Die Arbeit in der Schule

Nun ist es Zeit, sich einmal dem Thema zu widmen, weswegen ich eigentlich hier bin.

Es mag für viele jetzt überraschend kommen, aber ich habe schon knapp die Hälfte meiner Zeit hier rum. Wenn ich aus dem Urlaub wiederkomme sind es nur noch 10 Wochen, allerdings nicht zum Heimflug, der ist nämlich, frisch umgebucht, am 17.07.11. Am 18.7 darf ich dann wieder meine Füsse auf germanischen Boden setzen.

Das ICJA-Programm hier in Neuseeland sieht nämlich vor, jeweil knapp 5 Monate in 2 unterschiedlichen Projekten zu arbeiten. Ich könnte zwar auch sicherlich hier bleiben, ein Perspektivenwechsel ist aber sicher auch sinnvoll. Einhergehend mit einem Projekt auf der Nordinsel kann ich dann auch dort noch in Wochenendtripps die schönen Seiten erkunden, für die in der Reisezeit vielleicht keine Zeit bleibt.

Das ganze soll jetzt natürlich nicht heißen, dass mein Projekt schlecht ist. Mir gefällt es nach wie vor super hier.

Ich arbeite vor allem in der Primary School. Kurz vorweg noch ein paar Worte zum Grundschulsystem hier, ob das so stimmt weiß ich aber nicht (hoffe es ist, halbwegs verständlich). Die Kinder werden grundsätzlich eingeschult, sobald sie 5 Jahre alt sind. Das heisst, ihr erster Schultag ist also auch ihr 5. Geburtstag. Es gibt keine Klassen mit Klassenlehrern wie in Deutschland, sondern Raumlehrer.

Es gibt Raum 2 (Klasse 1/2), Raum 1  Klasse (2/3), Raum 6 (Klasse 3/4) und Raum 5 (Klasse 4/5). Was Euch also sicher auffällt, 2 Jahrgangsstufen pro Klasse. Die Kinder werden in Raum 2 eingeschult und springen dann, wenn der Raumlehrer sie als weit genug fortgeschritten empfindet, in den nächsten Raum. So können gute Schüler schon bspsw. nach einem halben Jahr wechseln, während schwächere Schüler auch 1 1/2 Jahre brauchen können – Sitzen bleiben kann man in diesem System ja nicht. So wechseln konkret zum Term 4 (nach den Ferien) mehrere Kinder von Raum 2 zu 1 (wobei ich nicht weiß, wie lange sie dort schon sind)

Grade die schwächeren Kinder werden hier intensiv gefördert. Manche werden sogar zeitlich länger gefördert als sie wirklich im Unterricht sind. Dort setzt auch eine meiner Aufgaben an. Ich helfe nämlich einer Schülerin aus Raum 1 beim Schreiben und Rechnen. Sie hat, gelinde gesagt, Konzentrationsprobleme und es ist hart, sie auf die Aufgaben zu fokussieren. Ingesamt arbeite ich 5 Stunden die Woche mit ihr. Am Anfang machen wir meist kleine Gedächtnisspiele (ich sage Zahlenfolgen, die sie nachsagen muss; das berühmte „Koffer-Pack-Spiel“; Gegenstandsfolgen raten, u.a.). Dann folgt das Schreiben. Eine Seite mit 8 Zeilen müssen geschrieben werden. Das sind dann einfache Stories über Katzen, Hunde, Dinosaurier oder über das, was sie am Wochenende überlebt hat (uvm). Damit sind wir auch meist eine ganze Stunde beschäftigt, da sie oft abgelenkt ist oder nicht weiß, was sie schreiben soll, trotz der vielen Ideen, die ich ihr nahelege. Außerdem muss ich ständig korrigieren oder Wörter buchstabieren, meist sieht das Heft sehr „untidy“ aus. Es ist interessant zu sehen, wie englichsprachige Kinder Wörter falsch schreiben. Im Deutschen liegt man oft richtig, indem man schreibt, wie man spricht. Im Englischen geht das aber fast garnicht.

Manchmal frage ich sie auch Vokabeln ab (sowas wie „when“ oder „at“). Wenn dann noch Zeit ist, rechne ich mit ihr, was ihr deutlich leichter fällt. Auf eine Handtafel schreibe ich Additionen im Zahlenbereich bis 20, die sie dann löst.

Falls die Perioden mit ihr noch nicht rum sind danach, helfe ich den anderen Kindern im Raum 1 und/oder beobachte den Unterricht. Kein Frontalunterricht, sondern die Kinder sind immer in verschiedenen Gruppen, manche am Computer, manche spielen Spiele, manche lesen. manche werden vom Lehrer unterrichtet. Das bringt auf jeden Fall etwas.

So ausführlich möchte ich die andere Arbeit jetzt nich beschreiben. daher kurz: in Raum 2 lese ich mit den Kleinen, helfe Ihnen beim Kleben oder Schneiden oder allen möglichen anderen Dingen oder sortiere deren Bücher in die Grundschulbücherei ein. Einmal die Woche ist auch Tanzunterricht, in der ich die Musik bediene 😀

In Raum 6 lasse ich mir ebenfalls Bücher vorlesen und stelle Fragen dazu. Darüber hinaus gehe ich oft rum, beantworte Fragen und korrigiere frisch bearbeite Aufgaben. Selbiges auch in Raum 5. Dazu kommen noch viele andere  Sachen, die aufgrund ihrer Vielfalt schwer aufzuzählen sind.

