Piratenpartei & Gesellschaft: ein Konflikt zwischen On- und Offlinern und seine Folgen

Der heutige Student hat viel zu tun – schon ganz am Anfang, weshalb ein täglicher Output hier nicht möfglich ist.  Über das Studium möchte ich heute aber nicht berichten – über das was man in Politk und Verwaltung eigentlich macht werde ich Ende nächster Woche berichten, wenn dann tatsächlich alle Vorlesungen und Tutorate und Seminare tatsächlich gestartet sind. Nur soviel: es macht mir bereits richtig viel Spaß, auch oder gerade weil das Lesepensum hoch ist!

Im heutigen Artikel soll es aber um die Piratenpartei gehen. Nicht erst seit der Berlin-Wahl bin ich bekennender Anhänger der Piraten, schon bei der Bundestagswahl bekamen sie mein Kreuzchen, damals noch geteilt mit einer anderen SpaßPartei, die ich hier besser nicht erwähne.

Nun war ich ein Jahr in Neuseeland, beobachtete das Geschehen aus der Ferne und war doch über das Internet so nah dran. Aber nicht nur online sind die Pirten aktiv, sondern auch offline – und das wollte ich mir anschauen.

So kam es, dass ich am vergangenen Donnerstag Abend in eine etwas verrufene Kneipe spazierte, wo der Stammtisch der Piratenpartei Konstanz abgehalten wurde. Der Kreisverband hier in Konstanz hat momentan etwa 70 Mitglieder, von denen aber nur etwa 15 aktiv sind. Dazu kam, dass am Donnerstag erstmals seit langem wieder ein Stammtisch in Singen (Stadt 30km nördlich von Konstanz) abgehalten wurde, wo natürlich die ganzen Leute aus der entsprechenden Region hingingen.

Trotzdem war es recht voll – ca. 15 Freibeuter (so heißen die Noch-Nicht-Piraten) und Piraten drängten sich in der kuscheligen Sitzecke und diskutierten munter über Politik. Jeder stellte sich vor und es zeigte sich ein bunt gemischtes Bild an Personen – sogar einige Piratinnen waren anwesend. Sehr angenehm auch, dass das Klischee-Bild der Computernerdpartei hier nicht wirklich zutraf. Studenten und Rentner, Psychologen und Vertriebler, Schweizer und Deutsche, diskutierten einträchtig mit Fachinformatikern, Systemadministratoren und sonstigen ITlern.

Dabei ging es unstrukturiert und – wie erwartet – auch durchaus piratig zu. Anderen wird auch mal ins Wort gefallen und der Ton ist oft ein wenig ruppig – trotzdem ist der Umgang miteiander fair und argumentbasiert. Ist mir sympathisch…

Über konkrete Punkte der Tagesordnung möchte ich nichts sagen (gibt eh nichts wichtiges), sehr auffallend ist aber der Konflikt zwischen Onlinern und Offlinern, den ich im Folgenden gerne näher erläutern würde.

Die Piratenpartei wurde zwar bisher hauptsächlich von jungen, technikaffinen Menschen getragen, muss sich in Zukunft aber auch andere Bevölkerungsgruppen erschließen. Menschen, die noch Microsoft und Word benutzen, ihre Emails ausdrucken und das Internet nur als nützliches Informationstool sehen.

Konkret ging es um die Planung einer Veranstaltung, wo ein junger, technikaffiner Pirat vorschlug, dass ganze über Piratenpads zu organisieren (das sind Texteditoren im Internet, an denen mehrere Benutzer gleichzeitig schreiben können, z.b für Protokolle und sich nebenbei im Chat austauschen darüber). Einem älterer Mann sagte dies aber garnichts, er wolle all das lieber offline machen, sprich sich ein Konzept überlegen und beim nächsten Stammtisch darüber diskutieren. Solch eine Verschwendung von Zeit konnte der technikaffine junge Pirat, der Onliner, natürlich nicht begreifen – ebenso wenig, wie der Offliner solch ein Vorgehen über das Internet begreifen konnte. Er könne solche Instrumente nicht nur nicht bedienen, er wolle es auch gar nicht. Das, sollte man akzeptieren!

Um die Probleme des Offliners mit dem Internet nochmals zu illustrieren: er fragte über eine Mailingliste, was ein Staatstrojaner sei und zeigte sich verärgert, dass keine Antwort kam. Nun ist es bloß so, dass der Onliner das ganze so lösen würde, den Begriff in die Suchmaschine zu stecken und sich das Ergebnis so selbst holt – meist ist man damit schneller als solch eine Frage per Email überhaupt zu formulieren. Der Onliner denkt sich, was sei das denn für eine Frage – warum stellt der Offliner so eine Frage und schaut nicht gerade selbst nach.

Nun sollte es um guten Ton gehören, dass jeder jeden gegenseitig hilft. Die Konstanzer Mailingliste haben in dem Zeitraum aber vielleicht auch nur 20 Leute gelesen, die Hälfte hat die Frage überlesen, ein Viertel gedacht, dass andere antworten, ein Achtel war zu beschäftigt zum Antworten und ein anderes Achtel hatte schlichtweg keine Lust, dass zum tausendsten Mal den Offlinern zu erklären. So kam es, dass der Offliner keine Antwort erhielt.

Ein anderes Beispiel aus der Stammtischdiskussion zeigt, wie sich Lebensrealitäten zwischen Onlinern und Offlinern verschieben. Der Offliner ist der Meinung, wer am Stammtisch partizipiert muss auch aktiv anpacken und z.B Plakate kleben, während er dem Internet als Arbeitswerkzeug wenig bis keine Bedeutung beimisst. Der Onliner hingegen möchte keine Plakate kleben, jedenfalls nicht nur (das hätte er ja bei den übrigen Parteien auch machen können) , er möchte sich aktiv an der Parteiarbeit beteiligen, und zwar im Netz. Über das Wiki der Piratenpartei kann er am Parteiprogramm mitschreiben und darüber diskutieren, über Mumble mit anderen Piraten in ganz Deutschland kommunizieren und mit Liquid Feedback basisdemokratisch bestimmen, in welche Richtung das Piratenschiff segelt.

Basisdemokratie wird im übrigen großgeschrieben – auch Nichtmitglieder wie ich durften sofort abstimmen, ob der Stammtisch beim nächsten Mal an einem anderen Ort abgehalten werden soll oder nicht.

Die Lebensrealität des Onliners ist auch die meinige, ich mag mich also auch als Onliner bezeichnen. Ich hätte auch keine Lust 2 Jahre Plakate zu kleben, mich anzudienen und über Seilschaften in höhere Parteiämter aufzurücken, von der eigentlichen Parteiarbeit mit ihren Zielen aber abgeschnitten zu sein. Ich bin Postmaterialist – mir sind Partizipation, Transparenz und Schutz und Ausbau von Grundrechten wichtiger als die wirtschaftliche Situation. So wie mir geht es auch vielen anderen der jungen Generation, was über kurz oder lang dazu führen wird, dass solche Themen eine immer wichtigere Rolle spielen werden. Die Piratenpartei geht da mit gutem Beispiel voran – und bleibt dabei glaubwüridg und sympathisch. Man verstellt sich nicht, man gibt zu, dass man keine Ahung hat – auch bei Stammtischen. Das ist sympathisch! Manch Grüner, Roter, Schwarzer oder Gelber mag das traurig finden, ich finde das positiv.

