Konstanz und die Schweizer

Als Neu-Konstanzer fällt einem auf, woran sich die Alt-Konschdanzer sicher schon längst gewöhnt haben. Konstanz ist beliebt bei den Schweizern, und zwar konstant. Die Schweiz ist teuer – das weiß man nicht nur, wenn man aufs Jungfraujoch gefahren ist und in Zürich gespeist hat, sondern erschließt sich schon daran, dass die Schweizer eben nach Konstanz pilgern, obgleich sie  daheim doch sehr viel bequemer mit ihren Schweizer Franken bezahlen können. Daheim ist in diesem Fall meist die Stadt Kreuzlingen,die nahtlos in Konstanz übergeht. Kreuzlingen ist im übrigen garnicht so schweizerisch, mit 50% Ausländeranteil (davon ca. 23% Deutsche) nimmt die Stadt die Spitzenposition der Schweiz ein. Das lag nicht zuletzt daran, dass früher, ganz früher, das Leben in Kreuzlingen tatsächlich mal deutlich erschwingbarer war als in Konstanz. Niedrige Mieten und ausreichend Wohnraum – statt in den Turnhallen konnte der Student also in der Schweiz nächtigen, durfte aber natürlich – Schengen sei Dank – problemlos in Deutschland einkaufen (was damals auch bereits billiger war) und durfte sich über die Mehrwertsteuerrückerstattung freuen.

Das waren noch Zeiten, als der Schweizer Franken stabil war! Eigentlich ist er immer noch stabil, wieder zumindest – nachdem der Höhenflug durch eine feste Kopplung an einen Mindestkurs gestoppt wurde. Ein anhaltender Höhenflug wär dem einkaufenden Schweizer auch garnicht unlieb gewesen, bloß dem arbeitendem Schweizer ein Dorn im Auge – den Unternehmen fiel es ja immer schwerer Gewinne zu machen durch Exporte, was sich ja auch auf den Schweizer Arbeiter hätte auswirken können. Wenn der Profit eben nicht durch Exporte maximiert werden kann, werden die Arbeiter minimiert.

Vor diesem Hintergrund kann man den Schweizer verstehen, wenn er sein ohnehin über den deutschen Löhnen liegendes Einkommen noch weiter maximieren möchte, indem er nicht in der teuren Schweiz, sondern im günstigen Konstanz einkauft, wobei günstig relativ ist. Das erklärt auch, warum der Ausländeranteil in Kreuzlingen so hoch ist. Man arbeitet in der Schweiz für gutes Geld und wohnte früher sogar günstiger, einkaufen und sonstige Vergnügungen verlebte man aber in Konstanz – ein doppelter Vorteil also.

So kann sich Konstanz vor Lebensmittelgeschäften, Modeketten, Spielcasinos und Restaurants kaum retten, während Kreuzlingen damit doch sehr unterversorgt ist. Wozu das führt, kann man sehen, wenn man an einem bitterkalten Samstag  bei grauesten Himmel durch die Innenstadt flaniert. In der ostwestfälischen Provinz kommt soviel Publikum nicht einmal während der 4 vollsten verkaufsoffenen Sonntage zusammen. Die Menschenmassen strömen durch die Fußgängerzone, allenthalben hört man Schweizerdeutsch – man fühlt sich aber eher wie beim Oktoberfest in München als wie beim Einkaufen in der Kleinstadt Konstanz. Für eine Kleinstadt, knapp 82.000 Einwohner, sind die Einkaufsmöglichkeiten vergleichsweise nämlich als sehr gut zu bezeichnen. Den Schweizern sei Dank!

Dank sei ihnen aber nicht, dass sie die Kassen sämtlicher Läden verstopfen. Nicht weil sie dort einkaufen – das ist ihr gutes Recht – sondern weil sie kleine blaue Zettelchen ausfüllen, um sich die Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen zu können. Ja, richtig gehört! Wer einen Wohnsitz in der Schweiz hat (bzw. außerhalb der EU), kann sich die Mehrwertsteuer zurückerstatten lassen. Das hilft nicht nur den Schweizern, die damit mehr Geld in ihre Tresore stopfen können, sondern auch den Konstanzer Einzelhändlern, die dadurch teurer verkaufen können – den Schweizern wird es ja erstattet, der Konstanzer leidet dann eben darunter.

Noch viel mehr leiden tut natürlich noch die Bundesregierung, der hier „viele, viele Millionen“ Steuereinnahmen verlorengehen, um es ganz kompetent mit Sebastian Nerz‘ Worten zu sagen.

Vor einiger Zeit wurde mal darüber diskutiert, die Rückerstattung erst ab einen bestimmten Wert zuzulassen. Das wäre jedoch fatal für den Konstanzer Handel gewesen, weil der durchschnittliche Kassenbon durchschnittlich nur 18€ beträgt, was eben auch zeigt, dass kleine Einkäufe bereits in Deutschland und nicht in der Schweiz erledigt werden. Noch eine Zahl zu den Vorteilen, die den Konstanzern durch ihre Grenzlage zugute kommen: etwa 700 Millionen € beträgt der Gesamtumsatz des Konstanzer Handels mit den Schweizer Kunden, die längst nicht nur aus Kreuzlingen, sondern teilweise von sehr viel weiter entfernt anreisen und Konstanz Straßen und Parkhäuser verstopfen – in letzteren braucht man samstags garnicht versuchen, einen Platz zu bekommen.

Trotz gewisser Nachteile wie der Verstopfung der Stadt durch viele, viele Menschen (als Klaustrophobiker ist das ein Nachteil) geniesst Konstanz eben aber daraus auch gewisse Vorteile. Vor allem, weil der Stadt selbst die Mehrwertsteuer ja nicht entgeht – die bekommt sie ja garnicht. Letztlich sollte man sich also freuen, wenn man Schweizerdeutsch in Konstanzs Gassen hört und sich nicht immer über die Schweizer beschweren, wenn sie einem das Warten an der Kasse zur Tortur machen, weil sie ihre blauen Ausfuhrzettel zur Mehrwertsteuerrückerstattung ausfüllen.

Übrigens: Tankstellen sind in Konstanz unterrepräsentiert. Kreuzlingen kann sich dagegen kaum davor retten .Die Moral von der Geschichte: die Schweizer sind auch nicht immer so erfreut, wenn sie an der Tankstelle auf die vielen Deutschen warten müssen, die die vergleichsweise immer noch günstigen Spritpreise ausnützen! Das als Wort zum bereits begonnen Sonntag!

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