Northland: Tag 3

Nun ist Tag 3 dran, der für mich an einem Samstagmorgen in aller Frühe begann. Gegen 8 Uhr verließ ich meine Herberge frohen Mutes gen Norden und erreichte nach knapp 40 Minuten Fahrt das Örtchen Awanui nördlich von Kaitaia, durch das der State Highway 1 in den Hohen Norden führt. Bei der örtlichen Tankstelle fragte ich, ob der Weg zum Cape Reinga denn wieder geöffnet sei, was mir natürlich nur die Frage einbrachte, warum der denn verschlossen wäre… Am Ende hieß es dann aber ja.

Nach wenigen Metern stellte es sich aber anscheinend als Nein heraus. Ein dickes Schild kurz nach Awanui sprach eine klare Sprache: „Road closed“, in 60km darunter stehend.

Sollte es das wirklich gewesen sein? Cape Reinga und die anderen Attraktionen der Nordspitze Neuseelands nicht zu sehen? Noch einmal hätte ich den Weg nach dort oben nicht gemacht. So fuhr ich ziemlich frustriert nach Kaitaia, das ja eh auf den Weg in den Süden lag, den ich an jenem Tag noch möglichst gut erkunden wollte.

Doch weil die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, steuerte ich das Informationszentrum in Kaitaia an, wo mir die Dame am Tresen versicherte, dass die Straße wieder geöffnet sei. Sie rief wegen meinem Hinweis auf das Schild auch gleich die zuständige Stelle an, dass man das doch entfernen müsse.

Als ich jedoch die 10km wieder nördlich war, stand das Schild zumindest immer noch. Doch ich wusste es ja besser und nahm wie am Vortag den langen Weg auf mich. Jedoch nur teilweise auf dem State Highway 1, wie am vorigen Tag konnte ich nicht widerstehen, die Teilstrecke der Ninety Mile Beach zu absolvieren. Darüber hatte ich ja bereits ausführlich geschrieben, eine Begebenheit muss ich jedoch erzählen.

Aus jugendlichen Übermut hielt ich mich nämlich in Nähe des Meeres, im Bereich, wo manch Welle mal hinschwappen könnte. Und so geschah es auch: eine größere Welle kam ganz schön schnell angebrandet, ich fuhr nicht schnell genug zur Seite und damit ordentlich durch das heranfließende Wasser. Hat ziemlich gespritzt und geknallt, ist aber zum Glück nichts passiert. Den Rest des Trips habe ich dann lieber wieder in der Mitte des Strandes verbracht. Vom Strand habe ich mich nach den 20km dort jedoch immer noch nicht, es gab ja noch eine Rückfahrt 😉

Zurück auf den State Highway 1 ging es jedenfalls die schon bekannte Strecke durch die grüne, oft auch bewaldete Landschaft. Die Aupouri Peninsula ist nämlich zu zwei Drittel von forstwirtschaftlich genutzten Wald bedeckt. Irgendwann kam ich dann auch dort an, wo ich am Vortag noch umkehren musste.

Dort traf es mich dann wie ein Schlag und ich dachte, ich müsste schon wieder umkehren. Zum Glück dachte ich das nur. „Road closed“-Schilder standen dort noch, Bauarbeiter und Fahrzeuge waren zu sehen und die Brücke sah nicht grade heile aus. Die Arbeiter winkten mich jedoch durch und eine Frau erklärte mir, ich könnte durch eine Furt fahren.Den Fluss neben der Brücke hatte man nämlich trotz Hochwassers mit allerlei Geröll aufgefüllt, sodass man eine nicht allzutiefe Furt gut mit dem Auto durchqueren konnte. Einen matschigen Abhang hinunter, durch 20-30cm tiefes Wasser und den Abhang wieder hoch – schon war ich auf der anderen Seite und konnte meine Reise an die Nordspitze fortsetzen.

Schon bald änderte sich die Landschaft, es wurde zunehmend hügliger, ein Anzeichen, dass Ende Neuseelands sei bald erreicht. Die anderen Sehenswürdigkeiten im Norden ignorierte ich, die wollte ich mir für den Rückweg aufsparen. Daher stoppte ich vor dem Cape Reinga auch nur bei einem Aussichtspunkt, von dem man jedoch einen guten Blick über die zerklüftete Landschaft bis zu den Te Paki Sanddunes hatte, riesige Sanddünen auf die ich später noch ausführlich zu sprechen komme.

Dort beim Aussichtspunkt passierte es dann natürlich auch mal wieder: ich kann mir ja zugute halten, in keinen wirklichen Unfall verwickelt gewesen zu sein hier in Neuseeland. Mein Fahrzeug ist trotzdem von lauter Macken gezeichnet, die fast alle beim Parken entstehen, nämlich wegen irgendwelcher blöden Pfeiler. Statt rechtzeitig zu stoppen, justiere ich mein Fahrzeug immer möglichst nah – und crashe dann diese Pfeiler. Dort am Aussichtspunkt war das Pech, dass ich zwei nebeneinander stehende Pfeiler auf gleicher Höhe sah, wobei der eine tatsächlich 10cm näher war als der andere.

Gab also einen lauten Knall und – ach du Schreck – meinen Blinker hatte es mal wieder getroffen. Nicht den, den ich grade ersetzt hatte wegen eines ähnlichen Vorfalls, sondern den auf der anderen Seite, der aber eh seit Anfang des Jahres nicht mehr funktionierte. Weil ich ihn nicht nochmal ganz verlieren wollte, griff ich zu Tesa-Band und verklebte die ganze Rolle an Blinker und Stoßstange. Das ganze sieht nicht grade toll aus, das Ergebnis stimmt aber. Trotz Massen an Regen und so weiter, hält diese Reparatur immernoch und wird es hoffentlich auch noch weiter tun…

Nach dem Aussichtspunkt war das Cape Reinga dann nicht mehr fern. Dort angekommen konnte ich dann den quasi modernsten Besucherparkplatz Neuseelands sehen, mit solch großzügigem Toilettenhäuschen, das man an der nördlichsten Stelle nicht unbedingt erwartet hätte.

Vom Parkplatz führte dann noch ein großer, aspahltierter Fußweg, gesäumt von Erklärtafeln zum Cape Reinga, auf das man den Weg hinunter bereits einen tollen Blick hatte. Man sah einen großen grünen Hügel, den Weg, der sich an dessen rechten Seite hinwegschlängelte, zu einem weißen Leuchtturm, der kurz vor dem umtosten Ozean stand. Rechts davon ein ins Meer ragender Felsen, das eigentliche Cape Reinga, mit dem heiligen Baum der Maori.

Auf jenen Felsen steht nämlich, wie auch immer er es schafft, ein garnicht so kleiner Baum, direkt an der Steilwand Wurzeln schlagend. Der Baum ist eine Art der Pohutukawa-Gewächse, entgegen seinen Artgenossen hat er jedoch nie rote Blüten getragen. Das er diesen wiedrigen Bedingungen dort seit mehreren Hundert Jahren trotzt ist trotzdem ein Wunder, weshalb er auch den Maori heilig ist. Te Aroha – die Liebe – nennen sie ihn. Für die Maori markiert das Cape Reinga das Tor zur Unterwelt, wo die verstorbenen Seelen durch die Wurzeln des Baumes ins Meer kommen. Kein schlechter Ort dafür.

Der pittoreske Leuchtturm sorgt dafür, dass keine Schiffe die quasi Nordspitze crashen bzw.  wissen, endlich Neuseeland gefunden zu haben. Quasi Nordspitze sage ich, da Cape Reinga nicht wirklich die Nordspitze Neuseelands ist. Die 30km weiter östlich gelegenen Surville Cliffs sind 200m weiter nördlicher, zu ihnen kommt man jedoch nur mit Geländewagen und viel Abenteuerlust.

Dann doch lieber den State Highway 1, der am Cape Reinga endet bzw. seinen Anfang findet. Ich fühlte mich an den Hügel in Bluff erinnert, der quasi Südspitze Neuseelands, wo der State Highway ebenfalls beginnt bzw. endet. An beiden Punkten war ich, sie sind etwa 1800km voneinander entfernt. Den Highway zwischen beiden habe ich weitgehend befahren. Neuseeland ist schon ganz schön groß, und ich habe doch soviel gesehen. Der obligatorische Wegweiser durfte dort natürlich nicht fehlen: knapp 18000 km sind es nach London – ich hätte also bereits locker nach Hause fahren können wenn ich mir das Odometer meines Fahrzeuges anschaue (und Jesus wäre…).

Am Cape Reinga kann man auch gut das Zusammentreffer zweier „Meere“ beobachten, der Tasmanischen See und des Pazifik nämlich. Natürlich kann man keine bestimmte Grenze ziehen, ist ja schließlich beides Wasser, doch an einer Stelle nicht allzu weit vom Cape Reinga entfernt sieht man viele Stromschnellen im Wasser, was daher kommt, wenn man genau schaut, dass Wellen sud zwei verschiedenen Richtungen hier aufeinanderprallen. Ein durchaus interessantes Schauspiel. Berichten nach soll es bei stürmischer See hier 10m hohe Wellen geben, von denen blie ich an jenem Tag jedoch verschont. Ich machte viele Fotos, genoß die Aussicht und erklomm noch den Hügel nebenan – eine ganz schön anstrengende Tätigkeit, die jedoch mit noch besserem Blick belohnt wurde. Grade von hier hatte man einen schönen Blick auf dam im West gelegene Kap Maria von Diemen, benannt von Cook nach der Frau eines ostindischen Gouverneurs. Das Cape Maria van Diemen ist übrigens auch der westlichste Punkt der gesamten Nordinsel und ein schöner Anblick. Große Sanddünen und dem Kap zwei vorgelagerte kleine Inseln.

Mehr kann und möchte ich zum Cape Reinga jetzt eigentlich nichts mehr sagen. Wir sind schließlich noch längst nicht am Ende…

Auf der Rückfahrt von Cape Reinga nahm ich nämlich natürlich noch jede so kleine Bucht oder Sehenswürdigkeit mit, was mich nach einem Trip über Schotterpisten zuerst in die idyllische Tapotapu-Bay führte, einer dem Cape Reinga benachbarten Bucht. Ein paar Fotos und dann ging es schon wieder weiter. Das selbe auch in der bereits weiter westlich gelegenen Spirits Bay, wohin ich immerhin 15km Schotterpiste zurücklegen musste. Ein kleiner Abstecher führte mich auch noch zu einer kleinen Siedlung am Parengarenga Harbour, dem nördlichsten Naturhafen Neuseelands an der Ostseite der Aupouri-Peninsula. Das Örtchen darf sich wohl auch als nördlichster dauerhaft bewohnter Ort Neuseelands fühlen. Auch hier gab es ein paar Fotos, sonst aber nicht vielmehr.

Das noch wirklich interessante Ziel sind die Te Paki Sand Dunes, riesige Sanddünen, die in die Ninety Mile Beach übergehen. Die Schotterpiste zum dortigen Parkplatz führend ist auch die letzte Auffahrtsroute für die Ninety Mile Beach, die allerdings nur für Geländefahrzeuge geeignet ist. Man muss nämlich einige Zeit lang im Flussbett des Te Paki Flusses fahren, der durchaus 30-40cm tief ist. Zudem herrscht dort auch noch Treibsand, was schon einen Tribut an vielen Autos geforder hat. Der eine Geländewagen, den ich dabei zusah, hat es aber wohl zum Strand geschafft, hat jedoch ordentlich gespritzt.

