender  Vorteil zu sehen.

Advertisements
Hinterlasse einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Susanne Heuermann

     /  November 8, 2011

    Hallo Chris,
    ich bin stolz darauf, dass du mein Sohn bist. Schicke den Artikel bitte zu einer Zeitung etc.
    LG

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: