Das Tongariro-Abenteuer!

Wellington bleibt nach wie vor außen vor, ich berichte Euch besser über meinen heutigen Tag. Eigentlich sollt ich ihn besser verschweigen, ich habe nämlich ziemlich viele ziemlich falsche Entscheidungen getroffen. Um es kurz zu machen: ich habe das Tongariro Crossing nicht beendet. Nur ca. 1/3 davon gemacht, dafür aber den Mt Ngauraheo bestiegen und einen sehr ungemütlichen Abstieg erlebt.

Aber alles der Reihe nach: los ging es für mich mit dem Aufstehen um 7 Uhr, um 8 kam nämlich schon der Shuttlebus vorgefahren, der mich zum Start (oder Ziel; für fast alle aber Start) brachte, ca. 20km entfernt von meinem Aufenthaltsort. Ich fragte noch, ob es möglich sei, sowohl das Tongariro Crossing als auch den Mt Ngauraheo zu machen innerhalb von 8 Stunden – um 16.30 hätte mich nämlich der Shuttlebus am Zielpunkt abgeholt.

Für sehr fitte Personen sei das wohl möglich, und zu denen habe ich mich natürlich gezählt. Man braucht ja auch weder Muskeln noch Kondition zum Wandern, sondern eher einen starken Willen. Eigentlich muss man laut Schildern aber bereits 7-8 Stunden für das Crossing zählen, und der Ngaurehoe-Trip sind zusätzliche 3 Stunden, wenn man es denn richtig macht.

Es ging jedenfalls dann um 8.30 los, zusammen mit ziemlich vielen andern Wanderern, darunter sogar Familien mit kleineren Kindern. Aufgrund meiner langen Beine und meiner recht hohen Schrittfrequenz habe ich die alle, nachdem ich etwas später startete, relativ schnell wieder hinter mir gelassen.

Es ging erst noch über die Ebene, bis es dann irgendwann sachte anstieg. Nach einer Stunde merkte ich schon, dass mein pochendes Herz meine Ausdauer zum Ende brachte. Aber dadurch warm geworden und ausgeruht durch eine Pause konnte ich dann den schon etwas schwierigeren Abschnitt des Tracks angehen. Der wird „Devils Staircase“ (Treppe des Teufels) genannt, und tatsächlich sind es etliche Treppenstufen und ingesamt über 200 Höhenmeter. Ich habe immer noch weitere Wanderer überholt, und stand dann auch bereits nach 1 1/2 Stunden an der „Wegscheide“. Laut Schildern braucht man normalerweise 2 1/2 Stunden dort hin. „Wegscheide“ bedeutet, hier geht die Abzweigung zum Mt Ngaurahoe, dem Schicksalsberg, hoch.

Da ich ja ziemlich schnell war und mich noch einigermaßen fit fühlte, achte ich ernsthaft drüber nach, den Berg zu besteigen. Dazu war das Wetter noch einigermaßen gut und recht viele andere wollten es auch versuchen.

Dort, nach 6,4 Kilometern, war ich bereits am Ende meines „Tongariro Crossings“ angekommen. Daran habe ich zu diesen Zeitpunkt noch nicht gedacht, sondern voller Zuversicht den Vulkan in Angriff genommen, immerhin 600 zusätzliche Höhenmeter! Habe mich gestern nämlich vertan, der Vulkan ist knapp 2300m hoch!

Erst war der Aufstieg noch recht leicht, aber bald begann der Boden nur noch aus äußerst rutschigem Kies und schwarzer Vulkanasche zu bestehen, was den Aufstieg extrem langwierig und anstrengend machte. Nicht nur einmal rutschte ich aus und fiel hin, die Hände auf die spitzen Steine.

Der Aufstieg zum Schicksalsberg ist darüber hinaus nicht markiert, es gibt keine einzige Route, sondern man muss sich selbst seinen Weg hinaufbahnen. Ich war aber zumindest halbwegs richtig, weil ich überholt wurde und andere mir folgten – und die Absteiger nur 10m von mir den Berg herunterrutschten, dazu später mehr. Einmal kam die laute Warnung „Rock“ – und tatsächlich kam ein Stein von etwa einen halben Meter Durchmesser angeschossen und verfehlte mich nur um knapp 10 Meter. Kleinere Steine rutschen eh öfters mal hinab. Der Aufstieg wurde immer anstrengender und anstrengender – ich weiß jetzt genau, wie sich Frodo und Sam gefühlt haben müssen, als sie hinaufgestiegen sind. Als ich noch vielleicht 400 Höhenmeter vor mir hatte, machte ich alle 5 Minuten eine kleine Pause, die letzten 200 Höhenmeter alle 3 Minuten und die letzten 100 Meter fast jede Minute eine kleine Pause. Es war so anstrengend, das könnt ihr Euch nicht vorstellen. Nicht wirklich für Herz und Lunge, die waren mittlerweile auf Betriebstemperatur. Die Beine waren zwar schon schwer, aber noch voll funktionstüchtig. Und mein Wille hat jeden Gedanken an Rückkehr sofort zurückgewiesen.