Den Fluss muss man auch durchqueren, wenn man dorthin will, weshalb man eigentlich dort hingekommen ist, nämlich die riesigen Sanddünen. Ich zog mit also Schuhe und Socken aus, durchwatete das Flüsschen und fand mich direkt der riesigen Düne gegenüber, die 15m vor mir in die Höhe ragte. Die hieß es erstmal zu erklimmen. Oben angekommen war dann eine riesige Landschaft aus puren Sand vor mir ausgebreitet. Wirklich nichts als Sand und noch höhere Dünen. Ich fühlte mich bereits wie in der Wüste, ein Eindruck, der sich später noch fester bestätigen sollte. Ich stapfte durch das Sandfeld zur nächsten steilen, hohen Düne, auf die der Aufstieg wirklich eine Qual war. Dabei habe ich noch gewisser Weise Glück gehabt, der andauernde Regen gab den Sand nämlich einen angenehmen Halt, war allerdings schlecht für die Sandboarder. Richtig gehört – aus Ermangelung an Schnee wird in diesen Teilen des Landes Sandboard gefahren. Die Bretter kann man sich überall in der Umgebung ausleihen, man muss nur selbst die Dünen hochstapfen, um dann wieder mit den Sandboards runterzurutschen. Bei den Leuten, die eins dabei hatten, wollte das jedoch nicht klappen. Der nasse Sand verhinderte nämlich das Rutschen. Der Regen bzw. die dunkelgrauen Wolken verhinderten denn auch echtes Wüstenfeeling – ein Wüstenbewohner hätte sich im Gegensatz zu mir wohl sehr drauf gefreut.

Als ich die bereits erwähnte steile, hohe Düne erklommen hatte, hatte ich einen wahnsinnigen Ausblick über die weitläufige Dünenlandschaft bis zum Meer und dem eigentlichen Ninety Mile Beach. Auf der anderen Seite der Wald der Aupouri Peninsula und im Norden der Blick auf die zerklüfteten Hügel der Nordspitze.

Allzu lang sollte ich es dort oben jedoch nicht aushalten. Wer in Neuseeland Wüstenfeeling erleben will, sollte nicht zögern, dort hinzukommen. Die einzige Wüsten den Namen nach ist ein quasi nicht bewachsenes Gebiet rund um die drei Vulkane im Tongariro-Gebiet, hat jedoch nicht wirklich das, was man sich unter einer Wüste vorstellt – nämlich Sand. Und demnach auch keine Sandstürme. Sandstürme boten die Te Paki Dünen jedoch. Da ich am höchsten Punkt war fegte der Wind den Sand nur über die Sandlandschaft. Man kann es ziemlich gut sehen und hören, habe ein paar Videos gedreht und natürlich auch Fotos gemacht. Schnell setzte sich der feinkörnige Sand auf meine Haut und Kleidung, ja sogar im geschlossenen Mund konnte ich schon die Sandkörner schmecken. Um mich zu schützen setzte ich mir die Kapuze der Regenjacke auf, holte die wegen schlechten Wetters nicht benutzte Sonnenbrille hervor, schützte Mund und Nase mit der Kapuze des Pullovers und ging rückwärts die Dünen wieder hinunter. Hat ganz schön wehgetan, diese Sandkorntorpedos abzukriegen. Aber ich hab es überlebt und kann mich nun rühmen, tatsächlich in einen Sandsturm geraten zu sein. Der Weg die Dünen hinunter war natürlich weitaus angenehmer als hinauf. Obwohl sehr steil, bin ich einfach hinunter gelaufen. Macht ziemlich Spaß…

Das dazu, allzu viel habe ich jetzt nicht mehr zu erzählen. Ich kehrte noch in Neuseelands nördlichst gelegenem Shop,Restaurant, Unterkunft, Tankstelle und Co. ein. genehmigte mir ein leckeres Eis und fuhr dann wieder nach Süden. Ein letztes Mal nahm ich die Etappe über die Ninety Mile Beach und genoss jeden Meter. Es ist wunderbar auf Sand zu fahren – ich vermisse es bereits jetzt.

Die Nacht sollte ich in Ahipara verbringen, wie man sich vielleicht erinnert ja eigentlich als Ziel für die erste Nacht geplant. Ich hatte dort auch Glück, das letzte freie Bett zu bekommen, genoss eine heiße Dusche und widmete mich mal wieder meinem Buch. Abendessen gab es bereits vorher in Kaitaia.

An nächsten Morgen sollte ich einer Region aufwachen, die einen Tag auf Strom und Wasser verzichten musste. Doch dazu das nächste Mal.

Hier noch die vielen schönen Bilder vom „Top of the North“!!!

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