Ein wichtiger Aspekt der in diese Lebensrealität hineinspielt, ist die Tatsache, dass Kommunalpolitik eher abgelehnt wird und man sich bundesweit beteiligen möchte. Kommunalpolitik muss nicht langweilig sein, Kommunalpolitik bedeutet aber, sich in eine Kommune einzufinden, sich zu integrieren, dort einige Zeit zu studieren, zu arbeiten, zu leben. Diese Zeit ist mir aber nicht gegeben. Studienbedingt bin ich 18 Monate in Konstanz, ehe ich die Stadt wegen einem Praxissemester sicher verlassen werde. Ein anschließendes Auslandssemester danach und ich bin auch nur wieder nur 6 Monate in Konstanz, ehe ich hoffentlich in Regelstudienzeit meinen Bachelor abschließe. Der Master danach führt vermutlich ins Ausland – rein hypothetisch.

Das Ganze soll veranschaulichen, dass die Lebensumstände von mir wie vieler anderen Menschen nicht mehr sind wie früher. Man stirbt nicht mehr da, wo man geboren wurde und kommt nicht Zeit seines Lebens nicht aus einem eng begrenzten Umkreis seiner Heimatstadt mehr hinaus. Warum also 2 Jahre lang Plakate kleben, wenn man danach eh wieder weg ist und in einer anderen Stadt neu anfangen darf, Plakate zu kleben?

Die Piratenpartei ermöglicht es mir jedoch, zu jeder Zeit an jedem Ort über das Internet bundesweit die Parteiarbeit gestalten. Ich kann direkt an Anträgen mitarbeiten oder gar selbst erarbeiten, die später basisdemokratisch abgestimmt und eventuell somit gar Parteilinie werden. Ich kann mit verschiedensten Personen aus verschiedensten Regionen diskutieren und meine Meinungen überdenken, ich kann mich auf Parteitagen einfach auch so mal direkt in Ämter wählen lassen, falls ich Zeit dafür habe und wenn der Wunsch nach Offline-Kommunikation besteht mich auch einfach mal unverbindlich mit den Mitgliedern des Stammtischs an dem Ort treffen, an dem ich mich grade befinde. Zeit, kann ich ohnehin aufteilen wie ich möchte. Wenn ich Zeit habe, kann ich sie investieren, wenn nicht, dann brauche ich es auch nicht. Das ist das was das Piratsein für mich ausmacht und deswegen werde ich bald von einem Freibeuter auch zu einem Pirat, um Deutschland zu ändern. Da spielen natürlich auch noch andere wichtige Aspekte wie die Grundwerte der Partei, ihr Menschen- und Weltbild und natürlich auch ihre bisherigen Inhalte eine gewichtige Rolle, deren Erläuterung aber zumindest jetzt den Rahmen sprengen würde.

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2 Kommentare

  1. Jeannine

     /  Oktober 23, 2011

    Christoph, sympathisch wie du schon mental mit Konstanz abschließt 😉

    Antwort
  2. Joseph Stalin

     /  Oktober 25, 2011

    Dein Artikel zeigt doch sehr gut die internen Widersetze der Piratenpartei.
    Man darf doch nicht, nicht einmal bei den Piraten, selektieren wer ein gutes Mitglied ist und wer ein schlechtes anhand des Faktors der Netzaffinität. Wenn man ein Mitglied hat welches mit der Funktionsmasse des Internets nicht klar kommt kann man Wichtiges nicht übers Internet laufen lassen. Und auch wenn ein solches Mitglied Anfragen über die Parteiverteiler sendet, verdient er auch eine Antwort. Das gehört einfach so. Leider verstehen es die Piraten nicht. Will man zur einer Partei werden, die aktiv mitgestalten möchte, muss man offen sein für alle sozialen Wählerschichten.
    Kommunalpolitik darf nicht mal in einer Studentenstadt vernachlässigt werden. Denn hier kommt man am besten an die Menschen ran. Hier kann man den Menschen helfen! Die Piratenpartei wird aber sicher bald merken wohin eine fehlende Kommunalpolitik führen kann. Kommunalpolitik besteht übrigens nicht nur aus Plakaten kleben, das sind nur max. 2 Vormittage während des Wahlkampfes.

    Rote Grüße

    General Stalin

    Antwort

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