Das Schwierige ist, wie schon gesagt, dieser extrem rutschige Untergrund, wo man oft auf allen Vieren krabbeln muss oder zumindest extrem gebückt, dazu sich ständig an oft losen Felsen festhalten usw.

Am Anfang war ich noch oft mitten in Wolken und konnte nur 10m sehen, je weiter ich hochkam, desto mehr hat es aber aufgeklart. Hatte irgendwann dann schon einen großartigen Blick ins Tal und den Weg, den ich schon zurückgelegt habe. Und aud diejenigen, die bereits oben waren und wieder runter mussten. Der rutschige Untergrund macht das, je nachdem, wie mans nimmt, ziemlich leicht oder ziemlich schwer. Die meisten fuhren, fast wie auf Skiern, den Geröllabhang hinab, natürlich langsam, aber effektiv. Manch einer kam mir auch entgegen und hielt sich an die Felsen.Einer kam mir von oben entgegen und meinte, er sei grade vor 3 Minuten oben gestartet. Tja, schade, ich brauchte noch über eine Stunde hoch…

Irgendwann war ich dann auch tatsächlich oben, nach etwas mehr als 2 Stunden, aber noch im Zeitrahmen, da der Abstieg ja eigentlich recht schnell gehen kann. Bin dann einmal um den Krater gelaufen (leider nur fast) und habe unzählige Fotos davon gemacht, genauso wie von der ganzen umgebenden Landschaft, die teilweise in den Wolken lag, teilweise aber frei lag. So konnte ich immerhin ein wenig vom Lake Taupo im Norden sehen, und im Westen bis zum Mt Taranaki blicken, einen noch größeren Vulkan ca. 100km entfernt, zu dem ich mich in den nächsten Tagen noch begeben werde. Allerdings nicht besteigen – man kann ihn ohne Klettererfahrung besteigen, ist aber unklug, hat die höchste Todesrate von neuseeländischen Bergen deshalb. Werde wenn es Zeit ist, dann noch etwas mehr Wissenswertes drüber schreiben. Den Ring ins Feuer geworfen habe ich aber nicht – weder Ring noch Feuer vorhanden. Und es wäre ja Umweltverschmutzung gewesen – zumal sämtlicher Müll im dortigen Nationalpark (es ist nämlich alles Nationalpark) ohnehin geahndet wird.

Der Ngauraheo-Vulkan ist an sich eher unspektakulär. Wer schon mal in den Krater des Vesuvs schauen durfte, weiß was ich meine. Es ging ein wenig hinab, aber weder hinausquellende Dämpfe, Magma oder seismische Aktivitäten. Aus kleineren Nebengipfeln stieg aber regelmässig Rauch auf, so ist nicht. Lag sogar noch ein bisschen Schnee in der Umgebung, berürt habe ich ihn jedoch nicht, weil er zu weit außerhalb war.

Irgendwann wollte ich dann den Berg natürlich auch wieder hinabsteigen – es war mittlerweile fast 12 Uhr und ich wollte ja noch das Crossing beenden. Also habe ich mich an den Abstieg gemacht – und eine folgenschwere Fehlentscheidung getroffen. Ich dachte, ich wär einmal um den Krater herum, war ich aber nicht, nur fast. Weil es ganz gut aussah und der Boden dem ähnelte, wo ich all die Leute runterrutschen sah, schlug auch ich diesen Weg ein. Das habe ich bitter bereut! War ja auch nicht der richtige. Wie gesagt, nirgendswo eine Markierung, insofern nicht so einfach den richtigen Abstieg wiederzufinden. Es ging also runter, und es wurde gleich ziemlich rutschig. Fast zu steil, um sicher mit beiden Füßen runterzurutschen. Ich setzte mich also hin und fuhr wie beim Schlitten fahren den Hang hinunter. Allerdings extrem langsam – und es war extrem schmerzhaft, wenn mein Hinterteil über al die kleinen und großen, harten und spitzen Steine hinwegglitt. Es ist also, im wahrsten Sinne des Wortes, in die Hose gegangen.

Irgendwann habe ich dann auch bemerkt, dass ich falsch war und eine weitere Fehlentscheidung getroffen. Zurück konnte und wollte ich eh nicht mehr, das hätte viel zu viel Zeit und Kraft gekostet. Doch statt mich rechts zu halten, bin ich immer weiter nach links, also in die falsche Richtung, abgedriftet. Unten(500m tiefer) war nämlich der Weg, auf den ich wieder zusteuerte., allerdings der Weg, der noch garnicht die „Devils Staircase“ hochging bzw. grade das erste Stück. Daran dachte ich aber natürlich nicht.

Immer weiter ging es also nach unten, mal schmerzhaft auf dem Hinterteil, mal auf beiden Füßen, wo ich auch nicht nur einmal wieder hingeplumpst bin. Nach einiger Zeit hatte ich nicht nur Blutungen an den Händen und Fingern und ein mittlerweile ziemlich mitgenommens, gezerrtes, kaum bewegbares linkes Bein,sondern auch eine total zerfetzte Hose. Eigene Blödheit – aber was hätte ich machen sollen? Auf dem Berg verhungern oder erfrieren wollte ich nicht.