In den Pausen muss ich oft „duty“ machen, sprich Pausenaufsicht. Ich wandel über den (Grund-)Schulhof und passe auf, dass die Kleinen keinen Blödsinn machen. Ich unterhalte mich mit ihnen, beantworte geduldig immerwiederkehrende Fragen zu meiner Größe, gebe ihnen „High-Five“, jongliere einen Fussball 30-mal und lasse mich als Fussballgott feiern oder schicke Sie zum Spielen, wenn sie brav ihr Butterbrot aufgegessen haben. Außerdem tröste ich bei kleineren (seelischen) Verletzungen und bestrafe Übeltäter, die sie teilweise verursachen. Dazu muss man sagen, dass die Kinder hier einerseits sehr diszipliniert sind, andererseits aber auch sehr wehleidig. Raufereien sind hier die absolute Ausnahme, man hört auch kaum „böse Wörter“. Die Kinder kommen teilweise heulend angelaufen, wenn jemand „Loser“ sagt oder jemand nicht mit ihnen spielen will. Meist lässt sich die Trauer aber schnell mindern, indem ich mit den Kindern zu den Übeltätern hingehe und mit ihnen über den Tathergang diskutiere (2 Meinungen prallen aufeinander, danach haben sich trotzdem alle wieder lieb). Das muss ich insgesamt 7-mal die Woche  jeweils 20 Minuten machen, darf mir danach aber zusätzlich 20 Minuten frei nehmen.

Arbeit außerhalb der Grundschule habe ich dann auch noch. Jeden Tag die vierte Stunde sitze ich in der Bücherei und vertrete deren Leiterin in ihrer Mittagspause (in der sie trotzdem immer anwesend ist). Teilweise räume ich Bücher ein, eigentlich sitze ich aber nur rum und lese Bücher und falls jemand ein Buch ausleihen will, leihe ich ihm das aus (in den Computer einscannen und abstempeln).  So habe ich schon ein interessantes Buch über Wölfe und ein Mann, der mit ihnen lebt, gelesen. genauso wie einen Grishham-Roman und aktuell, als Einklang auf den Urlaub, die LOTR-Trilogie. Auf Englisch natürlich, was mich sprachmässig ziemlich weiterbringt. Das tut aber auch die sonstige Arbeit wie Hefte korrigieren und mir Bücher vorlesen lassen; unbekannte Wörter, die sich mir im Zusammenhang erschließen und in meinem Gedächtnis verankert bleiben.

Dann gibt es da noch die Arbeit mit  einem älteren, lernschwachen Schüler, was immer eine ziemliche Qual ist, weil er keine Lust hat. Eigentlich soll ich mit ihm eine Stunde pro Tag Aufgaben machen. Seine akute Lustlosigkeit hat ihn aber die letzten 2 Wochen von der Schule ferngehalten (Schwänzen könnte man sagen), worüber ich auch nicht böse bin. Stattdessen arbeite ich dann lieber mit den Grundschulkindern.

Ab und an stehen auch noch andere Aufgaben an: so mache ich Spaziergänge mit einem älteren Jungen, der schon sein ganzes Leben im Rollstuhl sitzt, aber noch gehen kann. Das trainiere ich mit ihm, er geht in einem Laufwagen und wir gehen über das Schulgelände. Heute immerhin ganze 30 Minuten lang, neuer Rekord. Dabei muss ich mich ständig dran erinnern, nicht so schnell zu sein (ich mach 1 Schritt, wenn er 10 macht). Aber wir verstehen uns super, unterhalten uns und nach getanem Spaziergang bringe ich ihm Schach bei oder wir chillen irgendwo.

Das ist so die Hauptarbeit, dazu kommen immer noch ganz nette andere Sachen. So war letzten Freitag die „Real Art Roadshow“ da, ein fetter Lastwagen voll mit neuseeländischer Kunst, die sich alle Schüler über den Tag verstreut angeschaut haben. Waren schon ein paar nette Werke dabei,

Soviel dazu, und es ist jetzt auch wirklich viel.

Zum Abschluss noch: ich mache keine Arbeit, die nicht ein anderer machen könnte.  Trotzdem erachte ich sie als sinnvoll. Ich denke nämlich, dass ich schon eine große Hilfe für die meisten Lehrer bin. Weil ich Sachen mache, die sonst sehr viel Zeit rauben, die man besser investieren kann. So kann der Lehrer bspsw. mit seiner Gruppe Schülern konzentriert arbeiten und wird nicht immer von Fragen der anderen torpediert, weil ich ja dafür da bin. Außerdem bin ich natürlich auch ein kultureller Gewinn für die Schule und ein spaßbringendes Objekt für die Schüler 😛

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2 Kommentare

  1. Tati Boki

     /  September 22, 2010

    Das hört sich alles echt toll an. da hätte ich wohl auch spaß dran haben können…. ;D aber ich war zu schissig, um das wagnis „ein jahr allein im ausland“ anzugehen. Meinen respekt hast du also allemal! 😀
    Liebe Grüße – schreib ruhig weiter so oft in deinen blog! -,
    Tatjana =)

    Antwort
    • Na, du warst doch auch schon in den USA 😛 Das hatte ich damals versäumt.
      Aber schön, dass es dir gefällt, dann bin ich umso motivierter.
      Die Landschaft ist aber nicht so umwerfend wie auf den Fotos, ein Foto kann diese Schönheit gar nicht einfangen, sondern nur einen kleinen Ausschnitt liefern. Das muss man mit eigenen Augen sehen!
      Viel Spaß dir beim Studiumsanfang 🙂

      Antwort

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