Ich war wirklich richtig froh den Weg wieder zu erreichen, Angst hatte ich nicht wirklich – das ich das Tongariro Crossing abblasen könne wurde mir bald aber ziemlich deutlich. Ingesamt hat der Abstieg nämlich nicht die veranschlagte halbe Stunde, sondern knappe 4 Stunden gedauert. Völlig allein den einsamen, rutschigen Abhang hinab. Zwischendurch musste ich auch mal über Felder mit größerem Geröll steigen zur Abwechslung, oder hatte auch mal so etwas wie einen angenehmeren Pfad. Bin aber immer weiter nach links abgedriftet und konnte schon bald den Weg garnicht mehr sehen. Dann habe ich mich versucht rechts zu halten, und kam irgendwann auch auf den Weg an, allerdings gut 3km und 200 Höhenmeter tiefer von der Stelle, wo ich gestartet war – und wohin ich auch eigentlich zurückkehren wollte.Jetzt dort nochmal hochzusteigen und das Crossing zu beginnen. wäre wohl eine weitere, ziemlich tragishe Fehlentscheidung gewesen. Hätte nämlich bestimmt nochmal 5 Stunden gedauert.

Ud es war schon 15.30 und den Shuttle am Ende hätte ich natürlich verpasst. Da stellte sich natürlich auch die Frage, wie ich vom Start wieder wegkommen sollte. Hitchhiken bzw. Trampen auf Deutsch wollte ich nur sehr ungern, ganz zu schweigen das uns das verboten ist 😉

Habe mich aber bei dem Shuttle gemeldet, dass ich ihn am Ende verpasse, und wurde freundlicherweise ohne Zusatzkosten am Start abgeholt (der Shuttle war von meinem Backpackers).

Das war also das Tongariro Crossing – das gescheiterte! Aber immerhin habe ich ja den Schicksalsberg, Mount Doom alias Mt Ngaurahoe bezwungen und das ganze überlebt. Das Crossing an sich werde ich möglicherweise – ohne Abstecher zum Vlkan hoch, noch einmal angehen. Die wirklich tollen Stellen habe ich nämlich verpasst – verfärbte Seen, dampfende Krater und so weiter. Ich war nämlich schon an der höchsten Stelle des Crossings angekommen, als ich den Mt Ngaurahoe besteigen wollte – von dort ging es nur noch diese Hochebene entlang bzw. wieder runter. So anstrengend ist das also nicht. Laut meinem Abholfahrer ist es auch noch bis Ende April möglich – oder sogar später, solange noch kein Schnee liegt. Ich möchte also nicht ausschließen, es noch zu machen, dann vollständig…

Aber die Geschichte ist noch nicht zuende, ich möchte Euch alle meine Mißgeschicke offenbaren. Als ich nach etwas Warten nämlich abgeholt wurde, habe ich natürlich meinen Rucksack gegriffen und bin ins Auto gestiegen. Bloß waren auf diesem Kamera und Sonnenbrille positoniert und fielen runter. Und ich merkte es natürlich nicht und kam erst drauf, als wir nach knapp einer halben Stunde kurz vor Natinal Park Village (ja, so heisst das) waren. Habe mir dann rasant eine neue Hose angezogen (die Wanderhose wird eingerahmt und als mahnende Lehre irgendwo hingehängt, wenn man sie nicht flicken kann…) und bin noch rasanter wieder zum Ausgangspunkt des Crossings gerast. Mir kamen einige Autos entgegen, doch die Sonnenbrille und Kamera hatte – nach gut einer Stunde am Straßenrand, zum Glück noch keiner gesehen bzw. mitgenommen. Das wär auch richtig bitter gewesen, dann könnte ich Euch nämlich nicht die vielen, tollen Fotos zeigen, die ich gemacht habe, wenn auch nicht soviele und tolle wie gehofft. Aber vielleicht noch ein anderes mal.

So, machen wir jetzt langsam Schluss. Morgen geht es erst nördlich nach Taumaranui und dann über die „Forgotten World Highway“ südwestlich an die Küste zurück, wo ich dann den „Surf Highway“ bis nach New Plymouth fahren werde. Das Meer, wo es entlang geht, ist nämlih prädestiniert für Surfer, daher der Name. Dort werde ich dann auch schon die ganze Zeit einen schönen Blick auf schon erwähnten Mt Taranaki (oder auch Mt Egmont genannt) haben und viele andere tolle Sachen sehen. Bloß noch die Nacht mit den komischen Deutschen in meinen Zimmern überstehen – ich weiß echt nicht, wie ich es nach Heimkehr in Deutschland noch aushalten soll…

Mir geht es jedenfalls wieder bestens, macht Euch keine Sorgen (und werdet nicht übel…),  ich pass auf mich auf.Das ganze klingt zwar gefährlich, war es zugegeben auch, aber es war ja nur Donnerstag, der 13te ,und nicht Freitag.

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